Mauren vor der Küste!

Mallorcas Wachttürme werden zu Touristenattraktionen. Die trutzigen Denkmäler, zum Teil auf vorgelagerten Inseln, erzählen von Piraten und Pionieren.

Wer hier Wache hielt, war den Angreifern ausgeliefert: Das Castell de Cabrera am südlichsten Punkt Mallorcas wurde mindestens zehnmal zerstört und wiederaufgebaut. Foto: PD

Wer hier Wache hielt, war den Angreifern ausgeliefert: Das Castell de Cabrera am südlichsten Punkt Mallorcas wurde mindestens zehnmal zerstört und wiederaufgebaut. Foto: PD

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Anfang dieses Jahres ging ein Leuchten um Mallorca. 24 alte Wachtürme sandten nacheinander ein Lichtsignal aus. Es war ein Test. Ein paar Mallorquiner wollten wissen, ob das einstige Überwachungssystem an der Küste noch funktionierte. «Wir wollten auf den schlechten Zustand der Türme aufmerksam machen», sagt der Mathematiklehrer Pep Lluís Pol, einer der Veranstalter der Leuchtfeuer-Aktion. «Sie müssen erhalten bleiben, denn sie gehören zu unserem historischen, landschaftlichen und emotionalen Erbe.»

Die Aktion war auch eine Hommage an die Vorfahren. Bis ins 19. Jahrhundert war Mallorca immer wieder Piratenüberfällen ausgesetzt. Die ständige Gefahr hat die Mentalität der Insulaner geprägt. Mallorquiner sind zurückhaltend, manchmal sogar misstrauisch. Und sie lebten bis zu Beginn des Tourismus nie an der Küste. Zu gefährlich.

Bei 50 Türmen lohnt sich eine Restaurierung

Heute verdient Mallorca das Geld am Strand. Die Baleareninsel gehört zu den wohlhabendsten Regionen Spaniens. Bei all dem Erfolg tut es gut, sich an das Leben zu erinnern, wie es früher war. Die Lokalregierung stellt dieses Jahr alle noch erhaltenen Türme unter Denkmalschutz und beginnt mit einem umfassenden Restaurierungsprogramm. Bei 50 Türmen lohnt sich das. Andere sind nur noch Steinhaufen. Manche stehen auf Privatgrund und sind nicht zugänglich. Das will die Inselregierung ändern: Anspruch auf finanzielle und technische Unterstützung hat nur, wer die Tore öffnet.

Viele dieser Türme, Talaies oder Torres auf Mallorquinisch, sind jetzt schon bequem mit dem Auto zu erreichen, andere säumen steile Wanderwege im Tramuntana-Gebirge. Meerblick ist garantiert, denn naturgemäss stehen die runden, robusten Steintürme an exponierten Stellen. Wer die enge Wendeltreppe im Inneren nach oben steigt, sich auf das Flachdach stellt und den Blick schweifen lässt, fühlt sich leicht und sorglos.

Vielleicht kam früher auch bei den Wächtern ab und zu dieses erhebende Gefühl auf. Sicher nur dann, wenn sie nichts sahen als Himmel und Meer. Zeigte sich ein verdächtiges Schiff am Horizont, mussten sie schnellstmöglich «Mauren vor der Küste» signalisieren. Tagsüber mit Rauch, nachts mit Feuer. Die Kollegen auf den umstehenden Türmen gaben das Signal weiter. Es galt, die schlechte Nachricht möglichst schnell zum Almudaina-Palast in Palma zu schicken: Dort lebte der König oder sein Statthalter. Der sandte Truppen aus, um die bedrohten Orte zu verteidigen.

