Familienfahrt nach Pipiriki

Eine Kanufahrt auf dem Whanganui, dem drittlängsten Fluss Neuseelands, ist ein Abenteuer. Darin inbegriffen: Begegnungen mit Possums, Mutproben und eine Brücke ins Nirgendwo.

Wer die Einsamkeit sucht, der findet sie auf einer Kanufahrt auf dem Whanganui. Fotos: Bernard van Dierendonck

Wer die Einsamkeit sucht, der findet sie auf einer Kanufahrt auf dem Whanganui. Fotos: Bernard van Dierendonck

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Das Wasser fliesst im Zeitlupentempo. Weder ein Windhauch noch Wirbel kräuseln die Oberfläche, bis sich vom Paddel grosse Tropfen lösen und Kringelketten auf dem Fluss zeichnen. Die achtjährige Caroline döst auf der Ruderbank, das Kanu mit den anderen beiden Familienmitgliedern, der Gattin und der elfjährigen Tochter Milena, treibt neben uns. Links und rechts ragen rotbraune Sandsteinwände senkrecht in den Himmel. In einer Million Jahre hat sich der Whanganui diesen tiefen Canyon in den Fels gegraben.

Die Kanus haben wir im Dörfchen Ohakune gemietet. Die versprochene «Einführung ins Kanufahren» bestand lediglich aus einem A4-Blatt mit Tipps sowie einer detaillierten Routenbeschreibung, welche uns der Fahrer, ein kahler, traditionell tätowierter Maori, in die Hand drückte. Kaum waren die Kanus von der Ladefläche geräumt, verabschiedete er sich mit den Worten: «Wir sehen uns in vier Tagen in Pipiriki.» Allein mitten im Niemandsland, fragten wir uns: Wird diese Einführung ins Kanufahren reichen? Stand da nicht etwas von Stromschnellen im zweiten Wildwassergrad? Bestimmt würde das nur für die regen- und wasserreichen Winter gelten, redeten wir uns ein.

Die Natur als grösste Attraktion

Der Whanganui ist der drittlängste Fluss Neuseelands. Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs war er einer der wichtigsten Transportwege vom Ufer der Tasmanischen See ins Landesinnere der Nordinsel: Siedler beförderten Baumaterial und Nahrungsmittel auf kleinen Dampfschiffen, später wurde der Fluss touristisch genutzt. Die Maori, die schon früher da waren, fuhren auf dem Strom zur Jagd, fischten und liessen sich am Ufer nieder. Bis heute gelten viele Höhlen und Grotten bei den Erstbewohnern als Kultstätten. Ein beachtlicher Teil des Flusses und ein gewaltiges Waldgebiet sind seit 1989 als Nationalpark geschützt. Der Park ist fast halb so gross wie der Kanton Zürich und bekannt für seine ursprüngliche Vegetation.

In Neuseeland breiten sich 14 Nationalparks auf 10 Prozent des Landes aus. Die Natur ist die grosse Attraktion des Inselstaats. Die verwunschenen Regenwälder und wilden Fjorde im Süden, Gletscher, die bis in die Wälder vorstossen, goldgelbe Sandstrände, Robben, Wale oder die Vulkane und Geysire auf der Nordinsel ziehen jährlich Millionen von Touristen an. Auch viele Schweizer. 18 000 bereisen jedes Jahr die Süd- und Nordinsel, meist im Campervan.

Unser 87 Kilometer langes Fluss­trekking zählt zu den neun «Great Walks» Neuseelands. Die mehrtägigen Trekkings in die wildesten Gebiete der Nord- und Südinsel gelten als bekannteste und schönste Abenteuer des Landes. Allerdings gehört eine gute Portion Fitness zur Grundausrüstung. Für viele dieser «Walks» sollte man schon Wochen im Voraus die Übernachtung in Hütten oder auf Campingplätzen reservieren.

