Sanfte Wellen und wundersame Kolibris

Peru hat fernab der berühmten Inkastätten viele Überraschungen zu bieten. Zum Beispiel erstklassige Reviere für Surfer und einen geheimnisumwitterten Wasserfall.

Sowohl Anfänger als auch fortgeschrittene Surfer kommen an der Küste Perus auf ihre Kosten. Foto: Getty Images

Sowohl Anfänger als auch fortgeschrittene Surfer kommen an der Küste Perus auf ihre Kosten. Foto: Getty Images

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Ganz geheuer ist es der Beifahrerin im Taxi nicht. Wie im Spiel Tetris quetschen sich die Fahrzeuge, ohne zu blinken, gefährlich schnell in jede Lücke. Wer zögert, kommt nicht voran oder kriegt eine Delle in die Karosserie. In dem Gewusel von Autos, Taxis, Bussen und Fussgängern findet der Taxifahrer bewundernswert den Weg durch die Innenstadt von Lima. 10 Millionen Menschen leben in Perus Hauptstadt, ein Viertel der Gesamtbevölkerung, viele unterhalb der Armutsgrenze. Der öffentliche Nahverkehr lässt zu wünschen übrig; die Taxifahrer haben gut zu tun. Victor flucht fröhlich auf Spanisch, trickst einen Transporter aus und hat die Situation jederzeit im Griff.

Wir sind auf dem Weg zu den Surfschulen am Waikiki-Strand. Hier herrschen ideale Bedingungen für Anfänger: kleine Wellen, die flach brechen. «Mellow waves» lassen genug Zeit für Stehversuche, Fortgeschrittenen empfiehlt sich La Herradura, acht Kilometer südlich von Waikiki. Die anspruchsvollsten Surfspots des Landes liegen freilich 1000 Kilometer nördlich von Lima in den Regionen Lambayeque oder Piura.

Trister Nebelfleck oder magischer Ort?

Wer in den Wintermonaten Juli bis September in den Pazifik steigt, hat die anrollenden Wellen weitgehend für sich alleine. In dieser Zeit verwandelt sich Lima, je nach Betrachtungsweise, in einen tristen Nebelfleck oder in einen magischen Ort. Wer jetzt ins Wasser steige, sei ein «echter Surfer», erklärt Surflehrer William Alca, während er auf dem Brett sitzend auf die nächste Welle wartet. «Hartgesottene kennen weder Winter noch Sommer.»

Für die jungen Kanadier Craig und Anna ist es die erste peruanische Surflektion. Sie sind froh, dass der Neoprenanzug vor dem kalten Wasser schützt. Wie viele andere hatten sie von Limas Surfkultur keine Ahnung. Javier Amaya Casas, der Gründer der Surfschule Pukana, ist überzeugt, dass besseres Marketing mehr Touristen an den Pazifik locken würde. «Die Infrastruktur an Perus Stränden ist schlecht», gibt er zu, «streunende Hunde, zu viel Abfall und kaum Toiletten. Nur wir Surfschulen sorgen für Ordnung.» Amaya Casas und seine Branchenkollegen wünschen sich deutlich mehr Unterstützung durch die Behörden. Peru investiere zu wenig in den Surfsport, ärgert sich der Surflehrer, obwohl das Spiel mit Brett, Wellen und Wind doch seit 2004 boome. Damals gewann die Peruanerin Sofía Mulánovich als erste Südamerikanerin die Weltmeisterschaft. Ihr Sieg wurde zur Initialzündung für den Surfsport im ganzen Land.

Paradies für Vogelfreunde

Die meisten Touristen kommen sicher nicht des Surfens wegen nach Peru. Zwei Stunden Flug trennen die Millionenstadt Lima von dem unberührten Flusstal des Utcubamba im Norden. Wir sind auf der Suche nach einem ganz besonderen Kolibri namens Wundersylphe. Nur in Peru soll man den Winzling zu Gesicht bekommen. «Er ist nicht nur selten, der Kolibri ist auch der Schönste», schwärmt Saddit Herrero. Sie begleitet die Reisegruppe zu den spektakulären Gocta-Wasserfällen, mit 771 Metern die dritthöchsten der Welt. Lange konnte man das Naturschauspiel von Gocta auf keiner Landkarte finden. Die Nachfahren der Chachapoya, der in der Gegend ansässigen Ureinwohner, fürchteten und mieden es. Erst 2002 wurde der Wasserfall vom Deutschen Stefan Ziemendorff entdeckt, 2006 vermessen und kartografiert. Dennoch ist der Gocta für viele nur Nebensache. Sie stapfen der Vögel wegen durch das nahezu unberührte Naturparadies, in dem viele endemische Vogelarten vorkommen.

