Sternenzelt in der Unterwelt

In den Höhlen von Waitomo in Neuseeland verzücken Leuchtmücken die Besucher. Der Andrang schafft auch Probleme.

Surreale Lebensform: Mit ihrem Leuchten locken die Mückenlarven Beute anFoto: iStock

Surreale Lebensform: Mit ihrem Leuchten locken die Mückenlarven Beute anFoto: iStock

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«Das sind keine LEDs, wirklich nicht», versichert der Höhlen-Guide, nachdem er die Frage an diesem Tag zum dritten Mal gehört hat. «Was wir hier sehen, ist ein Wunder der Natur.» 45 Meter unter der Erdoberfläche, inmitten von Stalaktiten und Stalagmiten, funkeln die Sterne. Zumindest sieht es so aus.

Das «Wunder» ist eine Kolonie leuchtender Mücken – Glowworms werden sie hier genannt –, die sich in den Höhlen von Waitomo in Neuseeland niedergelassen hat. Schwer vorstellbar, dass in dieser dunklen, feuchten Unterwelt überhaupt etwas lebt. Die Grotte beherbergt Zigtausende Exemplare dieser nur in Neuseeland vorkommenden Langhornmücken-Art, Arachnocampa luminosa. Die erwachsenen Tiere werden nur wenige Tage alt. Die wurmartigen Larven wachsen über Monate heran; dabei hängen sie an der Höhlendecke, lassen von dort seidene Fangfäden herab. Ihr Leuchten lockt Beute an.

Smartphones und Schwätzer sind nicht erwünscht

So entsteht das Sternenzelt tief in der Erde. Trotzdem ist von Romantik zunächst nicht viel zu spüren, denn durch die auch im Deutschen als Glühwürmchen-Höhle beworbenen Grotten wimmeln nicht nur Insekten, sondern auch Menschen. Mehrere Gruppen werden gleichzeitig durch die 15 Grad Celsius kühlen Gewölbe geführt. Zwar mahnen Schilder zur Ruhe, aber davon ist beim Abstieg nicht viel zu spüren. «Schhhhh!», zischt der Guide, als ein junges Paar abermals tuschelt. «Und macht das Handy aus!» Helle Lichtquellen oder laute Geräusche sind in den Höhlen streng verboten, weil sie die Insekten stören – und diese dann weniger leuchten.

Doch einfach machen es einem die Tiere zunächst nicht. Man muss in die Hocke gehen, den Oberkörper strecken und den Hals verrenken, bevor man das bläuliche Glimmen erblickt.

Die Höhlen von Waitomo zählen zu den beliebtesten Touristenattraktionen Neuseelands. Eine halbe Million Menschen steigt jedes Jahr in die Tiefe, manche für einen Rundgang, andere für eine Bootstour, zum Abseilen oder – die härteste Variante – fürs «Black Water Rafting». Dabei sausen Abenteuerlustige auf Gummi­reifen durch das unterirdische ­Wassersystem.

Forscher warnen vor zu vielen Besuchern

Zur Faszination gehört das Gefühl, in eine exotische Welt vorzudringen. Der Pioniergeist trieb auch den englischen Forscher Fred Mace 1887 in die Höhlen von Waitomo. Zusammen mit dem einheimischen Maori-Häuptling Tane ­Tinorau erkundete er auf einem Floss das weitverzweigte System. «Die Höhlen haben sich seitdem kaum verändert, aber der Besuch war komplett anders», erzählt ­Hiria Kohe-Love. Die 36-Jährige stammt selbst von Tinorau ab und verantwortet heute das touristische Programm in den Höhlen. «Damals musste man mutiger sein», sagt sie. «Die Leute haben sich abgeseilt und Karbidlampen vor sich hergetragen.»

Schon früh erkannten die Maori, dass in diesem Erlebnis ein wirtschaftliches Potenzial steckt. 1889 machten sie die Höhlen für die Öffentlichkeit zugänglich. Aber einige Jahre später enteignete die Regierung die Maori und übernahm selbst die Verwaltung. Erst 1989 erhielten Tinoraus Nachfahren ihr Land zurück. Noch heute sind die meisten Mitarbeiter in den Höhlen Maori. Längst warnen Wissenschaftler vor zu vielen Besuchern. Womöglich könnte das Kohlendioxid, das durchs Atmen entsteht, die Insekten schädigen. Wenn sich Feuchtigkeit oder Sauerstoffgehalt zu stark ändern, könnte das zu einem Massensterben der Mücken führen.

In der Höhle steuert die Gruppe unterdessen dem Finale entgegen. Über eine Treppe werden die Besucher abermals in die Tiefe geführt zu einer Bootsanlegestelle. Dicht an dicht sitzen alle nebeneinander. Das Holzboot schwankt; dann geht auch die letzte Taschenlampe aus. «Schhhht!», zischt erneut der Guide, als das Tuscheln wieder losgeht. Wenige Sekunden später verschlägt es allen die Sprache: Die Sterne sind definitiv aufgegangen, tief unter der Erde.

www.waitomo.com; www.knecht-reisen.ch; www.ozeania.ch
Die Reise wurde unterstützt von Tourism New Zealand



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Erstellt: 07.09.2019, 16:10 Uhr

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