Im Land der umgekehrten Pyramiden

Rajasthan im Norden Indiens war früher so reich, dass sich jeder Kaufmann einen eigenen Palast bauen konnte. Eine Reise zur verfallenden Pracht.

Der Chand Baori, der grösste Stufenbrunnen Indiens: Rechts eine Bühne, die für Gemeindeversammlungen und Theateraufführungen genutzt wurde. Foto: Charles O. Cecil (Getty)

Der Chand Baori, der grösste Stufenbrunnen Indiens: Rechts eine Bühne, die für Gemeindeversammlungen und Theateraufführungen genutzt wurde. Foto: Charles O. Cecil (Getty)

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Bevor die Besucher das Fort in Jodhpur verlassen, fällt ihr Blick auf die roten Handabdrücke an der Mauer. Auf die Abdrücke 31 kleiner Hände. Sie gehörten den jungen Frauen der Maharadschas. Bevor der Trauerzug mit dem Leichnam ihres Mannes das Fort verliess, tauchte die Witwe ihre Hand in rote Farbe und stempelte sie an die Wand. Auf dem Weg zum Scheiterhaufen verschenkte sie ihren Schmuck und Münzen an die Armen – sie würde sie nicht mehr brauchen. Denn bald steigt sie zu ihrem toten Mann auf den Scheiterhaufen und lässt sich, mit seinem Kopf in ihrem Schoss, verbrennen. Man sagte den Frauen, wenn sie Sati begingen, Selbstver- brennung, würde man sie als Göttinnen verehren.

In Delhi muss man sich entscheiden. Nach Süden oder Westen? Nach Agra zum Mausoleum Taj Mahal oder in den Wüstenstaat Rajasthan? Viele fahren in den Süden, dabei würde der Westen mindestens so viel bieten. Nur findet der Reisende dort das Unglaubliche manchmal im Kleinen statt im Monumentalen.

Zurück kam ein Haufen Geld

250 Kilometer östlich von Delhi liegt Mandawa. Ein Städtchen, das fast nur aus Palästen besteht. Viele sind am Verfallen. Die Fensterläden wurden geschlossen, die Wandmalereien sind verwaschen und vom Flugsand getrübt. Viele sehen aber älter aus, als sie sind; auf manchen Malereien erkennt man Autos aus den 20-Jahren oder Propellerflugzeuge. Viele dieser sogenannten Havelis wurden von muslimischen Kaufleuten erbaut. Sie liessen im 18. und 19. Jahrhundert Stoffe und Gewürze von Karawanen zur Arabischen See bringen, zurück kam dafür ein Haufen Geld.

Es scheint, als hätten die Kaufleute nicht gewusst, wie sie das Geld verputzen sollten. Sie liessen die Fassaden bis auf den letzten Zentimeter bemalen, die wuchtigen Eingangstüren mit aufwendigen Schnitzereien versehen. Viele Havelis kann man besichtigen. Manche wurden zu Hotels, Restaurants oder Museen umgebaut, andere werden von Wächtern beaufsichtigt, die Interessierte für ein paar Rupien einlassen. Ein klassisches Haveli besteht aus zwei zusammengebauten Häusern mit je einem Innenhof. Das hintere gehörte der Familie, im vorderen wurde geschäftet. Da lagen die wohlgenährten Kaufleute träge auf Matratzen und Polsterrollen und liessen sich von Dienern Luft zufächern, mit einem fliegenden Teppich, der an einer Seite aufgehängt ist. Nachdem die Briten 1858 in Indien die Macht übernommen hatten, verlagerte sich der Handel vom Land auf die See, viele Kaufleute zogen nach Kalkutta. Und liessen ihr Anwesen zurück.

