Ferien auf dem Minikontinent

Gran Canaria, das heisst Strand, Hotelburgen, Pauschalferien. Aber die Insel hat mehr zu bieten: Im Norden warten Berge und Höhlen auf die Touristen. Und im Süden Schlagermusik und Transvestiten.

Die sandige Einöde täuscht: Auf Gran Canaria schneit es manchmal auch. Foto: Elisabeth Real

Die sandige Einöde täuscht: Auf Gran Canaria schneit es manchmal auch. Foto: Elisabeth Real

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«Chillen, Strand, Strand, Strand.» Die drei deutschen Freundinnen wissen genau, was sie von der Woche auf Gran Canaria wollen. Sie sind aus Münster angereist, die 48-jährige Ulla Kuhlmann hat dafür bei ihren drei Jobs Ferien genommen. «Jetzt will ich nur noch abschalten», sagt die Verkäuferin. Bislang habe das ganz gut geklappt. Auch Hildegard Stog und Petra Singelmann sind begeistert: «Wir reisen immer all-inclusive. Das ist das Bequemste.»

Wer an nassgrauen Wintertagen vor dem Computer sitzt und sich durch die Bilder von weissem Sand und klarem Meereswasser klickt, kann sich getrost von Gran Canaria verführen lassen. Die Fotos lügen nicht. Bloss noch eines der über 800 Hotels und Apartments auswählen – im Fall des deutschen Trios das Viersternhotel Bronze Playa, das für eine Woche inklusive Flug 689 Euro kostet – und zurücklehnen. Am Flughafen erwartet den stressgeplagten Ankömmling ein Kanarier mit Schild, ab jetzt wird einem alles abgenommen.

Bauwut an der Südküste

In den 60er-Jahren, als der Massentourismus die Insel erreicht hatte, brach an der Südküste eine Bauwut aus. Hotelburgen bilden nun kleine Dörfer für Sonnenhungrige, die Schwimmbecken und Schilder leuchten nachts, wenn Zaubershows und Tanzaufführungen die Gäste unterhalten. Ob ein farbiges Hotel-Armband am Handgelenk prangt oder nicht: Das Meer, die Strände und Promenaden erfreuen jeden wintermüden Bleichling. Mittendrin die natürliche Dünenlandschaft von Maspalomas, wo Selfiesticks zahlreich gezückt werden. Und man sich ein wenig fühlt wie in der Sahara – was gar nicht so fern liegt.

Nur 200 Kilometer trennen Gran Canaria und die Westsahara, geografisch gehört der Archipel zu Afrika, politisch zu Spanien. Auf dem Eiland herrschten dieselben Temperaturen wie in der Trockenwüste, wären da nicht die Meeresnähe und das Vulkangebirge, das die feuchten Nordost-Passatwinde aufhält. Die schönste Unterhaltung liegt denn auch direkt über den Touristen: Während der Himmel im Süden swimmingpoolblau leuchtet, sammeln sich im Norden oft finstere Wolken zu einem dramatischen Gemälde über den Berggipfeln.

Dort drüben im Norden, wo das Wetter wechselhafter ist, zeigt Gran Canaria ein ganz anderes Gesicht. Wer sich vom Liegestuhl aufrafft, wird in der Hauptstadt Las Palmas mit einem sehenswerten historischen Kern und spannenden Kunstausstellungen, Theater- und Konzertaufführungen belohnt. Auch die Surfstrände sind wenig touristisch, und ein Hotel sucht man an manchen nördlichen Küstenabschnitten vergebens. «Was im Süden die Touristen, sind im Norden die Bananen», sagen Kanarier.

