Himmel und Hölle im Moloch

Der Besucher der philippinischen Hauptstadt Manila hat sich nicht nur ans Verkehrschaos zu gewöhnen – er wird auch andauernd und vor allem gewarnt.

Acht Kilometer in zweieinhalb Stunden: In den Strassen von Manila dominiert das Verkehrschaos. Foto: Shutterstock

Acht Kilometer in zweieinhalb Stunden: In den Strassen von Manila dominiert das Verkehrschaos. Foto: Shutterstock

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Manila ist eine Stadt, um die man nach Möglichkeit einen Bogen schlägt. Touristen, die in die Ferien auf die Philippinen fliegen, wollen keine Nacht dort verbringen. Einheimische, die ausgewandert sind und Verwandte im Land besuchen, meiden die Stadt und reisen gleich weiter. Manila ist ein Moloch: verstopft, laut, heiss, hässlich.

All das trifft wohl zu, doch Manila ist auch eine Stadt spannender Gegensätze. Zum Beispiel: Der Polizist warnt eindringlich, auf dem Rückweg nicht mehr dieses enge Strässchen zu nehmen, bittet, die Hauptstrasse zu benutzen. Oder noch besser ein Taxi zu rufen. Der Gast ist erstaunt: In keiner anderen Gegend in Manila hat er sich so aufgehoben gefühlt wie hier in Malate. Kein anderes Quartier, keine andere Strasse so angenehm, so lebendig, so spannend empfunden und die Leute so freundlich erlebt.

Sonntagmorgen, alle befinden sich draussen vor ihren kleinen Behausungen. Die Jungen spielen, die Alten schauen, diskutieren, lachen mit den Kindern und über die Kinder. Da ein Bub, der in der Hitze einen Eimer Wasser über seinen Kopf schüttet, um sich abzukühlen. Dort ein Mädchen, das ausgelöste Muscheln auf einen Spiess steckt. Hier eine Gruppe Kinder, die über Kreidezeichnungen hüpft und Himmel und Hölle spielt, falls dieses Spiel hier auch so heisst. Ein Blick in einen Raum, der einzig aus einer Matratze, ein paar Kleidern, einem Kübel und einem Fernseher besteht. Auf einem Plätzchen werfen sich Jugendliche einen Basketball zu – die populärste Sportart im Land. Ein paar Übernächtigte laden den schlendernden Touristen ein, sich dazuzusetzen. Vor ihnen kleine Gläser und eine Flasche einheimischen Rums, der im Laden nebenan keine zwei Franken kostet. Viele grüssen freundlich und mit einem Lächeln im Gesicht.

Doch der Polizist meint: «Zu gefährlich für Sie! Sir!»

Makati hat Geld, Malate Charme

Warnungen erhält der Tourist in den wenigen Tagen in Manila ohne Unterlass. Vom Hotelpersonal. Von Fremdenführern. Von den Verantwortlichen des Tourismusdepartements. Vom Chauffeur seines Wagens. Vom Taxifahrer. Vom Polizisten. Von fremden Leuten in der Bar. Von der Chefin eines Go-go-Clubs.

Seien Sie vorsichtig, Sir! Lassen Sie die Kamera in der Tasche! Nehmen Sie auf Spaziergängen nur das Nötigste mit! Gehen Sie nachts ja nicht zu Fuss durch die Stadt! Kaufen Sie ja keine Drogen! Seien Sie auf der Hut, wenn Sie von jungen Frauen angesprochen werden, Sir! Achtung, vor dem Club warten Diebe! Wollen Sie wirklich von Makati nach Malate wechseln?

Singender Reiseführer. Foto: Thomas Zemp

Die Unterschiede der beiden Stadtteile Makati und Malate, die nicht weit auseinander liegen, sind frappant. Hier Makati, das Geschäftsviertel mit Börse, Banken, Dutzenden von gigantischen Einkaufszentren und den Luxushotels. Alles sauber und ordentlich. Hier verkehren die Einheimischen, die Geld auf einem Bankkonto haben. Die Touristen und Expats werden im Greenbelt, dem schicken Einkaufs- und Vergnügungsviertel, kaum von Bettlern belästigt. Spät nachts sind nur noch Taxis unterwegs, zu Fuss geht kaum einer. In der immensen Hotellobby des Peninsula (Doppelzimmer 140 bis 2300 Franken pro Nacht) spielt eine Formation leichte und beschwingte Klassik. Nachts stehen draussen an der Ecke ein paar gut angezogene Prostituierte, die auf eine einträgliche Nacht hoffen.

Dort Malate. Kleine, günstige Hotels, viele Restaurants und noch mehr Salons, Music-Lounges und Karaoke-Bars. Es ist das schmuddelige Rotlichtquartier in einem Land, in dem die Prostitution eigentlich verboten ist. Der allein reisende, 54-jährige Tourist erhält Dutzende von Einladungen zu einer Massage. Die Strassen sind bis spät nachts belebt, einige Restaurants schliessen nie. Morgens bieten Strassenküchen Reisgerichte mit Fleisch und Spiegeleiern an, Strassenhändler verkaufen als Snacks geröstete Erdnüsse und frittierte Schweinehaut. Kinder, in Lumpen gekleidet, wollen Geld und rupfen bald am Hosensack. Im Hotel Malate Pensionne (Doppelzimmer ab 16 Franken) kennen die Réceptionisten den Gast nach dem Einchecken, die Zimmernummer für den Schlüssel muss er ihnen nie sagen.

