Wenn der Tourismus seine eigenen Grundlagen zerstört

Diese 12 beliebten Ferienziele bringt der Massentourismus an den Rand des Kollapses.

Nur noch zu erahnen: Der Traumstrand von Koh Phi Phi.

Nur noch zu erahnen: Der Traumstrand von Koh Phi Phi. Bild: Diego Delso, Wikimedia

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Billigflüge, Kreuzfahrten-Boom, Massentourismus: Bekannte Städte und andere begehrte Ferienziele erleben einen Ansturm wie noch nie. Manchenorts, etwa in Venedig oder Barcelona, kam es deswegen schon zu Protesten. Andere Destinationen steuern still und heimlich dem Kollaps entgegen – oder haben diesen schon erlebt. Hier sind zwölf Beispiele.

Acapulco, Mexiko
Seit den 30er-Jahren war Acapulco, 400 km südlich von Mexiko-Stadt am Pazifik, ein beliebter Ferienort. Als Kuba nach Fidel Castros Revolution 1959 als Lieblingsdestination der Amerikaner ausfiel, machte sich die US-Tourismusindustrie hier breit. Hotelketten bauten riesige Kästen direkt am Strand. Filmhelden wie John Wayne und Johnny Weissmüller, die zeitweise hier lebten, trugen zum Aufschwung bei. Doch ab den 90er-Jahren brach der Tourismus ein: Umweltverschmutzung, Kriminalität und Bandenkriege zwischen Drogenkartellen machten ihm den Garaus.

Gewalt im ehemaligen Ferienparadies Acapulco. Quelle: Youtube/ABC News

Santorini, Griechenland
Wenn auf Ferienfotos von der Kykladeninsel Santorini nur malerische weisse Häuschen und das tiefblaue Meer zu sehen sind, hat der Fotograf einen raren Moment erwischt: Die Insel wird geradezu überrannt. Sie ist nur halb so gross wie Appenzell-Innerrhoden und hat nur etwa 20'000 Einwohner, jedoch kommen täglich bis zu 70'000 Touristen mit Billigfliegern, Fähren und Kreuzfahrtschiffen.

Tourismuswahnsinn in Santorini. Quelle: Youtube

Die Folgen sind eine zunehmende Lärm- und Umweltbelastung. Die Wasserversorgung stösst an ihre Grenzen, während die Abfallentsorgung diese bereits überschritten hat: Müll und Schrott werden in ehemalige Steinbrüche gekippt. Fundorte fossiler Pflanzen und archäologische Stätten gehen so für immer verloren. Und die überbordende Bautätigkeit zerstört das Landschaftsbild, für das Santorini eigentlich so berühmt wäre.

Koh Phi Phi, Thailand
Die einstmals unberührten Phi-Phi-Inseln in der Andamanensee, auf halbem Weg zwischen den Inseln Phuket und Ko Lanta gelegen, gaben 2000 die Kulisse für den Hollywood-Film «The Beach» mit Leonardo DiCaprio ab. Seither ist es vorbei mit Idylle und einsamen Stränden. Obwohl der Archipel zu weiten Teilen Naturschutzgebiet ist, wurden Dutzende von Hotels und Resorts gebaut, zusätzlich bevölkern Tausende von Tagestouristen die Strände und Schnorchler die Buchten. Natürlich sind die Phi-Phi-Inseln, die bei jüngeren Touristen als Party-Mekka gelten, nicht die einzigen thailändischen Ferienorte, an denen der Tourismus überbordet. Sie sind nur eines der krasseren Beispiele.

Chang-Shirts und Tattoos auf Koh Phi Phi. Quelle: Youtube/Taff

Venedig, Italien
Venedigs Altstadt zwischen den Lagunen hat nur noch etwa 60'000 Einwohner. Doch an den schlimmsten Tagen legen bis zu acht Kreuzfahrtschiffe an und spülen manchmal mehr als 20'000 Touristen in die Stadt, zusätzlich zu den bis zu 70'000, die täglich über den Landweg kommen. Rund 10 Millionen Touristen pro Jahr nächtigen in Venedig; nochmals 18 Millionen kommen für einen Tagesausflug. Jetzt haben die Einheimischen die Nase voll: Nachdem ein Kreuzfahrtschiff am 2. Juni ein Touristenboot gerammt hatte, demonstrierten Tausende gegen die riesigen Kähne, aber auch gegen Spekulation und Verdrängung von Wohnraum. Kommt hinzu, dass Venedig zu den am stärksten verschmutzten Städten im Mittelmeerraum gehört. Das liegt sowohl an den grossen Schiffen als auch am Vaporetto-System: Das überstrapazierte städtische Verkehrsmittel ist ebenfalls umweltfeindlich. Neben Abgasen und Russ verursachen die Schiffe in den Kanälen einen permanenten Wellengang, der Schäden an den Fundamenten der historischen Gebäude anrichtet.