Aussicht vom Stadtpalast über Udaipur. Bild: Getty Images

Die Bevölkerung geht pragmatisch mit diesem Vermächtnis um. Sie nageln Parabolantennen oder Plakate an die Prachtsfassaden oder bauen wacklige Verkaufsstände mit Wellblechdächern an. Der Reichtum und die Armut kontrastieren scharf. Paläste und Wellblech. Reiche, die chauffiert werden, eine ältere Greisin, die sich von einer jüngeren Greisin in einer Schubkarre auf dem Marktplatz von Jodhpur schieben lässt, die Arme ausstreckt, in der Hoffnung, jemand drücke ihr eine Münze oder etwas Essen in die Hand.

Schon am ersten Abend in Mandawa hören wir Trommeln und Gesang von der einen Seite, Bässe von der anderen. Goa-Party? «No, Wedding», antwortet unser Guide und Fahrer Moin Khan. Die Inder feiern ihre Hochzeiten im Freien, auf umzäunten Feldern. Am zweiten Abend werden wir von einer Hochzeitsgesellschaft einverleibt. Gerade noch standen wir am Strassenrand und fotografierten, wie Braut und Bräutigam, Eltern, Grosseltern und Freunde hinter einer Art Love-Mobile hertanzten. Und schon tanzten wir mit. Wann immer wir in diesen Tagen etwas Unerklärliches beobachteten, wenn Schimmel für Märchenprinzen hergerichtet oder Traktoren herausgeputzt wurden, die Erklärung war stets: Wedding. Eine gute Zeit zum Reisen ist auch gut zum Heiraten – wenn die Sterne günstig stehen.

Er ist riesig. Dennoch würde man in Abhaneri am Chand Baori vorbeifahren, nicht ahnend, was hier im Boden liegt: Der grösste Stufenbrunnen Indiens, um das Jahr 800 erbaut. Er besteht aus 3500 Stufen, millimetergenau zurechtbehauen und akkurat zusammengefügt. Zu einem grossen Ganzen, das wie eine umgekehrte Pyramide zwanzig Meter tief in den Boden ragt. Die Sonne spielt mit ihrer strengen Geometrie, mit den Horizontalen und Diagonalen, hebt hervor und setzt zurück und gibt dem Auge die Illusion, durch eine 3-D-Brille zu blicken. Die vielen Treppchen führten die Frauen mit ihren Eimern im Zickzack in die Tiefe, wo das Wasser grasgrün schimmert. Es ist Grundwasser, aber auch Wasser, das der Monsun brachte. Steht man oben, steigt angenehme Kühle aus der Tiefe auf. Der Chand Baori strahlt die Ruhe und Erhabenheit einer Kathedrale aus. Besucher beginnen unversehens zu flüstern – schon die Flügelschläge der aufgescheuchten Tauben hallen laut.

Karma ist alles

Mitten in Rajasthan liegt Pushkar. Hier hat einst Hindu-Gott Brahman eine Lotosblüte fallen gelassen. Kaum berührte sie den Boden, begann sich ein See zu bilden. An dessen Ufer warten heute Priester auf Sünder; zu Tausenden pilgern sie jedes Jahr hierher, um sich in Reinigungsritualen reinwaschen zu lassen – gegen gutes Entgelt. In Pushkar bietet sich an jeder Ecke die Möglichkeit, das Karma aufzubessern. Da haben sich findige Männer mit Säcken voller Gras neben heilige Kühe gestellt, die im Abfall nach Essbaren suchen. Für ein paar Rupien kann man es ihnen verfüttern.

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Am Ufer des Sees lagern die Holy Men, heilige Männer mit Turbanen und langen Bärten. Sie leben von Almosen und fordern sie auch forsch ein. Manche scheinen nur darauf zu lauern, dass ahnungslose Touristen gegen eines der Gebote verstossen, die auf Schildern gelistet sind: Verboten ist es in ganz Pushkar, Alkohol zu trinken und Fleisch zu essen. Verboten ist, am Seeufer Schuhe zu tragen. Und verboten ist es, die Verbotsschilder zu fotografieren. Was nicht steht: Liebespaare sollten sich auch hüten, Hand in Hand zu gehen. Sonst kann es geschehen, dass ihnen ein heiliger Mann nachruft: «Euch sollte man die Hand abhacken!»