«Eins, zwei, drei, Wasserwirbel»

Ein immer lauter werdendes Rauschen kündet die nächste Stromschnelle an. Tochter Carolines Pause ist vorbei, jetzt braucht es alle Paddelkraft. Auf dem A4-Blatt heisst es, man solle das Kanu dorthin lenken, wo das Wasser V-förmig zusammenfliesst. Verstecken sich dort weniger Felsbrocken unter dem Wasserspiegel? Ist das Wasser tiefer? Wir wissen es nicht, aber machen uns mit dem von Caroline kreierten Schlachtruf «Eins, zwei, drei, Wasserwirbel» Mut. Der V-förmige Wasserkeil zieht, das Kanu schiesst über die kleinen Wellen, die Familie jauchzt. Es gurgelt, zischt und schaukelt. Tropfen spritzen ins Gesicht, schon treiben die Boote wieder im ruhigen Wasser.

Ein Kreis auf der Flusskarte markiert den ersten Zeltplatz Ohauora. Die natürliche Terrasse mitten im Farn- und ­Buchenwald bietet Platz für eine Handvoll Zelte. Ein Trocken-WC, ein Unterstand mit Tisch und Bänken, ein Tank mit Trinkwasser – die Infrastruktur des unbewarteten Campgrounds ist rudimentär. Wir haben Schlafsäcke, Zelte, Matten, Essen und Kleider über steile Stufen hochgetragen. Nun dampft auf dem Benzinkocher der Wildreis. Dazu gibt es Pouletgeschnetzeltes mit Cream Cheese und Zucchetti. Bereits fertig ist die Vorspeise: schnell kochende Chinanudeln, die wir aus den Plastiktellern löffeln, weit weg von jeglicher Zivilisation. Keine Strassen, kein Haus, kein Telefon und schon gar kein Handyempfang. Auch wenn wir auf dem Fluss gelegentlich andere Kanuten trafen, so sind wir in dieser Nacht allein. Die nächsten Menschen befinden sich drei oder vier Paddelstunden entfernt. Unsere Familie ist ganz auf sich gestellt – was für ein grossartiges Gefühl!

Die Strahlen der untergehenden Sonne betonen das gefiederte Blätterdach der eleganten Farnbäume. Malerisch alles, bis ein Fauchen ertönt. Ein Possum! Das fuchsgrosse Beuteltier schaut uns mit grossen Augen neugierig an. Es sitzt auf einem Ast direkt über den Zelten und zeigt keine Scheu. Das furchterregende Geräusch passt so gar nicht zur putzigen Erscheinung. Putzig? Nachdem die ursprünglich in Australien heimischen Tiere aus den Pelzfarmen Neuseelands entwischt waren, entdeckten die ehemals vegetarischen Possums in der neuen Heimat Vogeleier als Delikatesse. Die Fauna und Flora ist ihnen, wie auch den ebenfalls ursprünglich nicht auf der Insel beheimateten Wieseln, Igeln, Ziegen und Ratten, schutzlos ausgeliefert.

Die Natur entwickelte sich hier 80 Millionen Jahre lang ungestört. Bis auf zwei Fledermausarten gab es in Neuseeland keine Säugetiere. Dies änderte sich mit der Erstbesiedlung durch die Maori im 13. Jahrhundert und später durch die Europäer. Für die Menschen und die eingeführten Raubtiere sind die oft tollpatschigen, zutraulichen Vögel und Eidechsen leichte Beute. Einige Arten sind bereits ausgestorben, viele bedroht. Die Neuseeländer versuchen, sie zu retten: Mit Gift und Fallen werden die Eindringlinge gejagt – weitgehend erfolglos.

Wir wissen um die Gefrässigkeit der Wildtiere und verstauen die Vorräte in den wasserdichten Fässern der Kanus. Die Kinder schlafen schnell ein. Die Possums halten die Eltern noch eine Weile wach. Was wir überhören, ist das leise Tappen kleiner Pfötchen im Vorzelt. Ein Schrei weckt uns vor den ersten Sonnenstrahlen. Caroline steht vor dem Zelt, das Gesicht voller Mückenstiche. Ein Tier hat ein Loch ins Mückennetz des Kinderzeltes gebissen, ist durch den Rucksack in den Proviantbeutel und zu den Erdnüssen gelangt. Wir hatten vergessen, sie wegzupacken! Im Vorzelt ­sehen wir die Spuren des nächtlichen Räubers, einer Ratte, im Sand. Auch wenn es in der Wildnis Neuseelands keine für den Menschen gefährliche Raubtiere gibt, achtsam sollte man trotzdem ­bleiben. Wir reparieren den Schaden mit einem Stück Verbandstoff.