Touristenflut in Venedig. Quelle: Youtube/dw.com

Benidorm, Spanien
Am Mittelmeer finden sich viele heillos verbetonierte Massenferienorte wie Palma de Mallorca, Rimini oder Jesolo. Das krasseste Beispiel einer mediterranen städtebaulichen Schandtat ist aber Benidorm an der Costa Blanca nordöstlich von Alicante. Benidorm hat rund 70'000 ständige Einwohner; während der Ferienzeit aber nächtigen stets mehr als 200'000 hier, vor allem Briten. Noch Anfang der 50er-Jahre war Benidorm ein Fischerdorf. Dann wurden wie wild Hochhäuser mit Hotels hochgezogen. Gegen Ende der 80er-Jahre stagnierte der Boom. Deshalb versuchte man, die Qualität zu steigern: Die Hotelgrundstücke wurden grösser, das Freizeitangebot besser, und vermehrt wurden Ferienhäuser und Villen gebaut. Nach einer erneuten Flaute sind die Übernachtungszahlen 2018 wieder auf ein Rekordniveau gestiegen.

Touristen-Flanieren in Benidorm. Quelle: Youtube

Bali, Indonesien
Wenn man die indonesische Ferieninsel Bali mit der Schweizer Ferienregion Wallis vergleicht, werden einem die Probleme sofort klar: Beide sind gut 5000 km² gross. Doch das Wallis hat nur 340'000 Einwohner, Bali zwölfmal mehr. Und während das Wallis jährlich knapp zwei Millionen Ankünfte verzeichnet, sind es in Bali fünf Millionen. Wie in Phi Phi war es auch hier ein Hollywood-Film, der die letzte Touristenwelle lostrat: «Eat Pray Love» von 2010 mit Julia Roberts und James Franco spielte teilweise auf der Insel. Sie ist für Sinnsucher, Surfer und Sonnenhungrige, aber auch für chinesische Billigstreisende und australische Party-Touristen gleichermassen attraktiv. Doch der Boom kam zu schnell: Es wird wie wild gebaut. Die Strände sind mit Plastikmüll übersät, der Verkehr ist oft blockiert, Trinkwasser wird knapp. Einige Balinesen beginnen nun, sich gegen den Massentourismus zu wehren.

Plastiktauchen in Bali. Quelle: Youtube/The Guardian

Machu Picchu, Peru
Die rätselhafte Inka-Zitadelle von Machu Picchu in Peru, erbaut im 15. Jahrhundert auf 2430 Meter Höhe, zählt zu den beliebtesten Reisezielen der Welt. Doch der Besucheransturm bedroht das Weltwunder in den Anden akut. Jeden Tag hinterlassen Touristen rund 15 Tonnen Abfall. Ab 2017 wurde die maximale tägliche Besucherzahl auf 6000 festgesetzt. Die Unesco, die Machu Picchu in ihre Liste des Weltkulturerbes aufgenommen hat, fordert jedoch eine maximale Kapazität von 800 Besuchern täglich. Bisher ist Machu Picchu mit dem Zug und einer anschliessenden Busfahrt erreichbar – oder alternativ zu Fuss. Gegen eine geplante Seilbahn wehrt sich die Unesco entschieden, weil diese die Besucherzahl weiter ansteigen liesse und die ohnehin latente Erdrutschgefahr vergrössern würde.

Verzweifelte Hobbyfotografen auf Machu Picchu. Quelle: Youtube

Mount Everest, Nepal und Tibet
Der Mount Everest als höchster Berg der Welt hat Bergsteiger schon seit langem mit seinen schier unüberwindbaren Höhen und unberührten, schneebedeckten Gipfeln herausgefordert. An der Grenze zwischen Nepal und Tibet gelegen, ist das Gebirge, das auf Nepali Sagarmatha, auf Tibetisch Qomolangma heisst, ein Ort von grossem spirituellem und kulturellem Wert. Heute jedoch herrscht Besucherstau am 8848 Meter hohen Berg. Er ist zudem zugemüllt mit weggeworfenen Aludosen, Essensresten, Plastik, liegen gelassenen Ausrüstungsgegenständen und Kleidungsstücken. Wer wirklich Pech hat, stösst sogar auf die Leichen erfrorener oder abgestürzter Bergsteiger. Schönheit und Erhabenheit machen der Trostlosigkeit Platz. Gefährlicher Stau am Mount Everest. Foto: Screenshot/Reuters

