Die Melancholie des nordischen Sommers

In Finnisch-Lappland lockt die letzte authentische Wildnis Europas. Sie bildet die Kulisse für urige Typen, domestizierte Rentiere und kulinarische Erlebnisse wie geräucherten Lachs oder Elchragout.

Wälder und Seen, soweit das Auge reicht: Finnisch-Lappland bietet sich für ausgedehnte Streifzüge durch die Wildnis an. Foto: Denis Caviglia (Laif)

Wälder und Seen, soweit das Auge reicht: Finnisch-Lappland bietet sich für ausgedehnte Streifzüge durch die Wildnis an. Foto: Denis Caviglia (Laif)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Mann, der uns aufs Fjäll geführt hat, denkt grosszügig. «Wäre die Luft klarer», behauptet Eero Fisk, «sähe man von hier oben bis nach Russland.» Der Blick schweift über die grüne Sommerlandschaft Finnisch-Lapplands, hangabwärts wirkt der Wald klein und zerzaust, besteht nur aus wind- und kälteresistenten Sträuchern. Weiter unten wird er immer dichter und höher: Kiefern, Fichten, Birken verschmelzen zu einer einzigen grünen Masse, durchbrochen von kahlen Bergen, den Fjälls. Das raue Klima sorgt dafür, dass die Vegetation nördlich des Polarkreises ab 350 Metern über Meer kaum mehr überleben kann. «Hier seht ihr die letzte authentische Wildnis Europas», legt Eero nach. Er hat uns von Luos­to hierher eskortiert und zeigt, wie man mit Harz Schnittwunden verarztet oder welche Bäume vom Rentier besonders gern angeknabbert werden.

Er kenne sich aus, sagt Eero, schliesslich habe er über 30 Jahre in der finnischen Armee gedient. Mit einem Funkeln in den Augen erzählt der Veteran von Raketenabwehr und vertröstet uns auf weitere Erläuterungen nach dem Nachtessen. Aber uns fehlt dafür die Zeit, abends findet in Luosto ein Konzert im Rahmen des alljährlichen Klassikfestivals statt. Man wundert sich, wer auf die Idee gekommen ist, an einem derart abgelegenen Ort ein Festival mit hochkarätiger Besetzung auf die Beine zu stellen. Doch die Rechnung scheint aufzugehen. Der grosse Festsaal unseres Hotels ist bis auf den letzten Stuhl besetzt, als ein Trio Simon-&-Garfunkel-Songs instrumental neu interpretiert.

Den endlos langen, hypnotisierenden Solos lauschen überwiegend Rentner, eher passiv, aber mit einem zufriedenen Ausdruck im Gesicht. In Gedanken scheinen sie in besseren Zeiten zu schwelgen. Die Atmosphäre, die irgendwie an ein improvisiertes Turnhallenkonzert erinnert, hat etwas zutiefst Melancholisches, und während die Sonne zu später Stunde noch am Horizont entlangschleicht, stellt sich dem Mitteleuropäer die Frage: Wie hält man es bloss in dieser Einöde mehr als ein paar Wochen aus?

Klaustrophobes Grün

Dass die Umgebung gewöhnungsbedürftig ist, zeigt sich auf der Fahrt nach Norden, zum Land der Samen. Die lange Reise im engen Korridor, der durch den Wald geschlagen wurde, wird beinahe zum klaustrophoben Erlebnis. Die Aussicht beschränkt sich auf grünes Dickicht. Eigentlich die ideale Voraussetzung, um in einen tiefen Schlaf zu versinken, wären da nicht die regelmässigen Bremsmanöver. Sie sind den zahlreichen Rentieren zu verdanken. Fahrer Markku scheint die plötzlich auf die Strasse trottenden Waldbewohner bereits aus weiter Entfernung zu bemerken – wahrscheinlich hat er dafür einen sechsten Sinn entwickelt. 200 000 Rentiere soll es in Finnisch-Lappland geben; wirklich wilde Rens gibt es keine mehr, sie sind alle domestiziert.

40 Prozent der finnischen Samen leben von der Rentierzucht, obwohl es für das einstige Nomadenvolk immer schwieriger wird, passende Lebensräume für die Tiere zu finden. Nach ein paar Stunden Fahrt erreichen wir Saariselkä, ein Kaff, das 250 Einwohner zählt und mehrere Tausend Hotelbetten bietet. Sie sind vor allem in der kalten Jahreszeit gut belegt, wenn Touristen auf der Suche nach dem wahren Winter und dem Nordlicht hierherkommen.