Auf der Hauptstrasse Pushkars bewegt sich ein kleiner Umzug zum Zentrum, voraus laufen Männer mit Trommlern und Tänzern, in den Händen Geschenke – Kokosnüsse, Parfüme, Blumen. Dann folgen Frau und Kind. Es ist, natürlich, eine Hochzeitsgesellschaft auf dem Weg zum Haus der Braut. Es war das letzte Mal, dass sich etwas Unerklärliches zutrug. Auch in den Nächten war es fortan ruhig – die Sterne standen schlecht zum Heiraten.

Die wilden Kerle von Jodhpur

Das Fort, das über Jodhpur auf dem Felsen thront, wirkt wie aus einem Fantasyfilm. Gekrönt wird es von einem Schloss, das aussieht wie von feiner Hand geklöppelt. Sein Name: Meherangarh. Ein Name, der lieblich beginnt und in einem Knurren endet. So gegensätzlich wie der Name war auch das Leben auf der Festung: In der Ahnengalerie schauen wilde Kerle mit buschigen Schnäuzen und schweren Augenlidern auf die Besucher herunter.

Stolze Krieger, für die es eine Frage der Ehre war, von Mann zu Mann mit dem Schwert zu kämpfen, und die sich weigerten, feige mit der Pistole auf dem Schlachtfeld zu erscheinen. Was ihnen zum blutigen Verhängnis wurde. Heute werden die Besucher von Audioguides durch die Pracht geführt, vorbei an Sammlungen extravaganter Sänften und Wiegen für die Thronfolger. Die Stimme im Kopfhörer erzählt auch, wie sich die Maharadschas ihre jungen Frauen für die Nacht herrichten liessen. Und erwarteten, dass sie ihnen in den Tod folgen. Nachdem sie ihre Hände beim Verlassen des Forts mit roter Farbe an die Wand gestempelt hatten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.03.2018, 18:09 Uhr

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Tipps und Infos für Rajasthan

Anreise: Ab Zürich mit der Swiss nach Delhi.

Visum: Schweizer benötigen ein Visum. Man kann es online oder auf dem Postweg beantragen.

Beste Reisezeit: Von Oktober bis März.

Reisen in Rajasthan: Es empfiehlt sich, mit einem privaten Fahrer zu reisen. Zum Beispiel: //rajasthanexpert.com/
Jaipur: Einen Besuch wert ist neben dem Palace Of Winds die Sternwarte Jantar Mantar. Wüsste man es nicht, würde man sie für eine Minigolfanlage für Riesen halten. Der Stadt­gründer liess sie aber bauen, um Zeit und Sternenbahnen zu messen und so zu erkennen, wie Erde und Kosmos in Harmonie gebracht werden können. Die Attraktion: eine 27 Meter hohe Sonnenuhr, welche die Zeit auf zwei Sekunden genau misst.

Jodhpur: Empfehlenswert sind die Gewürzläden der sieben Schwestern. Nach dem Tod ihres Vaters Mohan Verhomal entschieden sie gegen alle Widerstände und Verunglimpfungen, den Marktstand weiterzuführen – und bauten ihn zum Imperium aus. Ihr Stand (Nr. 209) steht am Gemüsemarkt beim Clock Tower.

Ranakpur: Die Jains haben sich Ahimsa, der Gewaltlosigkeit, verschrieben und tragen etwa einen Mundschutz, um nicht versehentlich eine Mücke zu verschlucken. Ihr prächtigster Tempel steht in Ranakpur.

Udaipur: Niemand weiss wohl, wie viele Zimmer der City Palace zählt. Er entstand über Jahrhunderte, jeder Maharana baute an diesem Generationenwerk. Das Ausmass des Palasts wird Besuchern erst bewusst, wenn sie ihn vom Schiff aus sehen – es ist kein Bauwerk, es ist eine Stadt. Jede Bootstour führt am Lake Palace vorbei, der Verlängerung des Palasts ins Wasser. (jho)

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