Mit dem inneren Auge

Laila Grillo ist blind. Doch sie reist genauso intensiv wie Sehende – ob auf Schlössertour oder in Nepal.

Laila Grillo (l.), Service-Angestellte und Agronomie-Studentin, im Gespräch mit nepalesischen Bauern für ihre Bachelorarbeit. Foto: Hans Schaltenbrand

Laila Grillo (l.), Service-Angestellte und Agronomie-Studentin, im Gespräch mit nepalesischen Bauern für ihre Bachelorarbeit. Foto: Hans Schaltenbrand

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Warum reisen, wenn man doch nichts sieht? Was für eine Frage! «Bloss weil ich nichts sehe, heisst das nicht, dass ich die Umgebung nicht wahrnehme», erwidert Laila Grillo, 26. «Es riecht anders, es tönt anders, die salzige Luft, die Schreie der Möwen am Meer.» Der Mensch habe ja noch vier weitere Sinne. «Wieso nicht diese brauchen?» Sie reise aus dem gleichen Grund wie der Sehende auch: «Weil ich neugierig bin, weil ich etwas erleben und entdecken will.»

Wir treffen uns im Restaurant Blinde Kuh in Zürich, wo Blinde bedienen und Sehende im Dunkeln speisen. Die Gäste sollen eine erhellende Reise in die Welt der Dunkelheit erleben. Alles, was auch nur einen Schimmer Licht bescheren könnte, Uhr oder Handy, wird vor dem 3-Gang-Diner eingezogen. Seit einigen Jahren serviert Laila Grillo im Dunkel­restaurant – nicht zuletzt, um Geld für ihre grosse Leidenschaft, das Reisen, zu verdienen. Italien, das Heimatland der Eltern, Frankreich, Kanada oder England, schon einige Länder habe sie «gesehen».

Bücher inspirieren sie zu Reisen

Laila Grillo ist als kleines Mädchen im Alter von fünf Jahren erblindet. Nach einer Netzhautablösung als Folge der zu frühen Geburt. Nie hat sie sich von diesem Handicap behindern lassen. Sie studiert Agronomie an der Berner Fachhochschule, eines ihrer liebsten Hobbys ist das Klettern. «Ich habe den Anspruch, selbstständig zu sein», sagt die junge Frau aus Bazenheid SG – als «mutig» wird sie von ihrem Umfeld bezeichnet. Die zarte, fast zerbrechliche Erscheinung trügt, im Gespräch wirkt Laila Grillo selbstbewusst, sie lacht und scherzt, streut immer wieder englische Ausdrücke in ihre Erzählungen.

Meist seien es Bücher, die sie zu einer Reise inspirieren. Die Legenden von König Artus zum Beispiel haben sie in die Schlösser von Wales geführt – «absolutely gorgeous», erinnert sie sich. Mit dem Audio-Guide – «eine der besten Erfindungen überhaupt» – habe sie die Atmosphäre auf sich wirken lassen. Gerade lese sie ein Buch von Sabine Ebert über Deutschland im Mittelalter, gut möglich, dass sie dereinst die Städte Meissen oder Brandenburg besuchen werde.

«Man traute mir kaum etwas zu»

Im Oktober ist sie von einem fünfmonatigen Aufenthalt in Nepal zurückgekehrt. Nepal, das Land der höchsten Berge, hat sie fasziniert, seit sie die Geschichte von Edmund Hillary und der Erstbesteigung des Mount Everest gelesen hat. Natürlich habe sie mitbekommen, dass der blinde Extremsportler Andy Holzer im vergangenen Mai den Gipfel des höchsten Berges bezwungen hat. Sie kennt den Österreicher persönlich, hat ihn auch schon nach Tipps fürs Bouldern, das seilfreie Klettern in Absprunghöhe, gefragt. Aber der Everest, der reize sie nicht, «zu viel Kommerz», findet sie.