Die Gocta-Wasserfälle. Foto: Alamy

«Nicht umsonst wurde die Wundersylphe zu Cocachimbas Wahrzeichen», erklärt Herrero. Sie ist in Cocachimba aufgewachsen und kennt den zweistündigen Fussmarsch zu den Wasserfällen bestens. Im Sommer legt die junge Reiseleiterin den Weg mehrmals am Tag zurück – mit 26 Jahren noch kein Problem. Dorín Martínez dagegen, der 56-jährige Tourguide, will sich demnächst zur Ruhe setzen. «Seit Jahren mache ich nichts anderes, als diese Strecke auf und ab zu laufen.» Man sieht es ihm an: Leichtfüssig wie eine Gämse bewegt er sich mit einem Paar alten Badelatschen an den Füssen über Stock und Stein. «Doch jetzt wird es allmählich Zeit für was Neues», wünscht sich Martínez.

In der Sierra, dem Hochland, weht ein kühler Wind. Statt Spanisch hört man zunehmend indigene Sprachen. Tuk-Tuks schlängeln sich über vernachlässigte Strassen. Bröckelnde, unfertige Häuser, aber auch Spuren des Inkareiches lassen erahnen, dass wir in der Zeit zurückgereist sind. Frauen und Mädchen tragen Polleras – farbenfrohe, weite Umhänge und hohe Hüte. Gelassen verkaufen sie in Körben Süssigkeiten und Selbstgestricktes. Die Fertigung der leuchtend bunten Wollsachen aus Schaf-, Lama- oder Alpacawolle ist Teil der peruanischen Kultur. Es stricken übrigens nicht nur die Frauen. Auf einer Insel im peruanischen Teil des Titicacasees sind es seit alters die Männer, was 2008 zur Aufnahme in die Liste des Unesco-Weltkulturerbes führte. In Cajamarca sitzt Merceda Hualla seit 20 Jahren am Vormittag mit selbst gefertigten Wollpüppchen am Eingang eines Viersternhotels. Am Nachmittag findet sie Zeit, in ihrem abgelegenen Bergdorf Felder und Vieh zu versorgen. «Mit den Wollsachen verdiene ich mehr als mit der Landwirtschaft. Das ist in Ordnung, ich stricke gerne», erzählt Hualla mit einem warmen Lächeln.

Alternative zum Surfbrett

Zurück an die Küste: Der 26-jährige Gino Perez ist leidenschaftlicher Surfer. Er wuchs in Pimentel auf, einem Fischerdorf der nördlichen Provinz Lambayeque. Hier gehört Wellenreiten zur Tagesordnung. Man nutzt dafür nicht nur das uns bekannte Surfbrett. Es gibt eine überraschende Alternative: Caballito de Totora, übersetzt: das «Schilfpferdchen». Dabei handelt es sich um kleine, aus Schilf gefertigte Fischerboote mit jahrtausendealter Tradition. Ein derartiges «Schilfpferdchen» besitzt die Form einer Schote. Der Fischer sitzt wie ein Reiter auf einem Pferd und hängt mit den Beinen im Wasser. Das sonderbare Schiffchen ist stabil genug für den Transport einer Person, der Fischereiausrüstung und des Fangs. Es wurde 2003 zum nationalen Kulturgut erklärt. Ob sich die lokalen Fischer vor 1000 Jahren wohl hätten vorstellen können, das Caballito de Totora auch zum Surfen zu nutzen? Perez schmunzelt bei der Vorstellung. Er brach nach kurzer Zeit seinen Dienst im Militär ab und setzte alles auf den Surfsport. Heute betreibt er in Pimentel eine eigene Surfschule, von der er, wie sein Kollege in Lima, gut leben kann.

Surflehrer, strickende Männer, rastlose Wasserfall-Guides: Peru schreibt seine eigenen Geschichten.

Die Reise wurde unterstützt von Promperu. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.06.2017, 10:12 Uhr

Peru

Infos und Tipps

Anreise: Ab Zürich mit KLM via Amsterdam oder mit Iberia via Madrid nach Lima. Weiter mit Inlandflug nach Cajamarca, ab dort weiter mit Privattransfer. www.klm.com; www.iberia.com.

Reiseveranstalter: Südamerikaspezialisten sind Knechtreisen und Dorado Latin Tours. www.knecht-reisen.ch; dorado-latintours.ch.

Unterkunft: Lima, Miraflores Park, 5-Stern-Hotel im modernen Stadtteil mit Meerblick, www.belmond.com; Cajamarca, Costa del Sol, 4-Stern-Hotel auf der Plaza de Armas,

www.costadelsolperu.com/cajamarca.

Ausflug: Besuch der Gocta-Wasserfälle in Cocachimba: Übernachtung im 5-Stern-Lodge-Hotel Tambo Sapalanchan, Luya, www.tambosapalanchan.com.

Surfschule: Lima, Pukana Surf (2 Std. inkl. Material ca. 20 Fr.), www.pukanasurf.com.

Sicherheit: www.eda.ch.

Beste Reisezeit: Lima, Dez. bis März, nördliches Andenhochland, zwischen Juni und August (Trockenzeit).

Allg. Infos: Die nationale Tourismusorganisation Promperu führt unter Peru Travel einen übersichtlichen Reiseplaner, www.promperu.gob.pe; www.peru.travel.

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