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Im Luxus durch ein armes Land

In Burma formt die Religion die Bewohner zu freundlichen, bescheidenen Menschen. Komfortabel unterwegs zu sein, kann zu bedrückenden Momenten führen.

In einem Hinterhof der früheren Königsstadt Bagan, im Landesinnern Burmas, sitzen dreissig Frauen auf dem Betonboden. Es riecht nach Rauch und geschmolzenem Plastik. Sie sind eingeteilt in drei Produktionslinien. Zwischen ihnen stehen Laternen mit glühender Kohle.

Eine Frau schöpft aus einem Kochtopf Bällchen aus Sojapaste, eine zweite schiebt sie in Plastiktütchen, eine dritte hält diese an die glühende Kohle, um Säckchen zu verschweissen. Die jungen Frauen produzieren im Sekundentakt, als wären sie Roboter. Pro Minute häufen sich etwa 60 Zehn-Gramm-Soja-Säckchen an. Eine vierte Frau steckt sie in einen grösseren Sack. Eine fünfte verschweisst diese und wirft sie einer sechsten hin, die sie in einer noch grösseren Menge verpackt. Schliesslich stapeln sich Tausende glänzender, pink bedruckter Verkaufspackungen, die an Süssigkeiten-Multipacks erinnern.

Die Besucher aus dem Westen schiessen Fotos mit teuren Handykameras. Wir wissen nicht, ob wir uns freuen oder schämen sollen. Positiv betrachtet, verdienen diese Arbeiterinnen Geld, ohne sich stark zu schädigen, und wir dürfen dabei zusehen. Negativ betrachtet, rackern sich die Frauen für vier Dollar pro Tag ab – mit einer für unsere Begriffe sinnentleerten Arbeit.

Dies ist der bedrückendste Moment einer siebentägigen Reise in Burma. In Ferienprospekten dominieren goldglänzende Pagoden, Buddhastatuen und reizende Flusslandschaften. Doch in Burma lebt ein gebeuteltes Volk mit 50 Millionen Bewohnern aus 130 Ethnien, die jahrzehntelang unter einer Diktatur litten. Vor fünf Jahren löste sich diese auf. Regimegegner kamen frei; mit ihnen auch die Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, die heute als De-facto-Regierungschefin agiert. Doch wieder ist sie eine Getriebene, diesmal von der Uno, die Burma für den gewaltsamen Umgang mit Minderheiten gerügt hat.

Gebiete mit Special Permits für Ausländer

Davon zeugt am Ankunftstag der Titel einer englischsprachigen Myanmar-Zeitung, das Militär habe an der Grenze zu Bangladesh «30 Leute erschiessen müssen, weil es nicht anders ging». So wird ein Armeesprecher zitiert. Auch in den Grenzgebieten zu Thailand, China und Laos kämpft man. Dort herrschen Clans, Opium wird angebaut. Solche Gebiete dürfen Ausländer nur mit Special Permits besuchen. Touristen in Mandalay und Bagan spüren nichts von den Konflikten.

Nach zwanzig Minuten Besuch in der Sojapaste-Manufaktur fahren wir im Kleinbus zum nächsten Betrieb, in dem eindrückliche Lackkunst hergestellt wird. Wir kaufen Souvenirs, die den Namen auch verdienen. Danach geht es zurück zum Landesteg des Flusskreuzfahrtschiffs Road to Mandalay, vorbei an einer Landklinik, die der Bordarzt führt und die von Touristenspenden lebt. Vorbei an Hunderten Kranken, die tagelang Schlange stehen.

Die Crew erwartet die Passagiere mit feuchten Tüchlein, um Hände und Gesicht zu waschen. Jeder übergibt seine Schuhe dem Diener, der sie reinigt. Man bezieht eine saubere Kabine, nimmt eine Dusche oder springt in den kühlen Pool. Der Kontrast könnte kaum grösser sein. Der Luxus, den wir geniessen, wirkt obszön im Kontext zur Armut.

Wir hatten uns den Einblick in den Alltag gewünscht. Der Besuch der Manufakturen war Teil einer «Real-Life-Exkursion». Wir wollten uns mit Lebensumständen konfrontieren, die wir selber nie akzeptieren würden. Die Folgefrage unter Reisenden ist, warum Burmesen ihr Leben so ertragen und dennoch sehr freundlich im Umgang mit Touristen sind. Die Antwort erhalten wir vom lokalen, deutschsprachigen Reiseführer bei Besuchen buddhistischer Religionsstätten.

Bei Mönchen lernt man Demut und Unterordnung

In Burma gibt es 380 000 Mönche, die von Spenden der Werktätigen leben. Fast jedes Kind wird für mehrere Wochen, Monate oder Jahre als Novizin oder Novize zu den Mönchen geschickt. Man lernt Demut und sich unterzuordnen. Im Gebet wünscht der Burmese Fortschritt, Zuversicht und Ergebenheit. Er hofft, dass es besser wird, er soll aber nicht mit seinen Umständen hadern. Zur Belohnung gelangt er nach dem Tod ins Nirwana und wird wiedergeboren. Gläubige müssen viele Gebote einhalten und einiges für den Erhalt und den Ausbau der Pagoden, Tempel, Stupas und Statuen spenden. In Burma gebe es 30 000 Pagoden, sagte unser Guide, allein um Bagan 3000.

Ein mitreisender spanischer Investor meint, dass es dem Land besser ginge, wenn all die Spenden in Maschinen investiert wären. So aber konsumiere das Volk Religion, die es unterwürfig und arm mache. Andere widersprechen: Burmesen seien dank fehlendem Materialismus westlicher Prägung zwar arm, aber glücklich. Der Guide, ein bekennender Buddhist, räumt ein, die Religion nehme wohl einen zu grossen Stellenwert ein.

Das Eindrücklichste auf unserer kurzen Reise sind zwei religiöse Stätten. Sie stehen in Bagan: der Ananda-Tempel und die Shwesandaw-Pagode. Beide sind über 900 Jahre alt. Der Tempel erinnert an europäische Klöster. Doch anders als in einem europäischen Gotteshaus ist der Kern mit Wänden ausgefüllt, die unter einer Kuppel im Kreuz angeordnet sind. In vier Nischen thronen vier 10 Meter hohe, vergoldete Buddhas, deren Blicken man sich nicht entziehen kann.

Die Shwesandaw-Pagode wiederum erinnert an Maya-Pyramiden im mexikanischen Yukatan. Das 40 Meter hohe Bauwerk erklimmen wir über sehr steile Treppen. Vor Sonnenuntergang stehen dort oben Hunderte Besucher und geniessen den Ausblick auf das von vergoldeten Pagodenkuppeln übersäte Hinterland, als wäre Gold hier gratis. Die Stimmung erinnert an ein Volksfest.

Zurück auf dem Schiff, warten die heisse Dusche, die saubere Luft am Fluss, das schmackhafte, nach westlichen Standards zubereitete Essen, die Drinks, die guten Gespräche und das weiche Bett.

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Die Reise wurde unterstützt von Geoplan-Reisen und Belmond.

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