Vulkane, Wale und angriffige Kühe

Mit dem Schlauchboot Meeressäuger beobachten oder zu Fuss auf das Dach Portugals: Die Inseln der Azoren bieten Touristen viel Abwechslung.

Vor der Küste Faials tummeln sich Pottwale. Heute werden sie beobachtet und nicht mehr gejagt. Foto: Reinhard Dirscherl (Keystone)

Vor der Küste Faials tummeln sich Pottwale. Heute werden sie beobachtet und nicht mehr gejagt. Foto: Reinhard Dirscherl (Keystone)

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Roberto «The Legend» Serpa fährt mit dem Velo am Hafen von Horta vor. So nennen Einheimische und Segler, die auf der Insel Faial einen Zwischenhalt einlegen, den klein gewachsenen Mann mit dem imposanten Bart und der durch ein Stirnband gebändigten Löwenmähne. Rasch wird klar, warum Roberto eine lebende Legende ist: Der 58-Jährige hat Charisma und Charme, Witz und Schalk. Und er ist ein blendender Erzähler mit viel Wissen über das Meer, dessen Bewohner, Land und Leute. Der ­Legendäre tritt mit einer Begeisterung auf, als wären wir eine der ersten Gruppen, die er auf den Ozean hinausführt. Dabei bietet Roberto Serpa seit beinahe 20 Jahren Wal- und Delfinbeobachtungs­touren, Schwimmen mit Delfinen und Tauchgänge an.

Das verstärkte Schlauchboot, das von einem 150 PS starken Motor angetrieben wird, braust Richtung Tiefsee. «Sie ­haben Glück, das Wetter ist perfekt», schreit Steuermann Serpa. Perfektes Wetter heisst: nahezu kein Wellengang. Dennoch beginnen die Mägen der Passagiere ordentlich zu rumpeln. Wir sind froh, als das Boot nach 45 Minuten flotter Fahrt stoppt. Gebannt blicken wir auf den grünlich-blauen Atlantik, der hier fast 1000 Meter tief ist.

Wo ist der Pottwal, den Serpa gesichtet hat? Da! Ein schwarzer Punkt. Dann ein zweiter und ein dritter. «Das sind die Höcker, die er anstelle der Rückenflosse trägt», klärt Serpa auf. Kameras klicken im Sekundentakt. Zur grossen Show ansetzen, die Schwanzflosse hochheben beim Abtauchen, mag die Walkuh nicht. Zu beschäftigt ist sie mit der Nahrungssuche. Mehr zu sehen kriegen wir von den Delfinen, die ein Späher uns von der Küste Faials meldet. Zwei Delfine nähern sich ohne Scheu unserem Boot, umkreisen es ein paar Mal, tauchen auf und ab. Was fehlt, ist ein spektakulärer Sprung von ein paar Metern Höhe, wie wir ihn von Werbeprospekten und ­Dokumentarfilmen her kennen. Immerhin präsentieren uns die verspielten Meeressäuger ihren bananenförmigen Körper.

Ex-Jäger bieten Waltouren an

Die Azoren und die Wale: Das ist eine ganz eigene Geschichte. Nach der Umsetzung des Walfangverbots in den frühen 80er-Jahren sattelten etliche ehemalige Jäger um und begannen Beobachtungstouren anzubieten. Nautikexperte Serpa, der auf der Insel Pico aufgewachsen ist, war selber nie Walfänger. Das blutige Treiben hat er aber sehr wohl mitbekommen. Sobald ein Wal gesichtet wurde, hätten sich die Männer aus dem Dorf in einfache Holzboote gestürzt und seien zum tonnenschweren Säuger hinausgerudert, erzählt er. Oft hätten die ­Jäger das Tier erst nach stundenlangem, zähem Ringen erlegt. Erschöpft, aber zufrieden hätten sie bei der Rückkehr im Hafen ihre Beute präsentiert, erinnert er sich. Der Wal wurde mit einem Schleppboot in die nächstgelegene Walfabrik ­gezogen. Beim Besuch der ehemaligen Walfabrik von Lajes de Pico lässt sich erahnen, wie bestialisch es gerochen haben muss, wenn ein Wal gehäutet, zerlegt und zu Öl, Mehl und Düngemittel verarbeitet wurde.

