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Tür auf zum Zauberland

In der Nähe Londons kann man den Spuren von Harry Potter folgen. Ein Blick in die Warner Brothers Studios.

Potters magischer Kosmos: Alles bewegt sich wie von Zauberhand. Foto: PD
Potters magischer Kosmos: Alles bewegt sich wie von Zauberhand. Foto: PD

«Mr. und Mrs. Dursley, wohnhaft im Ligusterweg Nummer vier, waren stolz darauf, absolut normal zu sein, sehr stolz sogar.» Mit diesem Satz beginnt eine der erfolgreichsten Buchreihen aller Zeiten über die Abenteuer des Zauberers Harry Potter. Der ist Neffe und Adoptivsohn dieser stinknormalen Dursleys und wohnt in ihrem unauffälligen Reihenhaus.

Nun ist Durchschnittlichkeit, man ahnt es gleich, eine suboptimale Daseinsform. Harrys Onkel Vernon ist dick und doof, Tante Petunia ein spargeliges Biest. Sie sind die dumpfbackigsten Vertreter der Muggels, Harry-Potter-Sprache für Normalos, denen im wahrsten Sinne des Wortes kein Zauber innewohnt: Sie sind geboren ohne jede Begabung zur Magie, ahnungslos, dass mächtige Zauberer und Hexen die reale Welt bevölkern. In der Londoner Vororttristesse von Little Whinging – einem fiktiven Ort, erdacht von Autorin Joanne K. Rowling – ist Harry der einzige Zauberer unter lauter Muggels. Erst zu seinem elften Geburtstag erfährt er von seiner Herkunft und bricht auf in die wunderbare Welt der Magie.

Genau dies können mittlerweile auch ganz normale Muggels tun: in den Warner Brothers Studios in Leavesden bei London. Hier wurden die sieben «Potter»-Romane in acht Episoden verfilmt. Zusammen haben sie mehr als zehn Milliarden Dollar eingespielt.

Schon der Standort für das Studio passt bestens. Wie jeder weiss, müssen Zauberer in jungen Jahren das Besenreiten lernen, wobei sie meist ihre Leidenschaft für Quidditch entdecken – muggelvereinfacht erklärt: Rugby in der Luft.

Geflogen wurde auf dem Warner-Gelände nämlich lange. Von 1939 bis 1994 lag hier eine Flugzeug­fabrik mit Start- und Landebahn. Nach dem Produktionsaus verwandelte sich das Areal in ein Filmstudio. Gedreht wurde vieles, was gut, teuer und an den Kinokassen erfolgreich war: der James-Bond-Streifen «Goldeneye», eine «Krieg der Sterne»-Epi­sode, «Sherlock Holmes». Und «Harry Potter».

Die Studiotour umfasst viele der berühmtesten Szenerien der «Potter»-Streifen. Die durchgetaktete Führung beginnt mit einem Willkommens­video der Schauspieler Daniel Radcliffe (Harry), Emma Watson (Freundin Hermine Granger) und Rupert Grint (Kumpel Ron Weasley) – und einen Augenblick später, ein Tor geht auf, finden sich die Besucher auch schon in der Grossen Halle von Hogwarts wieder, dem Speisesaal des weltweit führenden Internats für angehende Zauberer.

Eintauchen in einen magischen Kosmos: Da ist der zünftig-gemütliche Gemeinschaftsraum des Hogwart-Hauses Gryffindor mit seinen roten Ohrensesseln, Fläzsofas für Pubertierende, Brokat­kissen und heimeligem Kamin. Das Schlafzimmer der Jungs im Turm. Das Büro von Albus Dumbledore, Direktor von Hogwarts.

