Lernen mit ManU und Oasis

Manchester will im Geschäft mit Sprachschülern aus dem Schatten Londons treten. Hilfreich sind die eigenen Rasenhelden und Popgötter.

Red-Devils-Fans: Schals und Shirts von Manchester United sind Ehrensache. Foto: Getty

Red-Devils-Fans: Schals und Shirts von Manchester United sind Ehrensache. Foto: Getty

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Nur Zweiter zu sein, das macht keinen Spass. In Manchester, der nördlichen Metropole Englands, neuerdings auch Northern Powerhouse genannt, gilt das im Fussball wie im Leben. Und ganz besonders trifft es zu für eine energische Frau mit Namen Sarah Bryan, die es sich in den Kopf gesetzt hat, aus der Fussballhochburg auch eine erstrangige Destination für Sprachaufenthalte zu machen. Und dabei den ewigen Konkurrenten London, den Leader im Business mit Englischlernenden, auszudribbeln.

«Manchester macht so vieles besser als London», sagt Bryan, Chefin der Sprachschule EC Manchester, einem vor 2 Jahren eröffneten Ableger des weltweiten Unternehmens EC English Language Centres. Bryans Institut muss man sich als eine Art Boutique im Sprachschulgeschäft vorstellen: zentral gelegen, nicht zu gross, familiäre Atmosphäre, moderne digitale Didaktik-Tools. In den Klassenzimmern bunte Bilder mit den lokalen Popgöttern Oasis und The Smiths, dazwischen Poster, welche die Fussballhelden von Manchester United und Manchester City zeigen. Im Eingangsbereich ein monströser TV-Screen mit einer Playstation davor – hier hängen zwischen den Lektionen die Studis ab und spielen als virtuelle Rasenstars, als Stürmer Zlatan Ibrahimovic oder Defensivmann Danilo Luiz da Silva, ihre Champions-League-Runden.

Sarah Bryan, die ambitionierte Sprachmanagerin, zählt aus dem Stegreif drei gute Gründe auf, weshalb Englischstudierende nach Manchester kommen sollen. Fussball, in Manchester kein Spiel, sondern ein ganzjähriger kollektiver Taumel, ist der erste davon. «Von diesem Fieber kann man sich anstecken lassen, wenn man hier studiert», sagt Bryan, und dass dies auch Frauen gelingt, bezeugt ein blutroter Schal auf ihrem Pult mit dem Logo von Manchester United: «Meine Familie hält seit drei Generationen zu den Red Devils.» Zweites Plus: Manchester, einst Industriegigant, dann lange Krisenmetropole, gilt heute als Hotspot der englischen Start-up-Wirtschaft und als ein kulturell inspirierender Melting Pot. Gleichwohl sind die Lebenskosten in der 520 000 Einwohner zählenden Stadt deutlich tiefer als im Millionenmoloch London: ein starkes drittes Argument bei jungen Studierenden – und bei ihren Eltern.

«Wenige Schweizer hier, man muss Englisch reden»

Einen vierten Grund, der dafür spricht, dass Manchester der Themsestadt vorzuziehen ist, kennt Patrick Rohrbach, 29-jähriger Sprachstudent aus Bern. «Man trifft hier nicht viele Schweizer.» So sei man gezwungen, tatsächlich Englisch zu sprechen. Rohrbach ist Maschinenbauingenieur und paukt bereits im dritten Monat. Nicht nur für Banker und Büro­listen ist heutzutage ein solides Englisch in schriftlicher und mündlicher Form Voraussetzung fürs berufliche Fortkommen, vielmehr auch für Techniker wie Rohrbach. «Ich arbeite global vernetzt, im Austausch mit Kunden und Lieferanten aus dem Ausland, da sind sehr gute Fremdsprachenkompetenzen Pflicht.»

Womöglich eine der grössten Herausforderungen eines Sprachaufenthaltes ist es, Lerndisziplin und Vergnügungsdrang in ein vernünftiges Verhältnis zu bringen. Die Lehrer der EC Manchester unterrichten in sportlichem Tempo, Verkaterte, übermüdete, übernächtigte Klassenkameraden bleiben schnell auf der Strecke. «Man muss schon wissen, weshalb man hier ist», sagt Rohrbach. Das grosse Ausgehangebot von trendy Manchester, insbesondere des Hipsterviertels Northern Quarter mit seinen brummenden Clubs, macht das Konzentrieren auf den Schulstoff nicht unbedingt einfacher. Eine Freizeitbeschäftigung, die indessen voll und ganz die Unterstützung der Schulleitung geniesst, ist das Fussballtraining mit einer lokalen Juniorenmannschaft, an dem sportlich ambitionierte Sprachstudenten teilnehmen dürfen.

