Eiskalter Zauber

Die Antarktis bietet grandiose Landschaftseindrücke, Annäherungen an die polare Tierwelt und Erinnerungen an tollkühne Forscher – alles auf einer Kreuzfahrt.

Die MS Bremen bietet Platz für 150 Passagiere. Foto: PD

Die MS Bremen bietet Platz für 150 Passagiere. Foto: PD

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Sie kann nicht fassen, was sie sieht. Ihre Hände umklammern die Fotokamera. Fabienne McLellan will jubeln und schreien zugleich – und bringt nicht einmal ein Flüstern über die Lippen. So hat sich die 35-jährige Zürcherin ihre Hochzeitsreise nicht vorgestellt, nicht so bedrohlich, nicht so schön. Auch David, seit wenigen Monaten ihr Ehemann, ist in Ehrfurcht erstarrt. Eben noch hat das Paar eine Wasserfontäne ausgemacht, den Blas eines Wals – und die peitschende Fluke. Jetzt hält der graue Koloss plötzlich direkt auf das Gummiboot zu, in dem die Honeymooner sitzen: ein jagender Buckelwal, in unvermindertem Tempo auf Kollisionskurs.

Der Reiz der Unberührtheit

Fabienne drückt auf den Auslöser und stellt erstaunt fest, dass sie nicht die Spur von Angst verspürt. Dann wird mein letztes Bild auch das schönste sein, schiesst es ihr durch den Kopf. Der Zauber der Antarktis hat sie gepackt, hier in der Wilhelminabucht, am Nordkap der Antarktischen Halbinsel.

Dieser Zauber ist nicht nur geografisch zu erklären. Die Antarktis ist mehr als ein riesiger, einsamer Kontinent, bedeckt von einer mehrere Tausend Meter dicken Eisschicht und bewohnt von ein paar Hundert Forschern, mehr als eine weisse Wüste, kalt, stürmisch und durch und durch lebensfeindlich. Genau darin liegt auch ihre Attraktion: Sie ist eine Wildnis, unberührt von Zivilisation und Kultur. Und schwer zu erreichen.

Es empfiehlt sich, auf die direkte Route zu verzichten. Die Drake-Passage gehört zu den weltweit gefährlichsten Meeresstrassen: Wind und Wellen rotieren, von keiner Landmasse gebremst, um den eisigen siebten Kontinent. Wer sich unvorbereitet auf diesen Ritt einlässt, läuft Gefahr, dass er zwischen Kap Hoorn und den antarktischen Gewässern zwei Tage lang käsebleich an der Reling hängt und Fische füttert.

Die Geologie gibt einen Seeweg vor, der die Reise um zehn Tage verlängert, sie aber auch erleichtert und bereichert – die Route des Andenbogens. Die südamerikanische Gebirgskette verschwindet südlich von Feuerland im Polarmeer und bildet unter Wasser eine 2400 Seemeilen lange Rechtskurve.

Bei Südgeorgien und den Südlichen Orkneyinseln taucht sie wieder auf und setzt sich schliesslich in der Antarktischen Halbinsel fort. «Wir gehen auf Nordostkurs und steuern die Falkland-inseln an», verkündet Kapitän Roman Obrist am Abend des ersten Tages. «Sie werden staunen, wie ‹very british› die Menschen dort leben.»

Wenige Stunden zuvor hat die MS Bremen im argentinischen Ushuaia, der südlichsten Stadt der Welt, die Leinen losgemacht. Jetzt dampft sie im Dämmerlicht durch den Beagle-Kanal dem Atlantik entgegen, während die Passagiere im Speisesaal den Worten des Kapitäns lauschen. Zu Beginn und am Ende einer Kreuzfahrt bittet Obrist zum Captain’s Dinner. Seit 15 Jahren befährt der 47-Jährige, der im Engadin aufgewachsen, in Barcelona wohnhaft und auf den Weltmeeren zu Hause ist, polare Gewässer. Mit ihm und Expeditionsleiter Benno Lüthi, Pinguinexperte und Stiftungsratspräsident des Antarctic Research Trust, steht die Bremen, wenn sie im Dezember nächsten Jahres zur grossen Antarktisexpedition ausläuft, unter rein schweizerischem Kommando. Lüthi trägt die Verantwortung für die wissenschaftliche Begleitung der Reise und die Anlandungen mit den ­Zodiac-Schlauchbooten.

