Eingeklemmt und einzigartig

Uruguay ist die «Schweiz Südamerikas» und überrascht mit Traumstränden, Spitzenweinen.

Pittoreskes Ausflugsziel für Argentinier in Uruguay: Die Kleinstadt Colonia del Sacramento, gegenüber von Buenos Aires. Foto: Zoonar GmbH, Alamy

Pittoreskes Ausflugsziel für Argentinier in Uruguay: Die Kleinstadt Colonia del Sacramento, gegenüber von Buenos Aires. Foto: Zoonar GmbH, Alamy

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Der Superfussballer und das Hotelzimmer

Eigentlich gleicht Montevideo einer Metropole mit Patina im mediterranen Raum. Es fehlt an Eleganz. Neobarocke Palais, wuchtige Mussolini-Architektur und hässliche Zweckbauten säumen die Einkaufsmeile Peatonal Sarandí. Hübscher Kolonialstil? Fast Fehlanzeige in Uruguays Hauptstadt. Dafür überrascht ein freiheitlicher Geist. Die katholische Kirche hat auf die Politik in Uruguay keinen Einfluss. Abtreibung ist liberalisiert, Heirat unter Gleichgeschlechtlichen erlaubt und Marihuana gegen Rezept in der Apotheke erhältlich.

Uruguays Ökonomie hängt ab vom Gedeihen der Landwirtschaft und vom Betrieb in Montevideos Hafen. Hier legen pro Jahr 200 Kreuzfahrtschiffe an. Die Touristen sind neugierig auf das kleine Land, das eingeklemmt ist zwischen den Riesen Argentinien und Brasilien und das seine Bekanntheit auch unerschrockenen Fussballspielern verdankt. Caterina Bonan hat Héctor Scarone eines der 15 Hotelzimmer im Alma Historica Boutique Hotel in Montevideo gewidmet – einem grossen Namen aus den Urzeiten des Fussballs, lange bevor Uruguay 1950 im WM-Final im Maracanã ­Brasilien 2:1 besiegte und den übermächtigen Nachbarn in nationale Depression stürzte. Caterina hat das Hotel zusammen mit ihrem Mann vor fünf Jahren ­eröffnet. Die Geschäfte laufen immer besser – die Konkurrenz zieht mit: «In Montevideo gibt es neue hochsternige Hotels, das bringt den Tourismus auf Trab», sagt die gebürtige Italienerin. «Uruguay hat einen grossen Vorteil, es ist das sicherste Reiseland in Südamerika.»

«Satisfaction» für den Trommler

Das Radio, aus dem eine Schnulze scheppert, stört Fernando Lobo Nuñez nicht: Flink fegen Finger und Handballen über die straff gespannte Kuhhaut. Lobo strahlt. Der 63-Jährige mit afrikanischen Wurzeln wuchs im Quartier Barrio Sur am Hafen von Montevideo auf. Er ist nicht nur ein begnadeter Percussionist, sondern auch ein berühmter Trommelbauer. «Seit 1974 mache ich nichts anderes», sagt Lobo in seiner engen Werkstatt und zeigt die an Fassdauben erinnernden Latten aus Zedern- oder Pinienholz, die, fixiert von Eisenreifen, den Klangkörper der Trommel bilden. «Jedes Instrument ist wie ein Kind», sagt Lobo.

Fernando Lobo Nuñez trommelte einst mit Mick Jagger. Foto: Vanessa Bay

Die Trommeln der Grössen und Tonlagen Piano, Chicco und Reliquie werden vor allem zur Zeit des Karnevals in Montevideo geschlagen. Candombe heisst das Tanzspektakel. Dutzende von Formationen mit bis zu 80Trommlern und Tänzern ziehen durch den Stadtteil Palermo. Einst diente die Trommel den afrikanischen Sklaven auf den abgelegenen Farmen als Kommunikationsmittel. Ihre Nachfahren bleiben die Würdenträger des Candombe. «Aber heute machen Uruguayer aller Ethnien mit – Spanier, Italiener, Japaner oder Polen», sagt Lobo, «wir sind eine grosse friedliche Familie.»

Lobos glücklichster Tag? «Der 15. Februar 2016», sagt er und lacht. Am Vorabend eines Rolling-Stones-Konzerts in Montevideo überraschte Mick Jagger Lobo mit einem Besuch. «Ich erklärte ihm meine Kunst, dann kam er mit zu mir nach Hause, und die ganze Familie trommelte für ihn.» Die Rocklegende blieb bis nach Mitternacht, bis Lobos Geburtstag begann. «Mick war sich nicht zu schade, ‹Happy Birthday› und ‹Satisfaction› zu singen.»

Maserati und Millionäre

Im Revier um die Insel Lobos leben 300?000 Seelöwen. Maserati ist der vorwitzigste, er wuchtet seine 400 Kilo am Fischer­hafen von Punta del Este auf festen Boden. Enrique, ein Spassmacher in Matrosenkluft, erwartet das Ungetüm. Maserati schnauft schwer, lässt sich vom toten Fisch, den Enrique ihm entgegenstreckt, nicht zu Kapriolen verführen, schaut kurz in die Runde und gleitet erstaunlich elegant zurück ins Wasser, verfolgt vom Klicken unzähliger Handykameras.

Touristen wollen in Punta del Este unterhalten werden. Eine Viertelmillion Fremdenbetten gibt es an der Mündung des Rio de la Plata. Vor allem Argentinier, Brasilianer, Paraguayer und Amerikaner verbringen in Punta del Este die Sommerferien, für Einheimische ist der Nobelort zu teuer. Dass Bruce Willis oder ­Zinedine Zidane hier weilten, erfährt man in Uruguay eher aus argentinischen Klatschpostillen als aus der heimischen Presse.