Zu einsam für die Siedler

Der Ratschlag des Bootsvermieters, die Tour familientauglich auf vier statt drei Tage auszudehnen, bewährt sich. Beschleunigt nicht gerade eine Stromschnelle die Fahrt, scheint der Fluss auf Teilstrecken stillzustehen. Bläst noch ein leichter Gegenwind, wird die Paddlerei anstrengend. Wir nehmen uns viel Zeit für ausgedehnte Picknicks, fahren auch mal einen schmalen, mit Farnen bewachsenen Seitenarm hoch oder suchen den Schatten unter dem ausladenden Dach einer Grotte. Am dritten Tag begegnen wir diversen Reisegruppen. Sie fahren mit Jetboats flussaufwärts. Ihr Ziel ist die einsame Betonbrücke «Bridge to Nowhere» die sich über eine tiefe Schlucht spannt. Sie wurde von der Regierung gebaut und hätte vor langer Zeit den Siedlern helfen sollen, noch mehr Land zu erschliessen. Doch für die Pioniere war das Leben in dieser Gegend zu einsam. Kaum war die Brücke fertiggestellt, verliessen sie die Ländereien wieder. Ironie des Schicksals: Heute ist die Brücke der meistbesuchte Ort im Park.

Die ultimative Herausforderung wartet zum Finale: Meterhohe Wellen sind aus Kanuperspektive verdammt hoch. Jetzt nur keine Angst zeigen. «Eins, zwei, drei, Wasserwirbel!», rufen wir laut und mit möglichst fester Stimme. Wir paddeln, was das Zeug hält. Bei der ersten Schnelle schrammt das Kanu haarscharf an einem Felsbrocken vorbei. Boot Nummer zwei trudelt rückwärts hinunter. Dann folgt die nächste Stromschnelle – zweiter Wildwassergrad, mitten im Sommer! Die Kinder können nicht mehr paddeln und halten sich mit aller Kraft fest. Der Bug springt über Wellen, taucht in Täler. Wogen schwappen über die Bordwand. Milena landet unsanft auf dem ­Kanuboden. Aber wir schaffen den Ritt ohne Vollbad. Auf einer Kiesbank schöpfen wir noch etwas zittrig das Wasser aus den Kanus. Wenige Paddelschläge weiter flussabwärts landen wir an einem Steg. Der gross gewachsene Maori erwartet uns schon: «Ihr seid nicht gekentert?» Er klopft uns auf die Schultern und hievt die Boote auf den Anhänger.

Weitere Bilder von der Flussreise: globus.tagesanzeiger.ch

Erstellt: 11.11.2015, 17:35 Uhr

Gebaut für die Siedler: Die «Brücke ins Nirgendwo».

Grafik zum Vergrössern anklicken.

Tipps und Informationen

Anreise: Wichtigste Flughäfen sind Aukland auf der Nord- und Christchurch auf der Südinsel, zu erreichen etwa mit Emirates über Dubai oder mit Swiss über London. Die Zeitverschiebung beträgt plus 12 Stunden.

Buchen: Neuseeland-Spezialisten sind Ozeania Reisen und Knecht Reisen. www.ozeania.ch, www.knecht-reisen.ch

Kanutour: Die Tour ist körperlich anstrengend, es werden 20–30 km pro Tag zurückgelegt. 4 Tage ab 120 Fr. p. P.; geführte Tour: 4 Tage ab 520 Fr. p. P. www.yetitours.co.nz, www.greatwalks.co.nz

Leserreise nach Neuseeland: «Die SonntagsZeitung» und «Der Bund» organisieren vom 5. bis 26. 3. 2016 und vom 29. 10. bis 19. 11. 2016 Neuseeland-Reisen. Von Auckland gehts zu Highlights wie dem Thermalgebiet Wai-O-Tapu im Norden oder im Süden auf eine Schifffahrt in die malerische Bucht Doubtful Sound. Der Korrespondent Urs Wälterlin begleitet die Reisegruppe während 10 Tagen. Details: www.sonntagszeitung.ch/leserreisen, www.leserreise.derbund.ch

Beste Reisezeit: November bis April.

Allgemeine Infos: www.newzealand.com

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