Er hat Südafrika für uns entdeckt

Bruno Bay lancierte das Land am Kap als Reisedestination fürs Schweizer Publikum. Der 84-Jährige erzählt, wie er ins Business einstieg.

«Manchmal stiegen in Zürich nur vier Passagiere ein»: Bruno Bay an seinem Flügel. Foto: François Wavre (Lundi 13)

«Manchmal stiegen in Zürich nur vier Passagiere ein»: Bruno Bay an seinem Flügel. Foto: François Wavre (Lundi 13)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das Wohnzimmer in Chernex hoch über dem Genfersee beherbergt ein besonderes Quartett: einen Steinway-Flügel, ein Cembalo, ein seltenes Klavichord und ein Digitalpiano. Von den Wänden blicken die Meisterkomponisten Johann Sebastian Bach und Frédéric Chopin. Nach einigem Zögern setzt sich der Hausherr ans Cembalo und spielt Bachs Partita Nr. 1 in B-Dur (BWV 825). Flink fliegen die Finger über die Tasten, hier musiziert ein wahrer Liebhaber.

Bruno Bay ist 84-jährig, in dritter Ehe mit der Künstlerin und Galeristin Ludmilla Moshek Bay verheiratet. Sie hat die Bach- und Chopin-Porträts gemalt. Bay trägt einen grossen Namen aus den goldenen Zeiten der Reisebranche. «Es freut mich, dass Sie den langen Weg zu einem Fossil auf sich genommen haben», hat er beim Eintreffen des Reporters gewitzelt.

Nicht mit Fossilien, sondern mit wilden Tieren beschäftigte sich der gebürtige Aargauer während seiner beruflichen Laufbahn. Seine erste eigene Firma hiess Wildlife Safaris und vermittelte ab 1971 Reisen ins südliche Afrika. Später entstand daraus Rotunda Tours, der führende Schweizer Spezialist für die Reise­länder zwischen Kap, Victoriafällen und Etosha-Pfanne. 1994 und 1995 gewann Rotunda den Travelstar für spezialisierte Reiseveranstalter, den «Oscar der Schweizer Reisebranche».

Im Januar 1996 verkaufte der Gentleman das Unternehmen an die Kuoni-Tochter Private Safaris, um sich fortan privaten Leidenschaften wie Bach und Chopin zu widmen. Welche Summe ihm Kuoni überwies, gibt Bruno Bay nicht preis. Es dürfte ein schöner einstelliger Millionenbetrag gewesen sein.

Am Anfang standein Thomas-Cook-Katalog

Ein Englischlehrer hatte einst beim jungen Bruno die Reiselust entfacht, als er der Klasse einen zerfledderten Katalog von Thomas Cook zeigte. Der Einstieg in die Branche gelang Bay am Hauptsitz von Kuoni. Er wechselte nach England, wo er für Reiseveranstalter Wintersportferien organisierte, bevor das grösste Transportunternehmen Afrikas rief. Zu South African Railways & Harbours gehörte auch die South African Airlines. Die Fluggesellschaft erweiterte Anfang der Sechzigerjahre das internationale Streckennetz. Bruno Bay wurde ihr erster Statthalter in Zürich.

«Mit einer Boeing 707 flogen wir Johannesburg–Rom–Zürich–London, und manchmal stiegen in Zürich nur vier Passagiere ein», erinnert sich der Pensionierte. Grund für die Zurückhaltung des Schweizer Publikums: Wegen der Apartheidpolitik war es all­gemein verpönt, nach Südafrika zu reisen. Trotzdem machten Schweizer Firmen eifrig Geschäfte mit dem Burenstaat.

«Als ich bei den Südafrikanern unterschrieb», sagt Bay, «hatte ich keine Ahnung von der Apartheid. Ich wunderte mich bei einem ­ersten beruflichen Aufenthalt in Johannesburg, dass ich ­allein auf der Parkbank sass und die Schwarzen auf dem Rasen ­lagerten.» Schweizer Reiseveranstalter wie Kuoni und Hotelplan führten lange kein eigenes Südafrikaprogramm.

