Dreissig Tonnen Liebe

In der Dominikanischen Republik gibt es Walflüsterinnen. Die Kanadierin Kim Beddall weiss alles über die karibische Kinderstube der Buckelwale.

Der Buckelwal winkt mit der Seitenflosse den Passagieren auf einem Whalewatching-Boot in der Bucht von Samaná. Foto: Stefan Meyers

Der Buckelwal winkt mit der Seitenflosse den Passagieren auf einem Whalewatching-Boot in der Bucht von Samaná. Foto: Stefan Meyers

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«Auf neun Uhr!» Kim Beddall nimmt mit der Stoppuhr die Zeit und weist mit ausgestrecktem Arm aufs Meer. «Da war ein Blas, eine Fontäne, genau auf neun Uhr.» Neun Uhr bedeutet backbord querab – oder einfach: links. «Ihr müsst euch das Schiff als Uhr vorstellen», hat die 62-jährige Kanadierin ihren Passagieren erklärt, als ihr Whalewatching-Boot Pura Mia eine Stunde zuvor aus dem Hafen von Santa Barbara lief. «Der Bug ist auf zwölf, das Heck auf sechs Uhr – so wisst ihr, wo die Wale zu sehen sind.» Der dort draussen müsste auf neun Uhr nach fünf bis sieben Minuten wieder auftauchen, so lange währt die durchschnittliche Verschnaufpause eines Buckelwals.

Die Provinz Samaná im Osten der Dominikanischen Republik liegt auf einer Halbinsel, die eine grosse Bucht umschliesst. Die Samaná Bay ist seit je eine bei Buckelwalen beliebte Kinderstube und dank Beddalls Engagement das drittgrösste Walschutz-Gebiet im Nordatlantik.

Captain Mariano King drosselt den Motor. Zu seiner Rechten hat sich Svenja Kluge im Schneidersitz eingerichtet. Eine Hand schirmt ihre Augen ab, die andere hält die Kamera mit dem grossen Teleobjektiv. Die 26-jährige Grafikdesignerin aus Denzlingen, einem Dorf am Rande des Schwarzwalds, arbeitet in einem Münchner Atelier für die Touristikbranche.

Jetzt gehört sie zu Kims Team und trägt stolz das gleiche blaue Poloshirt wie die Chefin, darauf sind die Konturen eines Buckelwals aufgedruckt mit dem Label der Firma: «Whale Samaná». «Whalewhisperer» hätte auch gut gepasst – für beide Frauen.

Die meisten Wale haben einen Namen

Seit 36 Jahren ist Kim Beddall mit den Buckelwalen in der Samaná Bay auf Du und Du. Die meisten Tiere, die regelmässig in die Karibik migrieren, kennt sie mit Namen. Wenn jemand Wale im Flüsterton versteht, dann ist es diese Frau.

Offiziell ist der Titel «Walflüsterin 2019» ein geschütztes Markenzeichen; er gebührt Svenja Kluge, die vor drei Tagen ihren ersten Wal gesehen hat: «Ich war tief berührt; mir sind die Tränen gekommen.» Im Dezember hat sie einen Pottwal auf ihr Surfbrett gemalt, ist damit über einen Acker gehüpft und hat verkündet, dass sie als Wellenreiterin im selben Element zu Hause sei wie die Wale. Mit diesem Videoclip hat sie sich bei der deutschen Niederlassung des dominikanischen Tourismusministeriums beworben – und mit dem Titel auch die Reise in die Karibik gewonnen. Svenja kennt die Branche, sie kann damit leben, ein Marketingobjekt zu sein: «Mir geht es um den Schutz der Wale, um den respektvollen Umgang mit ihrem Lebensraum.»

Kim Bedall (l.) und Svenja Kluge schützen Wale. Foto: Daniel J. Schüz

So erklärt sie den Passagieren auf der Pura Mia, dass es sinnvoller sei, Wale zu beobachten, statt sie zu töten. Sie bloggt auf Facebook, postet auf Instagram die schönsten Strände und rät ihren Followern, für den Apéro-Drink bitte Strohhalme statt Plastikröhrchen zu verwenden: «Plastik tötet die Tiere im Meer!» Und die junge Deutsche fährt mit dem Schiff der Walforscher hinaus, um Schwanzflossen zu fotografieren und sie mit den Fluken der 2300 bereits registrierten Individuen abzugleichen.

