Taipeh bringt nichts aus der Balance

Wolkenkratzer dominieren die Silhouette der taiwanischen Metropole, die täglich von Erdbeben ­erschüttert wird.

Taipei 101 ist unübersehbar: Das höchste Gebäude der Stadt wird von einer gigantischen Kugel im Lot gehalten. Foto: Getty

Taipei 101 ist unübersehbar: Das höchste Gebäude der Stadt wird von einer gigantischen Kugel im Lot gehalten. Foto: Getty

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Von der Aussichtsplattform des Taipei 101 bestaunen die Besucher ein faszinierendes Panorama, welches das Baseballstadion Taipeh Dome, das National Palace Museum, die Railway Factory oder die vielen grünen Lungen der Millionen-Metropole umfasst. Neugier weckt auch eine merkwürdige Vorrichtung: An vier gewaltigen Drahtseilen hängt eine gigantische Halbkugel, 600 Tonnen schwer. Wenn ein Taifun über die Hauptstadt Taiwans fegt und der Turm wankt, hält der metallene Koloss den Wolkenkratzer in Balance.

Bis 2010, zur Eröffnung des Burj Khalifa in Dubai, galt Taipei 101 dank 508 Meter Höhe als höchstes bewohntes Gebäude der Welt. Taiwaner leben mit Naturgewalten – und es braucht schon einen Jahrhundert-Taifun, damit der Weltrekordlift, der die Passagiere in 20 Sekunden auf die 400 Meter über dem Erdboden thronende Plattform schiesst, den Dienst versagt.

Wer im Grossraum Taipeh lebt, gewöhnt sich an Unwägbarkeiten, die der Mensch nicht beeinflussen kann. Felix Nägeli, 31, zieht sein Smartphone hervor und zaubert ein Filmchen aufs Display: Eine Stubenlampe führt einen Affentanz auf, untermalt von grimmigem Scheppern und Poltern. «Ich habe mich beim Erdbeben in den Türrahmen gestellt und die Ereignisse in meinem Wohnzimmer gefilmt», erklärt Nägeli unaufgeregt.

Der gelernte Polymechaniker aus Marthalen im Zürcher Weinland arbeitet seit zweieinhalb Jahren für eine schwedische Firma in der Produktionsplanung. Das Unternehmen stellt in einem Vorort von Taipeh Injektionsspritzen für den medizinischen Gebrauch her.

«Die meisten Erdbeben sind harmlos.»Felix Nägeli, Auslandschweizer

Nägeli wagte nach neun Berufsjahren in der Schweiz den Sprung nach Fernost – und bereut das Experiment nicht: «Die Kameradschaft am Arbeitsplatz ist aussergewöhnlich. Die Expats unternehmen auch in der Freizeit viel zusammen.» Der Sohn eines Bauunternehmers ist zwar im taiwanischen Verkehrsdschungel «noch keinen Meter selber mit dem Auto gefahren», aber er benützt einen Roller und fügt sich damit ein in die Flut von Töffpiloten.

Sie sind überall: auf den Hauptverkehrsachsen ebenso wie auf Märkten oder vor der Stadt zwischen Reisfeldern und Mangoplantagen. «Wenn Sie das Auto verlassen», hatte uns David Huang, ranghöchster diplomatischer Repräsentant in Bern, vor der Reise gewarnt, «achten Sie unbedingt darauf, dass kein Rollerfahrer von hinten naht.»

Im Schnitt erschüttert dreimal pro Tag ein Erdbeben Taipeh. Taiwan liegt tektonisch ungünstig, an der Bruchstelle zwischen philippinischer und eurasischer Platte. «Die meisten Erdbeben sind harmlos», beruhigt Felix Nägeli, man kann im Internet die Werte auf der Richterskala nachlesen.

Der historische Schatz von Festland-China

Der Auslandschweizer lernte in seiner Anfangszeit in Taiwan etwas Mandarin. Er hat den höchsten Berg der Insel bestiegen und ist auf einem (grossen) Motorrad Hunderte Kilometer rund um Taiwan gefahren. «Toll, dass man von hier aus in kurzer Zeit in diverse asiatische Länder gelangt.» Malaysia, Thailand, die Philippinen oder Vietnam hat er schon besucht. «Japan steht noch auf der Wunschliste», sagt Nägeli, «ist ja nicht weit entfernt.»

In Taipeh gefällt ihm neben der Kameradschaft unter Arbeitskollegen die Freundlichkeit der Taiwaner: «Auch wenn viele kaum Englisch sprechen, sind sie sehr hilfsbereit.» Nur ein geringer Prozentsatz der über zehn Millionen Touristen, die pro Jahr nach Taiwan fliegen, stammt nicht aus Asien: Als Westler fällt man in Taipeh auf.