Die meisten Walfänger waren hauptberuflich Landwirte. Fast auf jedem grösseren Flecken Grün, der nicht zu steil oder schwer zugänglich ist, grasen auch heute Kühe, Rinder und Kälber. Das milde Klima erlaubt es den Besitzern, das Vieh das ganze Jahr draussen zu lassen. Auf den neun Azoreninseln, die knapp 250'000 Einwohner zählen, werden über 200'000 Rinder gehalten. Die meisten gehören zur Holstein-Rasse. Das verwundert nicht, weil die Holstein-Kuh weltweit als leistungsstärkste Milchlieferantin gilt. Heute stammen etwa 30 Prozent der in Portugal erzeugten Milch und 60 Prozent des Käses von den Azoren.

Die Einheimischen sind stolz auf ihren Käse. Jede Insel fabriziert eine andere Sorte und nimmt für sich in Anspruch, die besten Produkte auf den Markt zu bringen. Doch seit Portugal Mitglied der EU ist, hat die Zahl der ­Käsereien stark abgenommen. So gibt es auf São Jorge, wo die Landwirtschaft gegen 80 Prozent der Erwachsenen zumindest in Teilzeit beschäftigt, heute nur noch drei Molkereien.

Vorsicht vor den Kühen

Mit dem Azoren-Vieh ist nicht zu spassen. Wer gedankenlos über eine Weide trottet, riskiert eine unliebsame Begegnung mit einer ausgewachsenen Kuh. Die lokalen Tourismusbüros mahnen, ausschliesslich offizielle Pfade zu benutzen. An solchen fehlt es auf keiner Insel. Viele Gebiete sind zu Fuss erreichbar, sowohl entlang der Steilküsten als auch im bergigen Hinterland. Die spektakulärste Tour führt auf den erloschenen Vulkan Pico. Hüllt sich der höchste Berg Portugals nicht gerade in dicke Wolken, lohnt sich der steinige Aufstieg auf 2351 Meter über Meer. Auf dem Dach Portugals wird man mit der Fernsicht über weitere Inseln belohnt, doch rasche Wetterwechsel haben schon etliche Ausflügler in Verlegenheit gebracht.

Weinberge in Gebieten mit vielen Niederschlägen und hoher Luftfeuchtigkeit: Geht das? Sehr wohl, wenn man wie auf Pico die schwarzen Lavabrocken zu Mauern aufschichtet, die den Reben Wärme spenden und sie vor Wind schützen. Die Trauben, die in den kleinen Parzellen gedeihen, werden zu Verdelho-Wein verarbeitet. Die Reblaus hat dem Weinanbau arg zugesetzt, doch auf Pico gibt es unzählige Hobbywinzer, die auf einem besonnten Stück Land Rebstöcke hegen und pflegen. Wenn der Wein trinkfertig ist, laden sie Nachbarn und Freunde zu einer Degustationsparty ein. Auf den Azoren feiert man die Feste, wie sie fallen.

Die Reise wurde unterstützt von Amin Travel.

Erstellt: 04.03.2015, 18:53 Uhr

Azoren

Tipps & Infos

Anreise: TAP Portugal fliegt täglich ab Zürich via Lissabon auf die Azoren; www.flytap.com. Die portugiesische Fluggesellschaft Sata verbindet die Inseln untereinander; www.sata.pt.

Arrangement: Portugal-Spezialist Amin Travel in Zürich bietet ein grosses Azoren-Programm an, etwa Rundreisen, Wander­ferien, Walbeobachtungstouren; Tel. 044 492 42 66, www.amin-travel.ch. Weitere Reiseveranstalter: Olimar und Travelhouse/Sierramar.

Die Azoren: Der Archipel im Atlantischen Ozean liegt 1500 Kilometer vom portugiesischen Festland entfernt. Die grösste und bevölkerungsreichste der neun vulkanischen Inseln ist São Miguel mit der Hauptstadt der Azoren, Ponta Delgada; www.visitazores.com.

Klima: Auf den Azoren sind schnelle Wechsel von Regenschauern und Sonnenschein die Regel. Das Klima ist sehr ausgeglichen, mit mittleren Tageshöchsttemperaturen von 17 Grad Celsius im Winter und 26 Grad Celsius im Hochsommer.

Walbeobachtung: Als Ausgangspunkt eignen sich die Inseln Pico und Faial. Die ideale Beobachtungszeit ist zwischen März und Oktober. Delfine sind das ganze Jahr über zu sehen. (rk)

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