Gauchos, Rinder und ein weisser Kater

Ausserhalb der aufgeregten Hauptstadt zeigt Argentinien ganz andere Gesichter.

Hinter der Stadtgrenze von Buenos Aires beginnt die Pampa: Zum argentinischen Cowboy gehört die Baskenmütze ebenso wie das Vieh, das er antreibt. Foto: Eric Martin («Le Figaro Magazine»/Laif)

Hinter der Stadtgrenze von Buenos Aires beginnt die Pampa: Zum argentinischen Cowboy gehört die Baskenmütze ebenso wie das Vieh, das er antreibt. Foto: Eric Martin («Le Figaro Magazine»/Laif)

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Ein Gitterverschlag hinter dem Tresen erinnert an wüste Zeiten. Vernebelten Bier und Schnaps das Hirn der Gauchos, zogen sie die Messer und gingen aufeinander los. Der Wirt musste sich in den Schutz der Metallstäbe flüchten, wollte er nicht zwischen die Fronten geraten. Juan, Chef in der Bar Histórico El Mitre im 20'000-Seelen-Städtchen San Antonio de Areco, hält den kleinen Käfig in Ehren, wie auch das abgewetzte Mobiliar und die altmodischen Bonbongläser auf den Regalen. Gauchos gehören immer noch zu den Stammgästen, aber sie kreuzen kaum mehr auf dem Pferderücken auf, sondern per Motorrad oder im Pick-up – und sie sind zu friedlichen Zeitgenossen mutiert, wie Juan versichert.

Bevor die Hirten aus den Weiten der Pampa in der Bar vorbeischauen, besuchen sie den nahen Laden. Verkäuferin Moira räumt gerade fein gewobene Ponchos in die Regale. Es riecht nach Wildem Westen: Die Gauchos kaufen bei Moira Wolldecken für die Pferde, Zaumzeug und Steigbügel. Diese sind an der Unterkante traditionell mit nach unten gerichteten Zacken einer Königskrone verziert – ein Vermächtnis der spanischen Einwanderer, die wie einst die maurischen Eroberer in Iberien gerne auf der spanischen Krone herumtrampelten.

Freie Sicht auf 1000 Kilometer flaches, baumloses Agrarland

Breite, silberbeschlagene Ledergürtel, solide geschmiedete Messer und Dolche und die typischen Baskenmützen gehören ebenso zum Gaucho-Sortiment wie die hohlen Kürbisse, aus denen die argentinischen Cowboys mittels Metallröhrchen den berühmten Mate-Tee saugen. «Die Gauchos fahren bis zu 60 Kilometer, um bei uns einzukaufen», sagt Moira, während sie Lederstiefel poliert, die auf neue Besitzer warten.

San Antonio liegt nur 110 Kilometer vom Stadtzentrum von Buenos Aires entfernt. Das Provinznest lässt den Besucher in eine komplett andere Welt eintauchen: Statt breiter Strassen, jaulender Polizeisirenen und beeindruckender Paläste gewährt San Antonio freie Sicht auf 1000 Kilometer Pampa, flaches, baumloses Agrarland. Die Trauerweiden und Eukalyptusbäume, welche die lange Auffahrt zur Estancia El Ombú flankieren, sind Schattenspender aus dem 20. Jahrhundert. Das sandfarbene Hauptgebäude erinnert an ein efeuumranktes toskanisches Herrenhaus. Chef Pablo ist der Sohn der deutschstämmigen Besitzerin Eva Boelcke. «Pablo, wie viele Rinder hüten deine Gauchos?»

Die ganze argentinische Wirtschaft steckt in einem monumentalen Dauertief.

Der Herr über 300 Hektaren zückt das Smartphone und diktiert: «154 Mutterkühe, 140 Kälber und Rinder, 40 Stück schlachtreifes Vieh und 6 Stiere, dazu 70 Pferde und 45 Schafe.» Wie zur Demonstration zieht am Horizont unter dem schier endlosen Himmel der Pampa eine Herde Aberdeen-Angus-Rinder übers Grasland. 95 Prozent des Viehbestandes auf der Estancia gehören dieser Fleischrasse an. Erreicht ein Rind 400 Kilo Lebendgewicht, ist es schlachtreif, und Pablo muss den lukrativsten Moment zum Verkauf erwischen.

Auf dem Fleischmarkt ist mal wieder ein wildes Pokerspiel im Gange; die ganze argentinische Wirtschaft steckt in einem monumentalen Dauertief. Das südamerikanische Land bleibt zwar im Gegensatz zu den Nachbarn noch von gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen staatlichen Ordnungskräften und Demonstranten verschont, aber es leidet schwer unter dem drohenden Staatsbankrott und einer Jahresinflation von 60 Prozent.