Die Fluken sind wie ein Fingerabdruck; sie helfen, mehr über das Migrationsverhalten zu erfahren. Nach der Paarung ziehen die Buckelwale siebentausend Kilometer Richtung Nordatlantik, um sich vor Kanadas Küsten die Bäuche tonnenweise mit Kabeljau und Hering vollzuschlagen. Später im Jahr kehren die trächtigen Walkühe zurück in die Karibik, um ihre Kälber in warmen Tropengewässern zu gebären – dort, wo sie elf Monate zuvor gezeugt worden sind. «Es sind zwei», jubelt Kim und konsultiert ihre Uhr: Exakt sechs Minuten hat es bis zum erneuten Auftauchen gedauert. «Auf halb zehn, eine Mutter mit ihrem Jungen, zwei, höchstens drei Wochen alt, noch ist es kleiner als Mamas Flipper.» Sie meint die vier Meter lange Seitenflosse. «Seht, wie sanft die Mutter ihr Baby auf dem Kopf zur Wasseroberfläche führt.»

Die Wal-Mutterpräsentiert ihr Kalb

Es sieht aus, als wolle Mama Buckelwal den Menschen auf dem Boot das schöne Baby präsentieren: Sie winkt mit der Flosse, stupst das Kleine an: «Sag schön Grüezi zu den Leuten!» Die Touristen sind entzückt, Kameraverschlüsse klicken. «Bitte nicht alle auf eine Seite», warnt Kim. «Wenn die an der Reling sitzen bleiben und die anderen aufstehen, sehen alle was – und das Schiff kentert nicht.»

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Auf der Rückreise erfahren die Passagiere allerlei Wissenswertes über die Meeressäuger. Jeden Tag trinkt ein Walkalb gegen 200 Liter Milch und legt 50 Kilo Gewicht zu, während die Mutter fastet und in zwei Monaten erhebliche Fettreserven abbaut – an die zehn Tonnen. «Das Baby muss in acht Wochen fit werden für die lange Reise in den Norden», erklärt Kim.

Am liebsten wäre sie Tierärztin geworden. Aber sie ging dann doch hinaus aufs Meer und hinunter in die Tiefe. Als junge Tauchlehrerin hat es sie nach Samaná verschlagen. «Hier hab ich meine Liebe zu den Walen entdeckt und bin geblieben.» Mit der Gründung ihres Whalewatching-Unternehmens hat Kim Beddall schon vor drei Jahrzehnten vorgemacht, wie man Walforschung, Artenschutz und Business verbinden kann. Das Geld, das sie mit ihrem Schiff verdient, steckt sie in einen Gnadenhof, wo bedürftige Hunde, Katzen, Pferde und andere Tiere gepflegt werden. Die Wintermonate aber gehören den Walen.

Was macht den Zauber dieser Tiere aus? «Sie beeindrucken allein schon durch ihre Grösse», sagt Kim. «Vor allem aber fasziniert mich ihr Gesang. Nur drei Säugetiere können so melodisch singen: der Buckelwal, der Gibbon – und der Mensch.» Für Svenja Kluge ist es «Liebe», und zwar «nicht nur ein bisschen», sagt die Walflüsterin 2019. «Der Buckelwal ist dreissig Tonnen reine Liebe.»

Die Reise wurde unterstützt vom Touristenbüro der Dominikanischen Republik.

Erstellt: 07.03.2019, 19:56 Uhr

Die Insel der Wale

Anreise: Eurowings fliegtsamstags ab Zürich via Düsseldorf nach Samaná, Edelweiss dreimal wöchentlich ab Zürich nach Punta Cana an der Ostküste der Dominikanischen Republik. www.flyedelweiss.com

Reiseveranstalter: TUI Suisse, Hotelplan/Travelhouse, Kuoni/Helvetic Tours.

Hotel-Tipp: Villa Serena, direkt am Strand im Nordender Halbinsel Samaná. www.villaserena.com

Whalewatching: www.walfluesterer.de, www.whalesamana.com

Saison von Mitte Januar bis Anfang April.

Allgemeine Infos:

www.GoDominicanRepublic.com

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