Great Barrier Reef, Australien
Korallenriffe leben in sehr präzisen, fragilen und ausgewogenen Biotopen. Sie benötigen Licht, Sauerstoff, klares Wasser, spezielle Nährstoffe, stabile Temperaturen und Salzgehalt. Unter diesen Bedingungen wird menschliches Eingreifen rasch zur Bedrohung. Das Great Barrier Reef vor der Nordostküste Australiens ist mit rund 2300 km Länge und einer Ausdehnung von 350'000 km² (d.h. fast der Fläche Deutschlands) das grösste Korallenriff der Erde. Doch das Riff hat in den letzten 25 Jahren rund die Hälfte seiner Korallen verloren. Dafür gibt es mehrere Faktoren: Klimaerwärmung, Ansturm von rund zwei Millionen Besuchern jährlich, starke Belastung des Meeres durch Nähr- und Schwebestoffe aus der intensiven Landwirtschaft und neuerdings ein riesiges Hafenprojekt: Abbot Point am Great Barrier Reef wird zum grössten Kohlehafen der Welt ausgebaut. Dafür werden Millionen Kubikmeter Schlamm abgebaggert und im Meer entsorgt. Umweltschützer befürchten, dieser Schlamm werde weitere schwere Schäden am Riff verursachen.

Korallensterben beim Great Barrier Reef. Quelle: Youtube/DasErste

Sölden, Österreich
Nicht nur mediterrane Strände, auch alpine Skigebiete sind zum Teil verunstaltet. Ein Beispiel ist Sölden im Ötztal, wo jeweils die ersten alpinen Skiwettbewerbe der Saison ausgetragen werden: Der Ort hat 3000 Einwohner, aber 15'000 Gästebetten, und verzeichnet fast zwei Millionen Übernachtungen pro Jahr. Seinen Charakter als Bergbauerndorf hat Sölden schon in den 1950er-Jahren verloren. Die traditionellen Bauernhäuser wichen Hotelklötzen im pseudo-alpinen Stil, Parkplätzen und Liftanlagen. Im Winter locken Bars und Discotheken mit Leuchtreklamen zum Après-Ski. Die Schadstoffbelastung in Sölden übertrifft manchmal die Werte in Grossstädten, da praktisch jeder Skifahrer mit dem Auto anreist. Das verursacht Staus, Lärm und Abgase. Wettrüsten in Sölden. Foto: Otto Domes, Wikimedia

Taj Mahal, Indien
Auch der Taj Mahal am Rand der Stadt Agra im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh ist ein mythischer Ort. Und er hat eine romantische Geschichte: Der Grossmogul Shah Jahan liess den Bau zum Andenken an seine 1631 verstorbene grosse Liebe Mumtaz Mahal erbauen. Der Taj Mahal wird jedes Jahr von Millionen von Touristen besucht, und die Abgase der Busse und Autos sowie die industrielle Luftverschmutzung setzen ihm zu. Das Gebäude, das einst weiss schimmerte, verfärbt sich in ein schmutziges Gelb. Zwar müssen Autos und Busse heute in zwei Kilometer Entfernung parken. Aber der Bundesstaat Uttar Pradesh hat noch immer keine Strategie für die Rettung des Bauwerks entwickelt, wie das oberste indische Verfassungericht letztes Jahr monierte. Abfallberg in der Nähe des Taj Mahal. Foto: Reuters

Saint-Martin, Sint Maarten, Karibik
Würde man sich die Karibik so vorstellen, wie sie in den Piratenfilmen mit Johnny Depp dargestellt wird, erlebte man eine grosse Enttäuschung. Viele Inseln sind durch Touristenmassen entstellt. Ein Beispiel ist die halb französische, halb niederländische Insel Saint-Martin oder Sint Maarten. Sie ist etwa gleich gross wie das oben beschriebene Santorini, aber mit rund 75'000 Einwohnern schon dicht bewohnt. Bekannt ist die Insel für den Princess Juliana International Airport, der direkt am Strand liegt, weshalb startende und landende Jets wenige Meter über die Badegäste hinwegdonnern. Hinzu kommen bis zu ein halbes Dutzend Kreuzfahrtschiffe, die im Hafen von Philipsburg gleichzeitig andocken und Tausende von Touristen anlanden. Bevölkerungsdichte plus Massentourismus führen zu Umweltverschmutzung und Staus. Doch ausser Restaurants, Autovermietungen, Souvenirshops und überlaufenen Stränden gibt es hier nicht viel zu sehen. Andernorts in der Karibik, zum Beispiel rund um die mexikanische Insel Cozumel, die zu den weltweit beliebtesten Kreuzfahrtzielen gehört, tragen Schiffsverkehr und Massentourismus auch zur Zerstörung von Korallenriffen bei. Kreuzfahrtschiffe der Superlative bei Saint-Martin. Foto: A.K. Vogel

(Artur K. Vogel/Travelcontent)

Erstellt: 11.07.2019, 17:51 Uhr

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