Beim Asado gibts Steaks und Filets erst am Schluss

Der Regierungswechsel von den Konservativen zu den Peronisten schafft kaum Abhilfe. «Man weiss hier nie, was morgen geschieht», sagt Kurt Fischbacher. Der gebürtige Stadtzürcher lebt seit Jahrzehnten in Argentinien, seine Reise­agentur Dorado Travel betreut pro Jahr Hunderte von Touristen, das Gros aus der Schweiz. «Die ökonomische Unsicherheit scheint sich aber nicht auf die Nachfrage auszuwirken», sagt Fischbacher. «Der Buchungseingang ist sehr gut.» Dass Edelweiss zweimal pro Woche direkt von Zürich nach Buenos Aires fliegt, hat die Lust der Schweizerinnen und Schweizer auf Argentinien wohl zusätzlich befeuert.

Europäer, die in urbanen Ballungsgebieten wohnen, überrascht der argentinische Kulissenwechsel.

Vegetarier und Veganer können sich die Reise in die Pampa sparen. Kaum hat Pablo unter freiem Himmel zu Tisch gebeten, tragen Helfer Platten mit gegrilltem Fleisch herbei. Asado heisst das Ritual, das für Kenner zur Geduldsprobe wird. Wer am Anfang heisshungrig zuschlägt, verliert am Schluss die Lust auf die besten Stücke. So belassen wir es im ersten Durchgang bei einem Zipfel Chorizo, verschmähen Blutwurst, gefüllten Dünndarm und Poulet. Das grobfaserige Bauchfleisch, das man bei uns eher schmort als grilliert, und die Rippenstücke liefern einen Vorgeschmack aufs Finale – von feinen Fettadern durchzogene Steaks und dicke Filets.

Europäer, die in urbanen Ballungsgebieten wohnen, überrascht der argentinische Kulissenwechsel. Unmittelbar hinter der Stadtgrenze von Buenos Aires ändert sich das Leben nicht nur in der Pampa: Im Tigre-Delta haben Macho-Karossen mit heulenden Motoren und röhrenden Auspuffen nichts verloren. Hier verkehren nur gemächliche Schiffe. Das sedimentreiche Wasser des Paraná-Flusses zwängt sich durch eine gigantische Insellandschaft und erreicht den Rio de la Plata, der auf der Weltkarte eher einer tief eingeschnittenen Bucht gleicht. 5000 Inseln verteilen sich auf eine Fläche halb so gross wie die Schweiz, ein perfektes Naherholungsziel der Einwohner der 13-Millionen-Agglomeration.

Schwimmender Supermarkt und Weltgeschichte

Einen «Tigre», eine Wildkatze, kriegen wir vom Wasser aus nicht zu Gesicht, dafür aber das Bootshaus des Schweizer Ruderclubs und eine Menge insularer Residenzen, viele auf Stelzen, drohendem Hochwasser trotzend. Ein Holländer hat eine Windmühle auf seinem Eiland errichtet, einige Villen sehen aus wie die Kulisse eines Mafia-Films. Kapitän Ruben San Martin hat die Schweizer Flagge am Heck gehisst. Kormorane jagen nach Fischen, Graugänse schnattern im Schilf.

Ein schwimmender Supermarkt kreuzt unser Boot. Er bringt Kohle, Holz, Gasflaschen und Lebensmittel zu den Ferienhäusern. Das Wasser ist hier so trüb wie die Geschichte früherer Delta-Bewohner: Nach dem Zweiten Weltkrieg fanden im grünen Labyrinth braune Kriegsverbrecher Unterschlupf – in der Villa Miramar ebenso wie im Gasthaus Böhmerwald.

Die Wirrungen der Weltgeschichte kümmern den weissen Kater im Ausflugslokal Gato Blanco nicht. Dekorativ liegt der Namensgeber auf der Terrasse und rührt sich auch nicht, als die Kellner-Armada mit riesigen Platten voller gegrillter Fleischhappen für die Gäste anrückt.

Die Reise wurde unterstützt von Dorado Latin Tours und Edelweiss Air.

Erstellt: 20.12.2019, 07:46 Uhr

Landluft schnuppern und durchs Delta schippern

Flüge: Edelweiss fliegt zweimal pro Woche direkt von Zürich nach Buenos Aires. Flugdauer: 14 Stunden, www.flyedelweiss.com

Reiseveranstalter: Dorado Latin Tours ist Spezialist für Lateinamerika und bietet ein breites Argentinien-Programm mit Fokus auf individuelle Rundreisen. Tel. 058 702 60 45, www.dorado-latintours.ch

Arrangement: Die sechstägige Privatreise Best of Buenos Aires verspricht unter anderem ein Gaucho-Erlebnis auf einer Estanzia (Rinderfarm), Besuch im Tigre-Delta, Ausflug nach Colonia del Sacramento (Uruguay) und Tango-Abend. Ab 1550 Fr. p. P. im DZ, ohne Flug, bei Dorado Latin Tours.

Geld: Es lohnt sich, grössere Ausgaben mit Kreditkarte zu tätigen (20 Prozent billiger als cash). Pesos nur für Taxi und so weiter wechseln

Beste Reisezeit: Ende Oktober bis Mitte Dezember sowie Ende Januar bis April.

Allg Infos: www.welcomeargentina.com

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