Im Sommer ist der angrenzende Urho-Kekkonen-Nationalpark mit den unzähligen Wanderwegen und Rastplätzen ideal für ausgiebige Streifzüge durch die Wildnis. Auf einer kurzen Wanderung im Park pflücken wir verschiedene Beeren und trinken aus einem der glasklaren und eiskalten Bäche, bis wir an einen kleinen, idyllischen Järvi gelangen, einen trüben See. Am Ufer steht eine traditionelle Kota, eine Art hölzernes Tipi mit einem schachtdeckelgrossen Loch in der Mitte, aus dem der Rauch abziehen kann. Ein überaus schmackhafter und deftiger Lachseintopf wird serviert, als Dessert gibt es auf dem Feuer zubereitete Pfannkuchen mit Heidelbeergarnitur. Überhaupt ist diese Reise auch eine kulinarische Offenbarung. Wer der lokalen Spezialität Rentierfilet nichts abgewinnt, hat immer noch die Auswahl aus Dutzenden unterschiedlich zubereiteten Fischsorten. Jeder Finne, heisst es, sei auch ein Fischer.

Keijo Taskinen, den wir auf der Rückreise nach Süden im Dorf Äkäslompolo treffen, ist ein wahrer Tausendsassa: Wildtierbiologe, Outdoorspezialist, Touristenführer, mehrfacher Buchautor, Fotograf und seit neuestem Gastronom. Am Nachmittag führt er uns im strömenden Regen durch die üppig bewachsenen Täler der Fjäll-Landschaft. Die Ausführungen zur Flora und Fauna lassen uns die triefend nassen Schuhe und Kleider fast vergessen. Noch widriger werden die Umstände, als wir über die Waldgrenze hinaus auf die Hochebene steigen. Hier regnet es in der Horizontalen, der kalte Wind bläst uns unerbittlich um die Ohren. Die vom saisonalen Eis gespaltenen Felsen erinnern an eine Mondlandschaft. Die Sicht beträgt nur wenige Meter, und als plötzlich ein verängstigtes Jung-Ren aus dem Nebel prescht, kippt die Stimmung ins Mystische, fast Unheimliche.

Einsamkeit als Charaktertest

Keijo aber führt uns unversehrt ins Dorf zurück. Zum Glück, denn am Abend werden wir von ihm meisterhaft bekocht. Im Forsthaus, wo vor ein paar Jahrzehnten noch Dutzende Arbeiter auf engem Raum lebten, serviert er uns ein köstliches Elchragout und darauf den wohl besten Lachs, den wir je gegessen haben. Das Räuchern am Lagerfeuer hat dem Fisch die besondere Würze verliehen. Bei einem Olut-Bier, verfeinert mit dem einheimischen Minzlikör Minttu, erzählt Keijo von seinen Streifzügen durch die Wildnis. Die wahre Herausforderung, sagt der urige Typ, sei es, mehrere Wochen allein zu sein, ohne jeglichen Kontakt zur Aussenwelt. «Du kommst an deine emotionalen Grenzen.»

Die Reise wurde unterstützt von Kontiki.

Erstellt: 01.04.2015, 19:25 Uhr

Ostsee-Archipel Åland

Ländliches Kleinod

Raus aus dem Bett! Denn an Schlaf ist nicht zu denken. Viel zu hell. Also hinaus über die mit Flechten bewachsenen Felsen, hinunter ans Meer – auch wenn es schon fast Mitternacht ist. In den Lücken zwischen den Wolkentürmen am Himmel zeigen sich Fetzen von Blau, das sich mit Silber mischt. Das Licht ist in skandinavischen Sommern wie verzaubert und will sich nicht in die Nacht verabschieden. Genauso wenig wie die Menschen.

Der Ostsee-Archipel liegt am südlichen Eingang zum Bottnischen Meer­busen, ziemlich in der Mitte zwischen Finnland und Schweden. Åland besteht aus über 6700 Inseln und Inselchen, davon sind nur 60 dauerhaft bewohnt; viel mehr als 28'000 Menschen leben hier nicht. Genug Platz also, um sich aus dem Weg zu gehen. Und ein wunderbarer Ort, um sich ein bisschen zu verlieren: «Da seid ihr hier genau richtig!», strahlt Satu Numminen, die ein lupenreines Schwedisch spricht und doch in Finnland aufgewachsen ist. Denn die Åland- Inseln gehören zwar zu Finnland, sind jedoch weitestgehend autonom vom Festland – Schwedisch ist die einzige Amtssprache.