Ein paar Schritte weiter steht die Hütte von Harrys besonderem Freund Rubeus Hagrid, einem gutmütigen Halbriesen, der ihn am Anfang der Geschichte mithilfe eines rosa Regenschirms bei den spiessigen Muggel-Dursleys rausboxt. In Hogwarts ist Hagrid dank seiner Tier- liebe für magische Geschöpfe zuständig – Riesenspinnen, Hippo­greife und Ungarische Hornschwänze, die gemeinsten aller Drachen, Feuer speiend und sehr, sehr aggressiv. Da ist die knuffige Küche der kinderreichen Zaubererfamilie Weasley in einem architektonisch abenteuerlichen Landhaus mit Pippi-Langstrumpf-Statik, in der Messer in Eigenregie Möhrchen schnippeln und Spülbürsten Pfannen schrubben. Hier das Zaubereiministerium, da die Gringotts-Bank mit ihren fettfingrigen Kobolden, ein paar Gänge weiter die berühmte Winkelgasse mit ihren schiefen Häusern und schrägen Läden – eine Einkaufsstrasse für Zauberer.

Dampflok stand bis 1963 für die Muggels im Einsatz

In einer Bahnhofshalle steht auf dem legendären Gleis 9¾ der knallrote Hogwarts Express, mit dem die Schüler am Ende der Sommerferien zum Internat in die schottischen Highlands aufbrechen. Die Lokomotive, eine schöne Dampflok vom Bautyp GWR 4900 Class 5972 Olton Hall aus den 30er-Jahren, war bis 1963 in der Muggelwelt im Einsatz. Am herrlichsten vielleicht: das Büro von Silberzunge Dolores Umbridge in mädchenhaft-zarten Pink-, Rosa- und Fliedertönen. Die Requisite konnte bei Umbridge, aus dem Vollen schöpfen: Omas Mahagonimöbel, kompliziertes Teegerät und an den Wänden eine Kollektion Porzellanteller mit Schleifchen und Kätzchen, die sich im Film strecken und räkeln, wir sind schliesslich unter Zauberern.

Damit nicht genug. Während allein schon die Kulissenbauten versierten Potter-Fans eine Gänsehaut des Entzückens bereiten, sind die Fülle der Details schlicht überwältigend. Angefangen mit der Abteilung Zauberstäbe. Mehr als 3000 von Hand gefertigte Unikate sind im Studio zu sehen, aus verschiedenen Hölzern, Harzen, Gummisorten und Kunststoffen, für jeden Schauspieler und Statisten seinen eigenen.

Die Requisite umfasst 5000 Möbelstücke, 12'000 handgemachte Bücher, mehr als 210'000 Münzen und 40'000 Packungen mit 120 verschiedenen Scherzartikeln und Schleckereien der spassgesteuerten Gebrüder Weasley. Nicht zu vergessen die Kostüme und Perücken sowie die Tricks der Maskenbildner. Neben Harrys geheimnisvoller Stirnnarbe, die in ihrer Plastikdose eher fisselig und unbedeutend wirkt, steht Professor Snapes fettige Mittelscheitelperücke auf einer Büste, eine der bekanntesten Kinofrisuren unserer Zeit.

Und da in der Potter-Welt alles von Bedeutung ist, sodass man in Eindrücken und Informationen ertrinken könnte, stehen den Besuchern 100 sachkundige junge Leute zur Seite, «Interactors» genannt. Ihr Job besteht darin, Fragen zu beantworten und alle in herrlicher Abgedrehtheit zu bespassen.

Es gibt nicht nur viel zu sehen, sondern auch zu tun. Den Harry-Potter-Pass an allen wichtigen Stationen abstempeln zum Beispiel, spassige Pflichtübung für alle Kinder, von denen viele stilistisch korrekt im Hogwarts-Umhang aufschlagen. Jeder darf auf einem Originalzauber­besen reiten und sich dabei fotografieren und vor der Hogwarts-Kulisse filmen lassen – aber Achtung: Das erste Foto kostet, eher nicht so bezaubernd, umgerechnet fast 20 Franken je Kind.

Tag für Tag pilgern bis zu 6000 Besucher zu Harry Potter, mehr als 6 Millionen Menschen haben bislang einen Blick auf Hogwarts geworfen. Etwa die Hälfte der Besucher sind Kinder. Doch die Schlüsselgruppe sind die 20- bis 30-Jährigen – diejenigen also, die selbst mit den Potter-Filmen aufgewachsen sind. Da gibt es manche, die den Boden der Grossen Halle küssen, die sagen: «Das ist der schönste Tag meines Lebens.»

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www.wbstudiotour.co.uk/de

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