Dass der Staat die Prostitution so offen zulässt, ist erstaunlich, denn andere Gesetze verfolgt er äusserst restriktiv. Zum Beispiel das Rauchverbot, das Präsident Rodrigo Duterte vor einem Jahr erlassen hat. Nur noch an sehr wenigen vorgegebenen Plätzen in der Öffentlichkeit dürfen sich Raucher eine Zigarette anzünden.

Warnungen erhält der Tourist in Manila ohne Unterlass. Seien Sie vorsichtig, Sir! Nehmen Sie nur das Nötigste mit!

Gleichzeitig erliess Duterte ein Gesetz, das Karaoke-Gesang nach Mitternacht verbietet – daheim genauso wie in öffentlichen Lokalen. Es habe zu viele Klagen wegen Nachtruhestörung gegeben, sagt Dij Sonsengnim, selber ein passionierter Karaoke-Sänger. «Du musst wissen: Halten wir einmal ein Mikrofon in der Hand, geben wir es nicht mehr weg», sagt der 37-Jährige, der an der staatlichen Universität Tourismus unterrichtet und in den Semesterferien als Touristenführer zusätzlich Geld verdient. Auf einem Ausflug dauert es nicht lange, bis er im Restaurant zur Karaoke-Anlage schlendert und ein paar Hits der Carpenters mit seiner mädchenhaften Stimme ins Mikrofon schmachtet.

Obwohl Duterte mit diesem eigenartigen Gesetz ins Leben von Dij eingreift, steht er hinter dem philippinischen Präsidenten – wie so viele Einheimische. Neuste Umfragen zeigen laut Dij Werte, die bis anhin noch kein philippinischer Präsident zwei Jahre nach den Wahlen erreichte. Dass er internationaler Kritik ausgesetzt ist – unter anderem wegen seiner Poli­tik –, wissen nur wenige im Land. Es kümmert kaum jemanden, dass Duterte im Kampf gegen die Drogen weit über 4000 mutmassliche Drogenhändler umbringen liess, ohne dass sie je juristisch verfolgt und verurteilt worden wären.

Nur der Dauerstau schreckt ab

Selbst den grössten Widerspruch in seinem Leben nimmt Dij fast stoisch als gegeben hin. Er ist homosexuell, daraus macht er kein Geheimnis: Er schminkt die Lippen und trägt breite Augenbrauen, wie es die Frauen in Manila machen. Diskriminierung wegen seines Aussehens oder seiner Homosexualität erlebe er im Beruf nicht, auf der Strasse würden selten Bemerkungen fallen. Doch eines wird er nie erleben: dass er heiraten oder eine Partnerschaft staatlich registrieren kann. Für dieses Recht kämpft Dij mit seinen schwulen, lesbischen, bisexuellen und transsexuellen Freunden. Verhindern wird die Verbindung die katholische Kirche, der 80 Prozent der Philippinen angehören – auch Dij. Er besucht die Messe wöchentlich, bewundert den Papst und glaubt an Gott.

So unterschiedlich wie die Quartiere Makati und Malate sind, etwas ist überall gleich in Manila: der Verkehrsstau. Die Besitzerin eines Restaurants in Chinatown bedankt sich beim Gast, dass er den weiten Weg auf sich genommen hat, um bei ihr zu essen. Und meint damit nicht etwa die Reise aus der Schweiz, sondern die acht Kilometer lange Fahrt vom Hotel in Makati zum Lokal. Sie hat zweieinhalb Stunden gedauert.

Es ist vor allem dieses Verkehrschaos, das Philippinen-Reisende von einem Aufenthalt in Manila abhält. In einer Stadt, die tatsächlich verstopft und hässlich ist, durch Gegensätze und Widersprüche aber auch einen grossen Reiz ausüben kann.

Die Reise wurde unterstützt vom philippinischen Tourismusdepartement und Ca­thay Pacific Airways.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.05.2018, 18:01 Uhr

Tipps und Infos

Manila

Anreise Keine Direktflüge ab Zürich. Mit Cathay Pacific via Hongkong nach Manila. Ab 670 Fr.

Übernachten The Peninsula, Makati, DZ ab 140 Fr., //manila.peninsula.com; Ascott Makati, DZ ab 140 Fr., www.the- ascott.com; Malate Pensionne, DZ ab 16 Fr., www.malatepensionne.com

Reiseveranstalter Tourasia in Wallisellen ist spezialisiert auf Philippinen-Reisen. Er bietet auch verschiedene Ausflüge in und um Manila an: www.tourasia.ch

Beste Reisezeit Dez. bis April, kaum Regen

Allg. Infos www.experiencephilippines.org

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