Satu arbeitet als Inselführerin auf Kumlinge: ein paar verstreute Häuser, 340 Einwohner, Wald und Wiesen, Felder und Wasser, wohin man schaut. «Manchmal muss man die Touristen an die Hand nehmen», sagt die junge blonde Frau und lacht. «Sonst übersehen sie, was wir hier Schönes haben!» Mit den Gästen erklimmt sie die kleine Anhöhe und zeigt auf die Windmühlen, die sich gegen den blauen Himmel lehnen: Miniaturausgaben aus verwittertem Holz. Pittoresk auch die Kirche, welche die Insel in ganz Skandinavien so berühmt gemacht hat: St. Anna, sie stammt aus dem 13. Jahrhundert.

Nachbarn in Schwimmdistanz

Einfach in die Ostsee zu springen und zu schwimmen, das würde manchmal schon reichen, um im Åland-Archipel von Insel zu Insel zu gelangen. Wenn die Distanz etwas grösser ist, kommen die Fähren ins Spiel. Sie ersetzen die Brücken, die es ohnehin nur selten gibt. Ein Transportschiff bringt uns zu Ann und Åsmund Sundberg, die eine Schafsfarm namens Marskogens in Finström auf der Hauptinsel Fasta Åland führen: ein ochsenblutfarbenes Holzhaus, davor eine Spielwiese mit rotem Tretauto.

Ann kommt mit einem Tablett in der Hand aus dem Hofladen: «Wollt ihr auch einen Kaffee?» Glück gehabt! Es ist Fika-Zeit. Fika ist eine ziemlich wichtige Angelegenheit, eine geliebte und gelebte Tradition. Die skandinavische Antwort auf den Afternoon-Tea der Briten. Ann stellt den Schokokuchen auf den Tisch, der direkt an die Schafsweide grenzt. 28 Mutterschafe grasen hier, regelmässig kommen Lämmer dazu. Die Lamms-näckor, hausgemachte Bratwurst in Schneckenform, ist der Verkaufshit. Weil sie so gut schmeckt, kommen die Nachbarn zum Einkaufen und bleiben gleich zur gemütlichen Fika. Denn das ist eigentlich das Beste am Kaffeetrinken, finden die Åländer: das Zusammensein.
Brigitte Jurczyk

Anreise: Mit Swiss oder SAS nach Stockholm, mit Nextjet weiter nach Mariehamn auf die Hauptinsel Fasta Åland. Oder mit Finnair über Helsinki. Tägliche Fährverbindungen ab Finnland und Schweden.

Übernachten: auf der Hauptinsel Fasta Åland im Hotel Havs Vidden www.havsvidden.com

Allgemeine Infos: www.visitaland.com

Finnisch-Lappland

Tipps und Adressen

Anreise: Helvetic Airways fliegt vom 19. Juni bis zum 7. August einmal wöchentlich ab Zürich nach Rovaniemi. Retour ab 850 Fr. www.kontiki.ch

Arrangements: Kontiki bietet diverse Rundreisen in Skandinavien an, zum Beispiel eine 8-tägige, begleitete Reise durch Lappland, inklusive Flug ab 3250 Franken, oder den Nordkap-Superhit, eine 8-tägige Mietwagenrundreise in Finnisch-Lappland mit Direktflug nach Rovaniemi und Fahrt ans Nordkap, DZ ab 1690 Franken. www.kontiki.ch

Reiseveranstalter: Weitere Nordland- Spezialisten sind Glur, AG Traveltrend, Travelhouse/Falcontravel.

Unterkunft: Die Kette Lapland Hotels unterhält in allen grösseren Orten Hotels der Mittelklasse, oft mit zimmereigener Sauna. www.laplandhotels.com

Forsthütte-Restaurant: Elämänluukku, www.elamanluukku.fi/31

Nationalparks: Urho-Kekkonen, www.outdoors.fi/urhokekkonennp, Lemmenjoki, www.outdoors.fi/lemmenjokinp

Klima: In Lappland herrscht subarktisches Klima: kurze, milde Sommer und kalte, schneereiche Winter. Die Mitternachtssonne kann am Polarkreis (bei Rovaniemi) vom 6. Juni bis zum 7. Juli beobachtet werden. Nordlichter sind vor allem in klaren Winternächten zu sehen, eher selten im Sommer.

Allgemeine Informationen:www.visitfinland.com

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Herbstlich gefärbte Weinberge: Winzer arbeiten in Weinstadt, im deutschen Baden-Württemberg. (17. Oktober 2019)
(Bild: Christoph Schmidt/DPA) Mehr...