Dürfen Fluggäste bald wieder Flüssigkeiten an Bord nehmen?

Dank 3D-Scans soll das Flüssigkeiten-Verbot auf britischen Flughäfen bis 2022 fallen. Zieht die Schweiz nach?

Seit 2006 ist an Flughäfen die Mitnahme von Flüssigkeiten im Handgepäck genau reglementiert. Foto: Keystone

Seit 2006 ist an Flughäfen die Mitnahme von Flüssigkeiten im Handgepäck genau reglementiert. Foto: Keystone

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Eine Bombenexplosion an Bord mitten im Flug ist der Albtraum so manchen Passagiers. Zwar ist umstritten, ob Attentate mit Flüssigsprengstoffen tatsächlich möglich sind, weil sie viel schock- und schlagempfindlicher sind als Sprengstoffe in fester Form. Und es hat bisher keine bekannten Versuche gegeben, mit Flüssigsprengstoff einen Anschlag gegen ein Flugzeug zu begehen.

Trotzdem gelten flüssige Explosivstoffe als Sicherheitsrisiko. Deshalb ist seit 2006 an Flughäfen weltweit die Mitnahme von Flüssigkeiten im Handgepäck genau reglementiert: Passagiere dürfen nur Flüssigkeiten in Behältnissen von 100 Millilitern oder weniger mitführen, und diese, maximal zehn an der Zahl, müssen in einem verschliessbaren Plastikbeutel untergebracht werden. Ausnahmen gibt es nur für ärztlich verschriebene Medikamente, Baby- und Spezialnahrung.

USA und Grossbritannien setzen auf neue Scanner

Diese Prozeduren sind umständlich, und wer sie vergisst, muss bei der Sicherheitskontrolle schweren Herzens sein teures Chanel-Fläschchen, das Mineralwasser oder die Zahnpasta im bereitstehenden Abfallsack versenken.

Doch diese umständliche Flüssigkeiten-Regelung könnte demnächst überflüssig werden – dank moderner Technologie. Neuste 3D-Scanner, vergleichbar mit CT-Scannern in Kliniken, stellen die Inhalte von Handgepäckstücken sehr viel detaillierter dar als die bisher verwendeten Apparate. Sicherheitsbeamte können diese Aufnahmen auch rotieren und zoomen, um ein genaues Bild zu erhalten. Der Scanner kann die Masse und Dichte von Objekten kalkulieren und mithilfe von Algorithmen entscheiden, ob ein Inhalt potenziell gefährlich ist. Mit anderen Worten: Die Flüssigkeiten werden von der Maschine als gefährlich beziehungsweise harmlos erkannt.

In den USA hat die Transportation Security Administration (TSA) die hypermodernen 3D-Scanner bereits getestet. Für einen Listenpreis von 96,8 Millionen Dollar wurden nun 300 Geräte bestellt, welche bereits ab nächstem Jahr an grossen US-Flughäfen im Einsatz stehen sollen. 2000 dieser Apparate wären laut TSA nötig, um alle Airports im Land auszurüsten. «Wir denken, dass in vielleicht fünf Jahren oder so kein Passagier mehr irgendetwas aus seinem Handgepäck herausnehmen muss», sagt der TSA-Administrator, Vizeadmiral David Pekoske, dazu.

«Wir verfolgen die neuen Technologien aufmerksam.»Sonja Zöchling, Flughafen Zürich

In Grossbritannien könnte die neue Regel noch rascher Realität werden: Sämtliche grossen Flughäfen des Königreichs müssen bis spätestens 2022 3D-Scans anschaffen und einsetzen. Der grösste Airport allein, London-Heathrow, wird rund 50 Millionen Pfund (rund 60 Millionen Franken) in den Kauf neuer Scanner investieren. Auch der norwegische Flughafenbetreiber Avinor ist daran, solche Scanner einzusetzen. Der Vorteil ist klar: Reisende dürfen wieder ohne umständliche Prozeduren – und ohne schikaniert zu werden, wenn sie diese vergessen haben – harmlose Flüssigkeiten, Salben und Pasten im Handgepäck mitführen. Auch Laptops und andere elektronische Geräte, die heute separat aufs Security-Rollband gelegt werden müssen, könnten im Gepäck bleiben. Das würde die oft mühsamen Sicherheitskontrollen erleichtern und erst noch den Abfallberg verkleinern, weil bei der Sicherheitskontrolle weniger konfisziert und weggeworfen werden müsste.

Zürich hinkt dieser Entwicklung hintennach, wie eine Anfrage bei Flughafensprecherin Sonja Zöchling ergibt. Die Einführung von 3D-Scannern ist derzeit noch nicht auf der Traktandenliste: «In diesem Jahr ist noch kein Test mit den neuen Geräten geplant. Die Durchführung eines solchen Tests braucht eine lange Vorlaufzeit.» Sonja Zöchling weist aber darauf hin, dass eine eventuelle Einführung in erster Linie Sache der Regulierungsbehörde, nicht des Flughafens sei. In der Regel erlässt die EU neue Bestimmungen, welche das Bundesamt für Zivilluftfahrt (BAZL) prüft und auch auf die Schweiz anwendet.

Die Schweiz hinkt nach

Das BAZL würde dem Flughafen Zürich allerdings nicht vorschreiben, solche Geräte einzusetzen. Er würde lediglich geänderte Sicherheitsprozeduren verfügen, und zwar für alle Schweizer Flughäfen. Danach würde der Flughafen Zürich so rasch wie möglich aktiv werden mit der Anschaffung solcher Scanner. Die Kosten dafür müsste der Flughafen selber tragen. Diese werden über die Sicherheitsgebühr, momentan 13 Franken pro Passagier, refinanziert.

«Wir verfolgen die neuen Technologien aufmerksam», sagt Sonja Zöchling. Doch wie es aussieht, dürfte es noch etwas länger als anderswo dauern, bis auch in der Schweiz die lästigen Flüssigkeitsbestimmungen aufgehoben werden.

Erstellt: 09.09.2019, 14:46 Uhr

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