«Ich fand die Rassentrennung nicht in Ordnung»

Doch Bay stiess mit der Gründung von Wildlife Safaris und später Rotunda in ein Vakuum vor und bot als Pionier Reisen ins südliche Afrika an. Im Programm: individuelle Trips und Gruppenreisen nach Südafrika und in dessen Nachbarländer. Die populärste Tour dauerte 24 Tage, führte von Johannesburg in den Krügerpark, nach Durban und über die Garden Route nach Kapstadt.

Wo sonst kommt man den Riesen des Tierreichs so nahe? Safari im Krüger-Nationalpark. Foto: iStock

Machte es Bruno Bay nichts aus, die Political Correctness zu ignorieren und mit einem Land, das die Mehrheit der eigenen Bürger diskriminierte, eng zusammenzuarbeiten? Der Reiseprofi a. D. wiegelt ab: «Ich fand die Rassentrennung nicht in Ordnung, aber Fakt ist, dass es damals Schwarzen wie Weissen in Südafrika materiell im Schnitt besser ging als heute.»

Branchenprotagonisten von früher bestätigen, sie seien nicht unglücklich gewesen, dass Bay in die Bresche gesprungen und ein Südafrika-Tour-Operating aufgezogen habe. «Wer bei Rotunda buchte, dachte nicht an Politik, sondern wollte wilde ­ Tiere und den Tafelberg sehen», sagt einer, «ohne Bruno wären diese Kunden ins Ausland abgewandert.» Das Business lief auch dank der Buchungen der Filialen von Kuoni und Hotelplan so gut, dass Bay ein Handwägeli kaufen musste, um allabendlich die Briefe auf die Post zu bringen.

Seit den Neunzigern eine Boomdestination

Der kultivierte Senior hinterlässt heute kaum den Eindruck eines harten Geschäftemachers. Aber in den Pionierjahren packte er seine Chancen. «Für ein Heidengeld ­erwarb ich 1978 einen ­ersten Computer», erzählt Bruno Bay. Die Kiste erlaubte der Rotunda-Crew, Offerten und Reiseprogramme zeitsparend zusammenzubauen, statt sie in die Schreibmaschine zu tippen.

Nachdem die Apartheid 1990 beendet worden war und Nelson Mandela an die Macht gekommen war, verwandelte sich Südafrika in eine Boomdestination. «Wir standen in der ersten Reihe und erzielten Jahresumsätze von bis zu acht Millionen Franken», berichtet Bay.

Bay ist Südafrika treu geblieben. Im Winter dient ihm seine Wohnung in Kapstadt, mit Aussicht auf den Tafelberg, als ­Basis, im Sommer logiert er in einer Eigentumswohnung bei Montreux. Von dort kommt Tage nach dem Besuch ein E-Mail. Perfektionist Bay entschuldigt sich beim Autor, sein Privatkonzert nicht besser vorbereitet zu haben: «Sie erwischten mich auf dem falschen Fuss – ich habe nicht mal die Notenblätter richtig hingestellt.» Ist uns nicht aufgefallen. Später schickt er einen Link zu Bachs «Goldberg-Variationen» (BWV 988). In die ­Tasten greift nun nicht der Südafrika-Veteran, sondern der hoch talentierte französische Cembalist Jean Rondeau.

Erstellt: 06.02.2020, 17:39 Uhr

Artikel zum Thema

African Explorer

26. Oktober bis 17. November 2021 Mit dem nostalgischen Zug durch fünf Länder des südlichen Afrikas. Mehr...

Wie Instagram Wilderern in die Hände spielt

Im Krüger-Nationalpark könnte es bald keinen Handy-Empfang mehr geben. Wilderer finden in den sozialen Medien ihre Beute. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Aufwändige Feier: Farbenfroh ist der Karneval in Macedo de Cavaleiros, Portugal. (25. Februar 2020)
(Bild: Octavio Passos/Getty Images) Mehr...