Sichtkontakt zu den benachbarten Wächtern

Das System geht auf den mallorquinischen Universalgelehrten Joan Binimelis (1538-1616) zurück. Auch deshalb engagieren sich Pep Lluís Pol und sein Verband der Mathematiklehrer für die Türme: «Er war unser erster Wissenschaftler und hat die Distanzen zwischen den Türmen berechnet», so Pol. Zwischen 1542 und 1558 wurde Binimelis Zeuge der brutalen Piratenüberfälle auf Sóller, Valldemossa, Pollença und Andratx. Er fasste den Entschluss, Mallorca mit einem Turm-Warnsystem auszustatten und liess alle Türme nach demselben Schema bauen: dicke, etwa 10 Meter hohe Mauern, dazu ein Trinkwasserdepot unter der Erde, eine Wendeltreppe im Inneren und ein Flachdach als Aussichtsplattform. Die Türme wurden so gebaut, dass die Wächter Sichtkontakt zu ihren Kollegen links und rechts hatten.

Wie gross das Piratenproblem war, zeigen die überlieferten Ereignisse vom Wachturm Castell de Cabrera. Er steht am südlichsten Punkt Mallorcas, auf dem der Küste vorgelagerten, unbewohnten Archipel Cabrera. Algier liegt nur 140 Seemeilen entfernt. Im 16. Jahrhundert wurde der Turm mindestens zehnmal zerstört und wiederaufgebaut. Wer hier Wache hielt, war den Angreifern ausgeliefert. Viele Wächter liessen ihr Leben oder wurden verschleppt und versklavt.

Nur Palma hatte einen grossen, geschützten Hafen.

Nicht nur die Türme zeugen vom Leben in ständiger Angst. Bis heute gibt es im Mallorquinischen die Redewendung «Ara que no hi ha moros a la costa» («Jetzt, wo keine Mauren vor der Küste liegen»). Bei den Dorffesten «Moros y Cristianos» spielen die Insulaner jedes Jahr die Übergriffe nach, im Mai in Sóller und im August in Pollença. Immer siegen die Christen. Auch die Tatsache, dass viele Orte einige Kilometer von der Küste entfernt liegen, zeugt von der Angst, die die Mallorquiner vor dem Meer hatten. Nur Palma hatte einen grossen, geschützten Hafen.

Mit den Leuchtfeuern auf den Wachtürmen will Pep Lluís Pol auch noch ein anderes Zeichen setzen: «ein Signal an die Flüchtlinge im Mittelmeer, ein symbolischer Akt der Gastfreundschaft».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.05.2017, 16:12 Uhr

Zugängliche Wachtürme

Torre de Llebeig auf der Insel Sa Dragonera: Anfahrt mit dem Schiff von Sant Elm aus. Vom Anlegehafen führt ein neun Kilometer langer Wanderweg zu dem Turm, circa 2,5 Stunden.

Torre de ses Ànimes oder Torre des Verger in Banyalbufar: Der Turm steht an der Westküste, direkt an der Küstenstraße Ma-10, von Andratx kommend links, 1,5 Kilometer vor Banyalbufar. Ein paar Treppenstufen führen hinauf. Perfekt für Sonnenuntergänge.

Talaia d'Albercutx in Formentor: Der Turm auf der Landzunge bietet einen schönen Blick auf das Tramuntana-Gebirge, die Bucht von Pollença und das Cap Formentor. Anfahrt über die Ma-2210 von Port de Pollença. Gegenüber des Aussichtspunkts Mirador Colomer geht eine 2,5 Kilometer lange Straße ab.

Torre del Serral dels Falcons in Porto Cristo: Der Turm steht im Ortskern, zwischen dem Hafen und der Badebucht Cala Murta.

Torre d'en Beu in Cala Figuera bei Santanyi: Der Turm steht an der östlichen Seite der Bucht Cala Figuera und bietet einen großartigen Blick über Mallorcas Süd- und Ostküste, auf die vorgelagerte Inselgruppe Cabrera und den Leuchtturm am Cap de Ses Salines.

Torre de ses Illetes oder Torre de Xaloc in Palma: Er steht auf einer der kleinen Inseln vor den Badebuchten Cala Comtessa, Cala Xinxell und Illetes, neun Kilometer außerhalb von Palma. Die Strände sind mit dem Linienbus 3 zu erreichen. Vom Quai Cala Comtessa kann man leicht zur Insel mit dem Turm schwimmen.

www.infomallorca.net

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