«Was ich liebe, kann ich schützen»

Tourismus und Naturschutz seien durchaus miteinander vereinbar, findet Lüthi, «wenn man die Regeln beachtet und sich respektvoll verhält». Lüthi sieht in jedem Touristen einen potenziellen Ökobotschafter – frei nach dem Motto: «Was ich kenne, kann ich lieben. Und was ich liebe, kann ich schützen.»

Mindestens 20-mal ist der 69-jährige Naturschutzpionier ins südliche Polarmeer gefahren. Der Archipel ist seine zweite Heimat, Magellan- und Felsen-pinguine, Albatrosse, Möwen und Sturmvögel sind ihm zur zweiten Fa-milie geworden. Ausser den Vögeln tummeln sich 550'000 Schafe auf den Inseln. Und 3000 Menschen, eingefleischte Untertanen der britischen Krone. Zum Leidwesen der Argentinier, die den Engländern seit vierhundert Jahren die Islas Malvinas streitig machen und noch 1982 Krieg um sie geführt (und verloren) haben.

Die Bremen setzt ihre Fahrt fort. Zwei Tage dauert die Reise, bis erneut Land in Sicht kommt: Südgeorgien. Die Insel steht ebenfalls unter britischer Hoheit und ist lediglich von drei Verwaltungsbeamten bewohnt.

Dicht bevölkert auf ihre Weise sind die Buchten von Südgeorgien. Zu Hunderttausenden versammeln sich Königspinguine in gigantischen Kolonien. Unerschrocken setzen sie sich unter wütendem Gezeter gegen die Skuas zur Wehr, Riesensturmvögel, die sich über ihre Eier hermachen. Jetzt recken sie die Hälse und beobachten misstrauisch die Invasoren, die in schwarzen Schlauchbooten am Strand angelandet sind. «Wir dürfen die Tiere nicht anfassen», hat Benno Lüthi die Passagiere ermahnt, bevor sie die Zodiacs bestiegen. «Haltet Abstand – mindestens fünf Meter!»

Nächster Höhepunkt: die abenteuerliche Fahrt durch den Drygalski-Fjord, über dessen Felswänden gewaltige Gletscher ihre Zungen ausstrecken, bis diese donnernd ins Meer stürzen und zu Eisbergen werden. Zum Expeditionsprogramm gehört auch ein Besuch am Grab des legendären Südpolpioniers Ernest Shackleton. Vor hundert Jahren war der britische Polarforscher mit 28 wagemutigen Männern in die Antarktis gefahren, um den Kontinent zu Fuss zu durchqueren. Doch die Endurance, sein Expeditionsschiff, zerbarst im Packeis der Weddell-See. In einer kühnen Rettungsaktion brachte der «Boss», wie die Gefährten Shackleton nannten, die Mannschaft in Sicherheit. Sechs Jahre später kehrte er nach Südgeorgien zurück. Dort, wo das Drama einst begonnen hatte und nach 635 Tagen ein glückliches Ende fand, erlitt Sir Ernest Shackleton einen tödlichen Herzinfarkt.

See-Elefanten und das Whiskey-Ritual

Heute bewachen die massigen Leiber der See-Elefanten seine letzte Ruhestätte. Neben dem Grabstein würdigt Kapitän Obrist die «übermenschliche Leistung» des Polarforschers, der heute als Vorbild in Führungsseminaren zitiert wird, und verzichtet auf das Whiskey-Ritual, das viele seiner Kollegen mit grossem Vergnügen veranstalten. «Ich glaube, der ‹Boss› hat in den letzten Jahren genug davon bekommen», sagt Obrist schmunzelt.

