Heisse Füsse auf der Feuerinsel

Vulkane beeinflussen das Leben auf dem kapverdischen Eiland Fogo. Die Insulaner ertragen die Launen der Natur mit Zuversicht.

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Es ist zwei Uhr morgens. Ein lauter Schlag hat die Stille der Nacht durchbrochen. Beim Blick aus dem Fenster ist nichts zu sehen ausser einer fantastisch glitzernden Milchstrasse am Firmament. Schemenhaft beleuchtet sie den alles dominierenden Vulkan Pico do Fogo. Er ist mit 2829 Meter Höhe der gewaltigste der 50 Vulkan­kegel, die Fogo, die Feuerinsel der Kapverden, bedecken.

Von den 15 Eilanden des Archipels vor der Westküste Afrikas ist Fogo das beeindruckendste – so karg und doch einnehmend ist die Landschaft, so kämpferisch und hoffnungsvoll sind die Bewohner.

Schnell kehrt wieder Ruhe ein, die so vollkommen ist, dass die Ohren ein bisschen zu rauschen und zu pfeifen beginnen, als suchten sie eine Beschäftigung. Der Feuerberg schlummert friedlich am Horizont. Dass aber die Fusssohlen auf dem Boden des Gästezimmers fast verschmurgeln, ist sein Werk. Die kleine Pension Casa Marisa II wurde auf einem Lavafeld errichtet. Der Schlag, so erfahren wir am Morgen, kam von erstarrten Platten, die sich im Untergrund verhakten.

Lavastrom verschluckte zwei Orte in der Ebene

Auch im Frühstücksraum ist die natürliche Fussbodenheizung nicht runterzuregulieren. Ein Bild an der Wand zeigt, wie das Hochtal im Nationalpark vor einigen Jahren aussah: eine mit einfachen Steinhäusern bedeckte zartgrüne Fläche, die Kraterebene Chã das Caldeiras, umgeben von steilen schwarzen Gesteinswänden und rundlichen Vulkanspitzen.

Die Launen der Vulkane sind das dominierende Thema auf Fogo: Nach einer Viertelstunde Fussmarsch empfängt uns Cecilio in seinem neu errichteten, leuchtend grün und violett gestrichenen Gästehaus Casa Lava in dem Dörfchen Portela. «Es war am Sonntag, dem 23. November 2014, als der Pico do Fogo ausbrach», erinnert sich Cecilio, «ein Jahr nach dem Todestag meines Vaters.» Tagelang schleuderte der Vulkan Feuer, Asche und heisse Dämpfe in die Luft und schickte einen Lavastrom hinunter in die Ebene, der die Dörfer Portela und Bangaeira fast komplett verschluckte. Wie durch ein Wunder kam niemand der 1500 Bewohner ums Leben.

Für den 40-jährigen Cecilio, der heute wieder als Wanderführer für Touristen arbeitet und mit seiner Frau ein paar Zimmer vermietet, war das bereits der zweite Vulkanausbruch. Der davor, 1995, sei jedoch längst nicht so verheerend gewesen. Zwei Jahre lang habe die Regierung nach 2014 den obdachlos gewordenen Bewohnern eine Bleibe finanziert. Cecilio und seine Frau lebten nach dem Ausbruch in São Filipe nicht weit vom Meer.

Leuchtend farbige Kleider und knallbunte Häuser

Für europäische Besucher wirkt die 8000 Einwohner zählende Inselhauptstadt an der Westküste Fogos beschaulich und fröhlich. Die Menschen auf den Strassen sind in leuchtenden Farben gekleidet. Neben abblätterndem Putz zieren knallbunte Anstriche die meisten Häuser und in einigen Fällen gar originelle Zeichnungen.

Am schönsten ist das Haus von João Miguel Amado, genannt Mosh. Der Rückkehrer stammt aus Fogo. Er hatte als 13-Jähriger die Insel verlassen, um in Praia, der Hauptstadt der Kapverden, aufs Gymnasium zu gehen. Sie liegt auf der Nachbarinsel Santiago, eine halbe Flugstunde entfernt. Nach 25 Jahren, während derer Mosh in Deutschland studierte und arbeitete, kam er zurück. Wohlstand und Bildung stellt er mit einem reich verzierten Haus zur Schau. «Das sind die Noten von Mozarts ‹Kleiner Nachtmusik›», sagt der 55-jährige Bauingenieur und zeigt stolz auf die kunstvoll dekorierte Fassade.

Cecilio und seine Frau, die nach São Filipe evakuiert worden waren, verliessen schon nach zwei Monaten den farbenfrohen Ort. Es zog sie zurück in die schwarze Einöde am Fuss des Vulkans, wo die Menschen vom Tourismus und den Erträgen der fruchtbaren Erde leben. Auch der Weinhändler David wohnt in der Hochebene. Der Familienvater hatte mehr Glück als die meisten Nachbarn, von deren Häusern nur noch die Flachdächer wie aus einem erstarrten Gesteinssee herausschauen.

Die Lava floss zwar ins Wohnzimmer des neu gebauten Hauses, erkaltete dann aber und verschonte das restliche Gebäude. Nun quillt das schwarze Lava-Gebilde wie ein bizarres Kunstwerk in den Raum, wo David die Weine der Winzergenossenschaft anpreist. Hier oben wachsen Muskateller- und Touriga-Trauben, die unter der kapverdischen Sonne schneller reifen als in Europa. Im Jahr 2014 hatten die Winzer in der Hochebene 200 000 Flaschen Wein produziert. «Aber der Vulkan hat fast die gesamte Ernte vernichtet», sagt David.

Die kniehohe Muskateller-Rebe, die uns Cecilio am nächsten Tag auf dem Weg zur Vulkanflanke des Pico do Fogo zeigt, sei etwa sechs Jahre alt. Ein Pfad führt bergan vorbei an Gesteinsbrocken, die tief aus der Erde stammen: Schwefel, Aluminium- und Eisenoxide.

Aus Ritzen entweichen Dämpfe, so heiss, dass sie Papierfetzen verbrennen. Oberhalb der Flanke, die sich vor drei Jahren öffnete, ist der Ausblick atemberaubend. In der Weite dominieren Braun- und Schwarztöne. Doch direkt vor den Füssen kämpfen sich bereits wieder leuchtend grüne Pflanzen durch den tiefschwarzen Boden. «Der Vulkan ist wie ein Freund. Er gibt viel – aber alle paar Jahre nimmt er alles», sagt Cecilio.


Die Reise wurde unterstützt von Amin Travel und TAP Portugal (SonntagsZeitung)

Erstellt: 10.11.2017, 13:04 Uhr

Fussbodenheizung inklusive

Anreise
TAP Portugal fliegt täglich ab Zürich und Genf über Lissabon auf die Kapverden: www.flytap.com

Reiseveranstalter
Rundreisen und Badeferien bei Amin Travel, Tel. 044 492 42 66, www.amin-travel.ch

Unterkunft
Casa Marisa II mit Fussbodenheizung,
www.fogo-marisa.com
Colonial B & B, Kolonialstil-Boutique-Hotel, www.zebratravel.net

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