Luxusresorts im Hacienda-Stil

In den vergangenen Jahren reisten immer mehr Sonnenhungrige nach Gran Canaria, 2014 waren es dreieinhalb Millionen. 105'100 Schweizer zog es hierher – kein Wunder, trennen uns doch gerade einmal viereinhalb Flugstunden vom Strandleben. Andere winterliche Badeferiendestination sind weiter weg, und Ägypten, lange Zeit Hauptziel europäischer Sonnenanbeter, ist für manche Märkte derzeit kein Thema, da es mit gewaltigen Sicherheitsproblemen kämpft.

Natürlich ist die All-inclusive-Welt nicht jedermanns Sache. Seit den 90er-Jahren werden im Süden auch luxuriösere Hotels an die Küste gepflanzt. Der Ortsteil Meloneras in Maspalomas erzählt davon; viele Resorts sind hier dem Stil historischer Haciendas nachempfunden, und in kleinen Boutiquen werden Schweizer Uhren verkauft. Oder der Hafen Mogán, wo bunt gestrichene Häuser mit den typischen, kunstvoll geschnitzten Holzbalkonen stehen. Die Apartmentanlage, durchzogen von Kanälen, erinnert an Venedig.

Elvis lebt

Aber auch der Touristenmagnet Playa del Inglés punktet mit ausser­gewöhn­lichen Unterkünften. Wie dem Boutiquehotel Bohemia, wo die Gäste zu Loungemusik frühstücken: Kaum ist die Sonne aufgegangen, scheint sie kräftig durch die Glasfront, die einen atemberaubenden Blick auf den Ozean freigibt. Und wer sich eine Suite gönnt, geniesst dieselbe Aussicht vom Balkon aus – auf einer Matratze liegend. Beim Relaxen abends hört man die Grillen zirpen, das Meeresrauschen . . . und Elvis Presley.

«Everybody, I wanna hear you sing», ruft der Sänger ins Mikrofon, und ein paar Stimmen begleiten den Elvis-Imitatior im Restaurant Ciao-Ciao. Dahinter reihen sich direkt vor dem Strand Souvenirshops und Restaurants aneinander. Hölzerne Penis-Schlüsselanhänger, blinkende Gummibälle, Pommes frites und Grillwürste, alles da.

Die Partyszene trifft sich traditionell in den Einkaufszentren. Die Läden schliessen um zehn Uhr, dann strömen immer mehr Besucher in die Bars und Clubs. Auf diversen Stockwerken ist von Capoeira-Tanz bis zu Transvestiten­shows, Casino und Karaoke für jeden etwas dabei. Im Supermarkt Kasbah etwa tanzen im Erdgeschoss weisshaarige Paare zu Live-Schlagermusik. Nur einen Stock darüber dröhnt «Highway to Hell» aus den Boxen. Man trinkt Bier, nickt zustimmend. Und wer sich genug Mut angetrunken hat, lässt sich um die Ecke im Tattoo- und Piercingstudio eine Erinnerung stechen.

Peperoncini «de puta madre»

Doch selbst im Süden lässt sich Authentisches erleben. Sonntags werden abwechselnd in Puerto Rico und Mas­- pa­lomas 20 Marktstände aufgebaut. Kanarier kommen nicht nur fürs frische Gemüse und Obst her, sondern vor allem auch, um einen kleinen Schwatz zu halten – etwa bei Antonio, der kühle Mojitos mit Zuckerrohrsaft zubereitet. «Damit ar­beitest du auch, bloss zufriedener», antwortet er all jenen, die abwinken, weil sie noch Geschäfte zu erledigen haben.

Weiter vorn verkauft der 74-jährige Juan zusammen mit seiner Gattin eigens produzierten Wein. Die Insel zählt über 50 Bodegas, die lokalen Tropfen schmecken sehr gut – wie auch die saftigen Früchte der Plantagen im Landesinnern. Juan verkauft Orangen, Guaven und Peperoncini der Sorte «de puta madre»: «Das rufen Einheimische jeweils, wenn sie hineinbeissen. Die Schoten sind extrem scharf», sagt er und lacht.