Für Gutbetuchte: Resort Playa Vik in José Ignacio. Foto: PD

Punta del Este ist das St. Moritz von Südamerika, mit drei Casinos, einer üppigen Clubszene und schrillen Künstlern, die hinter den endlosen Sandstränden Inspiration finden. Wer sich vom Rummel fernhalten möchte, bucht das Resort Playa Vik in José Ignacio. Ohne dickes Bankkonto passt das nicht: Eine Villa mit drei Zimmern kostet, Frühstück inklusive, 4200 Dollar pro Nacht. «Eine Rechnung beläuft sich in der Hochsaison im Schnitt auf 80'000 Dollar», erläutert Hotelmanagerin Sabrina D’Agrossi. Das Chillen im Infinity Pool avanciert im Resort, das ein Werk des Burj-al-Arab-Architekten Carlos Ott ist, zum abendlichen Ritual. Gratis: der urtümliche Sound der südatlantischen Wellen.

Zum Fotosujet degradiert

Subtropische Vögel lärmen in den Baumkronen, eine sanfte Brise streicht über die Halbinsel. Gruppen von Latinos bummeln palavernd durch das Städtchen. An Wochenenden trifft man in Colonia del Sacramento deutlich mehr Argentinier als Uruguayer. Die hübsche Kleinstadt ist für die Einwohner von Buenos Aires ein pittoreskes Ausflugsziel. Bis zu 15 Fähren legen täglich die 45 Kilometer von der argentinischen Hauptstadt über den Rio de la Plata zurück. 1995 hatte die Unesco Colonia zum Welterbe erklärt. Das Städtchen ist ein Unikat in Südamerika: Es zeigt friedlich vereint portugiesischen und spanischen Kolonialstil, Zeugen der ständig wechselnden Herrschaft. 1680 hatten die Portugiesen auf der Halbinsel ein Fort gegründet, von dessen Mauern aus man den Schiffsverkehr nach Buenos Aires im Auge behielt.

Neben unterschiedlichen Dachformen und Fassaden deutet die Beschaffenheit der kopfsteingepflasterten Gassen auf die Bauherren hin: Gassen spanischen Ursprungs fallen von der Mitte her zu beiden Seiten leicht ab, die portugiesischen weisen erhöhte Ränder auf. Nur noch 15 Familien hausen im herausgeputzten Zentrum. Dafür wimmelt es von Cafés, Restaurants, kleinen Hotels und Museen – fünf an der Zahl. Sie stehen vis-à-vis dem Leuchtturm, der wie der ganze Ort als Fotosujet dient.

Schwerer Tropfen, lange Tradition

In einem Land, dessen Bewohner pro Kopf mehr Whisky trinken als die Schotten, scheint es keine gute Idee, auf Weinproduktion zu setzen. Doch Ana Paula Cordano lebt mit ihrer Familie anständig vom Ertrag der acht Hektaren des Weinguts Almacen de la Capilla in Carmelo. «Nachdem 2015 ‹die New York Times› über uns berichtet hatte, stieg die Nachfrage stark», sagt Ana. 10'000 von 80'000 Liter Jahresproduktion gehen als edle Flaschenweine weg, gereift in Fässern aus französischer Eiche.

Ana keltert vor allem Tannat, einen schweren Rotwein, typisch für das kleine Weinland Uruguay, der prima zum hiesigen Lieblingsessen passt: Rindfleisch. 95 Kilo verzehrt der Durchschnittsuruguayer pro Jahr; auf 3,3 Millionen Einwohner kommen 14 Millionen Rinder. Reben und Gras gedeihen hervorragend in diesem angenehmen Klima. «Aber in den letzten Jahren macht uns Hagel, ein neues ­Phänomen, zu schaffen», sagt Rebbäuerin Ana, deren Ahnen aus Ligurien ausgewandert waren. Die hundertjährige Kasse im Verkaufslokal belegt die lange Tradition des Weinguts.

Ein paar Kilometer weiter veredelt ein reicher uruguayischer Geschäftsmann seinen önologischen Traum mit einem luxuriösen Hotel. Die Finca Narbona inmitten von Reben beherbergt neben einem Gourmet-Restaurant nur fünf Zimmer und diverse Dauergäste, etwa eine ein Meter lange Iguana-Echse, die unbeirrt durch den palmenbestückten Hotelgarten eilt.

Die Reise wurde unterstützt von Edelweiss Air und Dorado Latin Tours.

Erstellt: 16.01.2020, 17:14 Uhr

Kleinstaat am AtlantikTipps

Flüge: Edelweiss fliegt zweimal pro Woche direkt von Zürich nach Buenos Aires, www.flyedelweiss.com, einstündige Fährentransfers nach Colonia del Sacramento oder Weiterflug nach Montevideo.Reiseveranstalter: Dorado Latin Tours ist Spezialist für Latein­amerika und bietet ein schönes Uruguay-Programm mit Fokus auf individuelle Rundreisen. Tel. 058 702 60 45, www.dorado-latintours.chArrangement: Die Privatreise «Gegensätze Uruguays»von Dorado Latin Tours führt von Colonia del Sacramento über die Finca Narbona (Wein­baugebiet) nach Montevideo und weiter zu den Stränden von Punta del Este und José Ignacio. Ab 4850 Fr. p. P. im DZ.Hotels: Finca Narbona, www.narbona.uy; Alma Historica Montevideo, www.almahistoricahotel.com; Playa Vik, José Ignacio, wwwwplayavik.comBeste Reisezeit: Nov. bis April.Allg. Infos: Welcomeuruguay.com

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