Im Auge des Regenbogens

Seit Samstag ist das dänische Aarhus europäische Kulturhauptstadt 2017. Nichts wie hin, im Sommer könnte es eng werden.

Begehbares Kunstwerk: Das Aros ist von einem 150 Meter langen Röhrenkreis umgeben; durch dessen Plexiglas erscheint die Stadt in diversen Farben. Weitere Attraktion: Eine Installation von Pipilotti Rist.  Foto: Getty

Begehbares Kunstwerk: Das Aros ist von einem 150 Meter langen Röhrenkreis umgeben; durch dessen Plexiglas erscheint die Stadt in diversen Farben. Weitere Attraktion: Eine Installation von Pipilotti Rist. Foto: Getty

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In der Ruhe des Winters lassen sich die Tiere von den zweibeinigen Eindringlingen kaum stören. Gelassen beobachten sie die Besucher, die kreuz und quer durchs kupierte Gelände streifen. Marselisborg heisst der Park am Stadtrand von Aarhus, auf dem eine Herde zutraulicher Dam- und Rothirsche äst. Füttern ist erlaubt; der lichte Wald, der auch ein Gehege wuchtiger Wildschweine beherbergt, gilt als beliebtes Naherholungsziel. Nur einen Steinwurf entfernt thront das Marselisborg Slot, die Sommerresidenz des dänischen Königspaares Margarethe und Henryk.

Weilen die nordischen Royals in der Stadt, zelebriert die Leibgarde Punkt 12 Uhr eine stramme Wachablösung. Margarethe wird in den nächsten Monaten oft in Aarhus sein, schliesslich ist sie Schirmherrin des grössten Events, den die Stadt je erlebte. Aarhus trägt den Titel der europäischen Kulturhauptstadt 2017, zusammen mit dem unscheinbaren Paphos auf Zypern. Gestern, Samstag, wurde der Start ins Zwölf- Monate-Spektakel mit einem glänzend illuminierten Umzug zelebriert.

Vermutlich lohnt es sich, Aarhus gleich in den nächsten Wochen oder Monaten zu besuchen. Im Sommer, wenn die Nächte kurz bleiben, könnte es eng werden in der zweitgrössten Stadt Dänemarks und auch in der tollsten Attraktion: Das Kunstmuseum Aros zeigt eine Installation von Pipilotti Rist –einen unverfrorenen Blick ins Wohnzimmer des Nachbarn, zu verschiedenen Tageszeiten.

Zuerst beschwerten sich die Einwohner, jetzt sind sie stolz

Und wer den Rundgang durch den Regenbogen unter die Füsse nimmt, erblickt das Aarhuser Rathaus in Zartgrün, den Hafen in Orange, die Kathedrale in Rot und das Luxushotel Radisson Blu sinnigerweise in Blau. Das begehbare Kunstwerk namens Rainbow Panorama, zehn Meter über dem Flachdach des Kunstmuseums, zieht alle in Bann. Der dänisch-isländische Künstler Olafur Eliasson hat den 150 Meter langen Röhrenkreis geschaffen, durch dessen Plexiglas die Stadt wie ein Mysterium leuchtet. Nach der Eröffnung 2011 beschwerten sich die Anwohner, weil der Regenbogen ihre Wohnungen bei Sonnenschein in Farbe tauchte. Inzwischen sind sie stolz, Teil eines Gesamtkunstwerks zu sein. Das gilt heute für alle 264 000 Aarhuser.

Die Würde einer europäischen Kulturhauptstadt scheint hier kein bleischweres Bürokratiemonster. «Ich bin erstaunt, mit welchem Elan die Bevölkerung die Vorbereitungen mitgetragen hat», sagt Juliana Engberg. Die Australierin, deren Vater einst von Aarhus nach Melbourne auswanderte, amtet als Programmdirektorin von Aarhus 2017.

«Wir wollen nahe bei den Leuten sein», doppelt Engberg nach. Das Motto der Kulturhauptstadt lautet «Let’s Rethink». 400 Projekte und Events sollen einen Mehrwert vermitteln. Beispiel: In Kochkursen lehren dänische Spitzenköche die hohe Kunst der Resteverwertung. Im eigentlichen Kulturprogramm wartet man gespannt auf die Freiluftaufführung des Wikinger-Epos «Rote Schlange» auf dem Dach des Moesgaard-Museums, das zeitgenössische Ballett «Tree of Codes» und den vier Kilometer langen Kunstparcour «The Garden».

Jedes neue Baby wird im Dock 1 akustisch vermeldet

Das Durchschnittsalter der Aarhuser beträgt 38 Jahre, 40 000 Studierende beleben die Stadt, die sich längst auch raumplanerisch geöffnet hat. An beiden Ufern des Flusses Aarhus Å entstanden Promenaden mit Cafés und Boutiquen. Im herausgeputzten Latinerquartier bummelt man über Kopfsteinpflaster, vorbei an bunten Häuschen.

Nur ein paar Schritte liegen zwischen dem historischen Aarhus und dem futuristischen. Dänische Stararchitekten haben am alten Hafen den rauen Industriecharme vertrieben, im Quartier Aarhus ? Kontorhäuser und Silos in Büro- und Wohnanlagen verwandelt und neue Wahrzeichen gebaut, etwa den markanten Iceberg oder den massiven, auf Säulen ruhenden Block von Dock 1. Hier residiert Juliana Engberg, und die Stadtbibliothek avancierte innert Kürze zu einem Hotspot. Auf der Terrasse tollen die Kinder über Drachen- und Bärenspielplatz, hinter den Panoramascheiben beschäftigen sich Alt und Jung mit Büchern.

Wenn von der langen Blechröhre in der Haupthalle ein Gong ertönt, geht ein anerkennendes Raunen durch die Bibliothek. Dann ist in einem Aarhuser Spital ein Baby zur Welt gekommen, und die glücklichen Eltern haben einen Knopf gedrückt, um das Ereignis in Dock 1 akustisch zu vermelden.


Anreise Flug nach Hamburg oder Kopenhagen, mit Bahn weiter nach Aarhus; www.aarhus2017.dk www.visitaarhus.com, www.visitdenmark.com (SonntagsZeitung)

Erstellt: 23.01.2017, 12:26 Uhr

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