Uralte Korallen, hochgiftige Quallen

Das Great Barrier Reef im nordöstlichen Australien ist ein Ökosystem der Superlative. Im verglasten Boot kommt man den Naturschätzen besonders nah.

Die Andockstation am äussersten Rand des Riffs ist Ausgangspunkt und Ziel der Rundfahrt durch das Weltnaturerbe. Foto: Gavin Hardy

Die Andockstation am äussersten Rand des Riffs ist Ausgangspunkt und Ziel der Rundfahrt durch das Weltnaturerbe. Foto: Gavin Hardy

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Die Australier haben den Ruf, direkt zu sein. «Wenn ihr euch übergeben müsst, tut das in einen Spuckbeutel», sagt Brett, und deutet auf Papiersäcke, die links und rechts des Bootsrumpfs hängen. Er sagt: «Ich habe am Feierabend Besseres zu tun, als euer Mittagessen vom Boden zu kratzen.»

Nervöses Gelächter in der Kabine. Von einer ruppigen Bootsfahrt war im Reiseprospekt keine Rede gewesen.

Brett ist Kapitän eines Mini-U-Boots, mit dem er einem Dutzend Frauen, Männern und Kindern das grösste Korallenriff der Welt zeigen will. Zumindest einen Bruchteil davon. Das Great Barrier Reef bedeckt unter der Wasseroberfläche an der Nordostküste Australiens eine Fläche von 350'000 Quadratkilometern. Es ist mehr als achtmal so gross wie die Schweiz. Das Korallenriff ist so riesig, dass seine Konturen angeblich vom Mond aus erkennbar sind.

Eine Meeresschildkröte gleitet durch das seichte Wasser. Foto: Alamy

«Wer eine Schildkröte sieht, soll bitte «links» oder «rechts» schreien. So wissen alle, in welche Richtung wir schauen sollen», sagt Brett. Er schiebt einen Hebel nach vorne, und das U-Boot fährt los. Wobei U-Boot hoch gegriffen ist. Tatsächlich kann das Wasserfahrzeug nicht auf Tauchstation gehen. Die Aussicht der Passagiere auf das Riff ist deshalb nicht weniger spektakulär. Die Touristen sitzen in Reih und Glied im verglasten Rumpf von Bretts Boot mit dem besten Blick auf das Weltnaturerbe des Great Barrier Reefs.

Bis zum ersten Schildkrötenruf eines Passagiers dauert es wenige Augenblicke. Eine Pazifische Karettschildkröte inspiziert gerade eine Koralle. Brett sagt: «Sie sucht Schwämme, eine Delikatesse.» Wer genau hinschaut, erkennt im Wasser kleine Quallen. Sie sind der Grund, warum sich im australischen Sommer an der Ostküste nur wenige ins Wasser trauen. Ihre Bisse seien die giftigsten der Welt. In schlimmen Fällen sind sie sogar tödlich.

Mit den Korallen verschwinden auch die anderen Tiere

Links und rechts ragen Korallen in alle Himmelsrichtungen. Tatsächlich entwickeln sich in diesen Gewässern über 400 verschiedene Korallenarten, die auch Nesseltiere genannt werden. Zu ihnen gehören Stein-, Weich-, Leder- und Röhrenkorallen. Je härter sie sind, desto langsamer wachsen sie. Einige legen pro Jahr nur wenige Millimeter zu. Die schnellsten wachsen bis zu zehn Zentimeter. An der nordaustralischen Küste tun sie das schon seit 18 Millionen Jahren. Ob das Riff noch einmal so alt wird, ist allerdings fraglich. Während der Fahrt im U-Boot fallen immer wieder gespenstische weisse Flächen auf. An diesen Stellen sind die Korallen tot. Brett empfiehlt, nicht zu lange hinzuschauen. «Das macht depressiv», sagt er.

Der Kapitän hat nicht unrecht. An den gebleichten Stellen sieht man kein Lebenszeichen: keine Schnecken und Muscheln, keinen Seetang, keine der 2800 am Riff beheimateten Fischarten und erst recht keine Schildkröten. Wenn das Riff stirbt, stirbt das gesamte Ökosystem.

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Das Wasser am Great Barrier Reef wurde in den letzten Jahren kontinuierlich wärmer. Der Temperaturanstieg, wohl bedingt durch die Klimaerwärmung, führt dazu, dass das Riff zu wenig Nahrung aufnimmt. Und nicht nur das. Die Koralle selbst wird gefressen. Das wärmere Wasser ist der Grund für den Populationsanstieg des Dornenkronen-Seesterns. Diese Stachelhäuter ernähren sich, indem sie ihren Magen über die Steinkoralle stülpen. Ihre Verdauungsenzyme sorgen dafür, dass sich das Riffgewebe verflüssigt.

«Schildkröte, rechts!», ruft Brett in die Kabine. Der Kapitän drosselt die Geschwindigkeit, damit alle Zeit haben, das Tier zu fotografieren, bevor es im blauen Dunst des Ozeanwassers verschwindet. Der Blick durch die verglasten Wände des Bootsrumpfs ist weniger farbenfroh als erwartet. Auch dort, wo das Riff quicklebendig ist, dominieren die Farben Blau oder Grau. Brett sagt: «Die Kamerateams der Hochglanzmagazine filmen mit Speziallampen.» So würden die Farben viel intensiver. «Aber für mich übertrifft nichts die Schönheit des Riffs in seiner Echtheit.»

Die Eiligen nehmen den Helikopter

Das Mini-U-Boot hat nach der Rundfahrt sein Ziel ­erreicht. «Das war nicht allzu schlimm, oder?», fragt Brett in Anspielung an die erwähnten Spuckbeutel. Sie sind alle hängen geblieben. Die Touristen klettern durch die Luke in der Schiffsdecke auf das Deck des rund 50 auf 50 Meter grossen Schiffsstegs am äussersten Rand des Great Barrier Reefs. Egal in welche Himmelsrichtung man blickt: Man sieht hier nur Wasser.

Die Fahrt hinaus auf den Steg dauert im Katamaran eine Stunde. Das Schnellboot legt bei der Ortschaft Port Douglas ab und fährt nördlich der Küste entlang, bevor es einen Schwenk zum äusseren Rand des Great Barrier Reefs macht. Für diejenigen, die auf der Rückreise keine einstündige Schifffahrt aussitzen wollen, gibt es Helikopterverbindungen. Doch selbst wenn man die rund 400 Franken pro Person für den 15-minütigen Flug übrig hat, stellt sich gerade nach einer Fahrt in Bretts U-Boot die Frage, ob man dem Riff zuliebe nicht doch das Schiff nehmen sollte: Noch bevor die Rotoren Höchstgeschwindigkeit erreichen, wird die Umwelt mit mehr Abgasen belastet als während der gesamten Rückreise im Schiff.

Die Reise wurde unterstützt von Quicksilver Tours.

Erstellt: 24.02.2019, 16:46 Uhr

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