Und Laila Grillo will betont haben, dass sie nicht etwa aus Vergnügen in Nepal war, sondern für ihre Bachelorarbeit. In Nepal hat sie das Potenzial von Hülsenfrüchten, von Sojabohnen und Linsen erforscht. Sie besuchte Produzenten, führte Interviews mit lokalen Bauern. In ihrem Blog «Work and Experiences in Nepal» beschreibt sie die David Falls: «Der feine Sprühnebel kombiniert mit Sonnenschein – ein herrlicher Anblick!» Sie «begutachtete» die Auslagen in den Läden der Stadt Pokhara, gemeinsam mit Freunden ging sie «Fussball gucken». Warum diese visuelle Sprache? «Weil ich es so empfinde», sagt sie, «weil mein inneres Auge es so sieht.»

In Erinnerung bleiben ihr der Geruch von Gewürzen, Chili, Ingwer und Kümmel, der Geschmack des Chai-Tees und des scharfen Suppenhuhns, das Geräusch des Reisigbesens frühmorgens und das Pfeifen der fremden Vögel. Diese «Bilder» hat sie mit heimgebracht. Aber: Es waren auch harte fünf Monate in Nepal. Kaum einen Schritt durfte sie allein tun. Die Nepalesen seien ihr zwar herzlich, aber ängstlich, fast überbeschützend begegnet, «man traute mir als Blinde kaum etwas zu». Sie durfte weder kochen noch in den Laden nebenan. Da half alles Diskutieren nichts – man wollte einfach nichts riskieren. Trotz anfänglichem Heimweh und mangelnder Freiheit: «Ich habe profitiert.» Sie habe einiges über sich selber gelernt. Gerade auch das: wie überaus wichtig ihr die mühsam erarbeitete Unabhängigkeit ist. Umso mehr geniesse sie es jetzt, allein unterwegs zu sein, selbstverständlich habe sie immer den weissen Stock dabei. Kürzlich ist sie nach Brixen in Südtirol gereist, ans Gipfeltreffen der weltbesten Bergsteiger, das International Mountain Summit. Ihr Fazit: Bergsteiger sind nicht so offen wie angenommen. Niemand habe sie angesprochen, einen ganzen Abend sei sie allein am Tisch gesessen.

«Die vielen Blicke in Brixen»

Positiv überrascht habe sie, wie hilfsbereit die Südtiroler ihr begegnet seien. «Viel aufmerksamer als in der Schweiz – und vor allem mit mehr Achtung.» Hier würden die Leute schon auch helfen, «jedoch nur so viel wie nötig». Andererseits sei die Hilfsbereitschaft etwas mühsam geworden: Nach zwei Tagen Brixen «habe ichs gesehen». Ständig sei sie angesprochen worden: Suchen Sie etwas? Kann man Ihnen helfen? «Dabei wollte ich mir nur in Ruhe die Altstadt ansehen.» Vor allem die Blicke hätten sie genervt. Die Blicke? «Ja, ich fühlte mich beobachtet – das spürt ihr doch auch, oder?» Soll man ihr denn nun Hilfe anbieten oder nicht? Je nachdem, es hänge davon ab, wie kompliziert die Umgebung sei. Jedenfalls müsse man ihr nicht alles aus dem Weg räumen, nur warnen soll man sie.

Am liebsten ist sie sowieso mit einer Kollegin unterwegs, weil es mehr Spass macht, weil sie so mehr erfährt. Das nächste Abenteuer ist bereits geplant: Im Januar gehts für sechs Wochen nach Neuseeland und Australien. Eine Kollegin habe sie gefragt, «umso besser». Normalerweise ist sie diejenige, die fragt. Sie würde allen zutrauen, sie zu begleiten. Obwohl es einiges abverlangt, man sich immer sehr nahe sei. Laila Grillo hängt sich bei der Begleitung ein, auf einer Bergwanderung hält sie sich an deren Rucksack fest. «Wir wären 24 Stunden zusammen», warne sie jeweils, «willst du das wirklich?» Ist die Antwort Nein, nimmt sie das niemandem übel, «ich erwarte Ehrlichkeit».


Infos unter: Blindekuh Zürich, Tel. 044 421 50 50 Basel, Tel. 061 336 33 00.

Erstellt: 17.11.2017, 15:13 Uhr

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