Massgeschneiderte Kurse für ältere Semester

Die Mehrzahl der Studierenden an der EC Manchester ist im Alter zwischen 18 und 25. Es gibt indessen immer mehr ältere Semester, die ihr Englisch auffrischen wollen. Mit der Globalisierung, mit dem Trend zum Arbeiten in internationalen Teams, hat die Bedeutung von guten Englischkompetenzen nochmals zugenommen. Ein typisches Merkmal älterer Schweizer Englischschüler bestehe darin, dass sie wenig Zeit haben, sagt Bryan. «In diesem Falle bieten wir massgeschneiderte Kurse an.» Während bei den Jungstudierenden in der Regel Mama und Papa für die Finanzierung besorgt sind – einige asiatische Schülerinnen und Schüler büffeln bis zu einem Jahr an der EC Manchester –, bezahlen bei den gestandenen Berufsleuten oft die Arbeitgeber die Weiterbildung. Wegen des starken Schweizer Frankens sind Sprachkurse in England deutlich günstiger geworden.

Die Englischeleven wohnen bei Gastfamilien, deren Heime von der Schule gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen sind. Sobald man sich etwas vom Zen­trum Manchesters entfernt, gelangt man in Gegenden, in denen sich, so scheint es, in den letzten 50 Jahren kaum was verändert hat. Backsteinbauten aus dunkelrotem Ziegel, graue Lagerhallen, lange Kanäle. Die Lebensmittelshops der polnischen Immigranten erinnern indessen daran, dass auch diese Quartiere im Jetzt angekommen sind, in der Zeit der europäischen Binnenwanderungen.

«Manchester gets under your skin!» Manchester gehe unter die Haut, sagt Mary Pickup, 70-jährige Gastmutter, die seit über 10 Jahren Studierende in ihrem Haus im Stadtteil Paticroft beherbergt. Auch Mary mag Fussball, am meisten aber die aussergewöhnliche Poptradition, die ihr Manchester auszeichnet. Heimat und Gründungsort von Oasis, Simply Red oder Take That nennt sich die Stadt auch Madchester – und der Musik­wahnsinn steht der Fussball­verrücktheit in nichts nach.

Mary Pickup ist eine gute Köchin und eine noch bessere Geschichtenerzählerin. Nach dem Dinner taucht sie jeweils in ihre Erinnerungen ab, berichtet von ihrer Bekanntschaft mit der Mutter der flegelhaften Oasis-Brüder («Eine geplagte Frau mit zwei so ungezogenen Söhnen») oder von jenem Beatles-Konzert in Manchester, irgendwann im Sommer 1964, an dem sie ihren ersten Mann kennen lernte: «Mein Gott, wie waren wir unschuldig!» Diese Storys sind eine willkommene Ergänzung der Englischlektionen vom Tag – auch wenn Mary mit einem ihrer Herkunft geschuldeten melodischen irischen Akzent spricht.


Die Reise wurde unterstützt von Boa Lingua

Erstellt: 22.09.2017, 14:33 Uhr

Gastfamilie und Heimspiele

Anreise Ab Zürich Nonstopflug mit Swiss nach Machester, mit
Easyjet ab Basel

Arrangements Bei Boa Lingua, Sprachreisen weltweit, ab 2300 Fr. Inbegriffen sind ein 4-wöchiger Standardkurs mit 20 Lektionen
pro Woche an der EC Manchester und Unterkunft mit HP bei einer Gastfamilie. Tel. 041 726 89 43; www.boalingua.ch

Fussball Für Fans empfiehlt sich ein Sprachaufenthalt während der Premier-League-Saison zwischen August und Mai. Die Schule unterstützt die Studierenden beim Buchen von Tickets für die Heim­spiele von Manchester United und Manchester City. www.mancity.com www.manutd.com www.stokecityfc.com (mit Shaqiri)

Allgemeine Infos
www.visitbritain.com www.visitmanchester.com

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