Auch die würzigen Mojos werden auf dem Markt angeboten, die typischen Dipsaucen, und das ganz untypische deutsche Brot. Knapp zehn Prozent der 853 000 Inselbewohner sind Ausländer. Ursi Walker Rodriguez aus Luzern ist eine von ihnen, seit 25 Jahren lebt sie auf Gran Canaria. Nicht die Sonne hat es ihr angetan, sondern «die Mentalität». Die 48-Jährige, die zuvor für Tourismusveranstalter in Griechenland, Ägypten und Miami tätig war, fühlt sich hier sehr willkommen. «Das liegt wohl an der Geschichte: Zu wirtschaftlichen Krisenzeiten wanderten viele Kanarier nach Lateinamerika aus», sagt sie. Die Rückkehrer brachten die Kultur aus Übersee mit, «Kanarier fühlen sich den Latinos näher als den Festlandspaniern».

Im Bus komme man schnell miteinander ins Gespräch, einige sängen sogar auf der Fahrt. «Hier verabredest du dich nicht drei Wochen im Voraus. Du gehst einfach vorbei. Und wirst jedes Mal reingebeten – keiner sagt, dass er gerade beschäftigt ist.» Dafür sei man weniger zuverlässig, und alles dauere etwas länger: «Bei Verabredungen musst du mit einer Stunde Verspätung rechnen», sagt Ursi. «Flexibilität ist auf jeden Fall eine Voraussetzung, um hier zu leben», so die zweifache Mutter, die als Tourguide arbeitet. «Dass ich hergezogen bin, habe ich bisher nicht bereut», sagt sie.

Die Höhle der Mädchen

Nach vier Tagen Strand beschliesst das deutsche Trio, einen Ausflug zu unternehmen. Ob sie die Tour zu den Walfischen machen sollen? Mit 26 Delfin- und Walarten lebt eine weltweit einzigartige Vielfalt rund um die sieben Kanarischen Inseln. Aber die Frauen entschliessen sich für die Busfahrt zu den «Highlights Gran Canarias»: «Wer die Bilder sieht, glaubt uns niemals, dass wir auf den Kanaren waren», sagt die Pflegedienstleiterin Petra Singelmann. Während die Vulkanlandschaft sich anfangs noch karg zeigt, ist sie weiter oben in Arte­nara von sattem Grün bedeckt. Fernab des Massentourismus enthüllt Gran Canaria, warum es als Miniaturkontinent gilt. Der Berg Pico de las Nieves auf 1949 Höhenmetern trägt manchmal sogar eine Schneemütze. Lächelnd posieren Petra, Ulla und Hildegard vor dem malerischen Stausee namens Cueva de las Niñas, Höhle der Mädchen.

Apropos Höhlen: Noch immer leben darin Menschen, wie früher die Ureinwohner. Von weitem sehen die Höhlen mit den weissen Fassaden aus wie Häuser, umgeben von Kakteen, Palmen und Lorbeerbäumen. «Wir hätten sehr gerne in eine dieser Höhlen reingeschaut», sagt Petra. «Oder in einer rustikalen Kneipe gegessen.» Stattdessen erhielten sie am Tejeda-Pass in einem touristischen Lokal eine lieblose Mahlzeit, und der Tourveranstalter Viajas Taras baute zwei Zwischenstopps nur zum Shoppen ein. «Schade, aber die Führerin hat sehr lebendig erzählt», sagt Petra.

Der Laune der drei Freundinnen hats nicht geschadet. Hildegard sitzt wieder mit einem Buch am Pool, Ulla hält eine Siesta. Petras Enkel wollte auch mit auf die Insel kommen, «aber ich sagte ihr: Die Oma braucht einmal eine Auszeit.» Was weiterhin ansteht, ist klar: «Chillen, Strand, Strand, Strand.»

Die Reise wurde unterstützt von Hotelplan Suisse.

Erstellt: 09.12.2015, 17:28 Uhr

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