Die Antarktis macht sich, lange bevor das geheimnisvolle Festland in Sicht gerät, bemerkbar: Plötzlich fällt die Aussentemperatur innert weniger Stunden um beinahe zehn Grad Celsius, die Wellen steigern sich zur schweren See, der Wind frischt auf und erreicht nahezu Sturmstärke. «Wir haben die antarktische Konvergenz erreicht», erklärt Expeditionsleiter Lüthi. «Hier fliesst das kalte Wasser aus dem Süden unter dem warmen Atlantik. Jetzt sind wir im südlichen Polarmeer!»

Schon am nächsten Morgen ist die See spiegelglatt, die Luft kristallklar – und die Zürcherin Fabienne McLellan stösst einen Schrei des Entzückens aus: «David, schau!» Vor dem Kabinenfenster treibt eine Skulptur vorbei, ein bizarres, bläulich schimmerndes Kunstwerk, erschaffen von der Natur, dem Untergang geweiht. «Unser erster Eisberg!» Noch ahnt Fabienne nicht, dass schon sehr bald ein einmaliges Rendezvous auf sie wartet.

Der Buckelwal lächelt und winkt

Der Buckelwal! In rasendem Tempo jagt er auf das Schlauchboot zu. Erst im letzten Moment taucht er ab. Fabienne und David sehen, wie ein riesiger, dunkler Schatten unter ihnen weggleitet. Es ist gespenstisch still geworden in der Wilhelminabucht.

Dann das leise Plätschern, begleitet von lautem Prusten. Fabienne wendet sich um. Der Riese steigt aus dem Wasser, wie in Zeitlupe. Er dreht sich im Sprung. Das Auge schaut sie an, das Maul lächelt, die grosse Seitenflosse winkt. «Zumindest habe ich die Bewegung so empfunden», erinnert Fabienne sich. Es war ein Moment, den sie nie mehr vergessen wird.

Erstellt: 10.06.2015, 18:15 Uhr

Collection

Ferien de luxe

Antarktis-Kreuzfahrten

Zu Pinguinen und Robben

Anreise: Der argentinische Hafen Ushuaia wird ab Zürich via Buenos Aires angeflogen.

Tourismus: Kreuzfahrtschiffe laufen meistens die landschaftlich spektakuläre antarktische Halbinsel an. Die Passagiere der Schiffe sind an strikte Weisungen gebunden. So müssen etwa Gummistiefel vor und nach jeder Anlandung desinfiziert werden, und man darf keine Gegenstände ein- oder ausführen.

Tierwelt: Zahlreiche Walarten, darunter Orcas, im Meer – an Land verschiedene Robben- und Pinguinarten.

MS Bremen: Expeditionsschiff mit Eisklasse 4, der höchsten Eisklasse für Passagierschiffe. Mit massiven Stahlplatten, Edelstahlpropeller und dem Vorsteven aus Stahlguss kann es bis zu einem halben Meter dickes Pack- und Treibeis brechen. Das von Hapag-Lloyd Kreuzfahrten betriebene Schiff bietet Raum für 150 Passagiere und 100 Crew-Mitglieder. www.hl-kreuzfahrten.de

Weitere Antarktis-Schiffe: Neben der MS Bremen und ihrem Schwesterschiff MS Hanseatic fahren die Expeditionsschiffe Sea Spirit (110 Passagiere), Ocean Nova (78) oder Silver Explorer (132) in die Antarktis. Ausserdem kann man auf den russischen Forschungsschiffen Akademik Sergey Vavilov und Akademik Ioffe buchen, die je knapp 100 Passagiere aufnehmen. Einen besonderen Nervenkitzel bietet ein Segeltörn – zum Beispiel auf der 105 Jahre alten deutschen Dreimastbarke Europa, die 48 Passagiere beherbergen kann. www.globoship.ch

Beste Reisezeit: Ende November bis Anfang März.

Leserreise: Morgen erscheint hier die Ausschreibung der «Leserreise Antarktis» – eine Expedition mit der MS Bremen vom 4. bis 22. Dezember 2016. Weitere Informationen: www.leserreise.tagesanzeiger.ch.

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