Zum Beispiel im National Palace Museum, das in einem tempelähnlichen Prunkbau und unter einem grünen Hügel 700'000 Kunstgegenstände birgt: den historischen Schatz von Festland-China. Ming-Vasen, jahrhundertealte Malereien und edelsteinbesetzter kaiserlicher Schmuck wurden 1949 übers Meer geschafft, als Chiang Kai-shek zusammen mit Millionen Anhängern vor Mao auf das frühere Formosa floh. Der National Palace gehört dank vier Millionen Besuchern jährlich zu den beliebtesten Museen weltweit.

Teigtaschen vom ­Sternekoch «erstehen»

Hochhäuser und Wohnsilos dominieren die Silhouette Taipehs, dazwischen wuselt das Alltagsleben. Etwa im Bin-Yang-Markt, wo Hackebeile unbarmherzig auf Schweinsfüsse niedersausen und Reis in Bastschalen über den Tresen geht. Im benachbarten Park flitzen Eichhörnchen um Kinderwagen, über den Köpfen starten Maschinen vom Stadtflughafen in Richtung Seoul und Tokio.

Aus dem Raster des digitalen Zeitalters fällt die Drogerie Huan Yang Shen Ginseng & Herbs, in deren Regale getrocknete Würmer warten (für die Gesundheit im Allgemeinen), Penisse vom Hirsch (für die Potenz) oder Vogelnester (für die Energie).

In den berühmtesten Teigtaschen des Landes sind solch archaische Zutaten nicht erwünscht: Im Restaurant Din Tai Fung im Sockel des Taipei 101 machen sich 700 Gäste gleichzeitig über Dumplings aller Facetten her. Der Laden hat sogar einen «Michelin»-Stern. Vor dem Eingang warten die Hungrigen bis zu 80 Minuten, um einen Tisch zu ergattern.

Die Reise wurde unterstützt von Cathay Pacific und Tourasia.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 15.12.2018, 23:48 Uhr

Die Inselrepublik lässt sich auch im Mietwagen erkunden

Die Republik China – so der offizielle Name – entstand 1949 unter der Herrschaft der Kuomintang, Demokratie gibt es seit den 90er-Jahren. Taiwan, 23 Millionen Einwohner auf der Fläche Baden-Württembergs, funktioniert als Staat, wird als solcher aber auf Druck der Volksrepublik China nur von wenigen Regierungen anerkannt. Dank der Produktion von Konsumgütern («Made in Taiwan») kam die Inselrepublik zu beachtlichem Wohlstand. Taiwan ist etwa führend in der Herstellung von Velos.

Anreise: Mit Cathay Pacific täglich von Zürich nach Hongkong. Zahlreiche Anschlussflüge nach Taipeh. www.cathaypacific.com

Unterkunft: Die Hotels in Taiwan sind gut, jene in der Luxusklasse genügen höchsten Ansprüchen, beispielsweise das Mandarin ­Oriental in Taipeh. Es punktet mit einem erstklassigen Service, einem Arsenal von teuren Kunstgegen­ständen und einem Pool auf der ­Hotelterrasse im fünften Stock. www.mandarinoriental.com

Reiseveranstalter: Taiwan-Programm beim besitzergeführten Asien-Spezialisten Tourasia, Tel. 043 233 30 90; www.tourasia.ch

Städte-Arrangements: «Drei Tage/zwei Nächte»-Aufenthalt in Taipeh inklusive Flughafentransfers. Im Luxushotel (etwa Mandarin Oriental), im DZ bei Tourasia ab 795 Fr. p. P.; im Superior Hotel (zum Beispiel The Landis), im DZ ab 325 Fr. p. P.; im Mittelklassehotel (beispielsweise The Riviera), im DZ ab 279 Fr. p. P.

Mietwagen-Rundreise: Taiwan gehört zu den wenigen asiatischen Ländern, die man problemlos im Mietwagen erkunden kann. Rechtsverkehr, sehr gute Strassen. Fünf Tage/vier Nächte inklusive Unterkünften in Mittel-/Erstklasshotels bei Tourasia ab 790 Fr. p. P. im DZ.

Beste Reisezeit: März bis Juni, ­Oktober/November.

Einreise: Kein Visum notwendig, gültiger Schweizer Pass genügt.

Allgemeine Infos: www.taiwantourismus.de, www.taipei-101.com.tw

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