Willkommen im Showdorf

Wenn die Hmongs, ein Bergvolk Nordwestvietnams, ihren Alltag zelebrieren, entsteht der Eindruck, sie seien zur Touristenattraktion verkommen.

Landschaft bei Cat Cat Village in Nordwestvietnam: Die Einheimischen sagen, man sei hier dem Himmel nah. Foto: Christian Kober (Keystone)

Landschaft bei Cat Cat Village in Nordwestvietnam: Die Einheimischen sagen, man sei hier dem Himmel nah. Foto: Christian Kober (Keystone)

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Am späten Nachmittag wähnen wir uns in einem riesigen Wattebausch. Dunst liegt über der Stadt. Er kriecht um die Häuser, durch die Gassen. Unmittelbar zeigt sich für einen Moment die Silhouette einer französischen Kolonialvilla, ehe sie wieder hinter Nebelschwaden verschwindet. Im Winter ist es kühl in Sa Pa, der auf 1600 Meter über Meer gelegenen Stadt in den Bergen Nordwestvietnams. Hier, nahe der chinesischen Grenze, sei man dicht am Himmel, sagen die Einheimischen. Die Luftfeuchtigkeit ist das ganze Jahr über hoch. Selbst kleinere Berge als der Fansipan, mit 3148 Meter über Meer Vietnams höchster Gipfel, bleiben oft in Nebel gehüllt.

Die Menschen sind meist nur schemenhaft erkennbar, plötzlich schälen sich Umrisse aus der weissgrauen Wand, und jemand taucht wie aus dem Nichts auf. Oft junge, auffallend farbig gekleidete Frauen, die entweder ihre Kinder oder mit Stoffen und Metallschmuck gefüllte Tragkörbe buckeln.

Trekkingtouren und Wanderungen

Die Berge hier werden auch Tonkiner Alpen genannt, weil die französische Kolonie Tongking einst Nordvietnam und Teile von Laos umfasste. 1901 errichteten die Kolonisatoren den ersten militärischen Posten auf dem Hochplateau, bald erkannte man, dass sich das milde Klima und die frische Bergluft im Sommer für erschöpfte Westler eignen. Heute gilt Sa Pa als Ausgangsort für Trekkingtouren und Wanderungen im nahe gelegenen Nationalpark Honag Lien. Die Stadt ist aber auch Marktplatz für die in der Region ansässigen Bergstämme. Im Tal leben 24 ethnische Gruppen, von den meist in schwarzen Hosen oder indigoblauen Röcken gekleideten Hmong über die Tay bis zu den Dao. Bei deren Kleidung dominiert Rot, teils tragen sie farbige Turbane aus Wolle als Kopfbedeckung.

Alle Stämme pflegen ihre eigene Sprache, Bräuche und Traditionen. Die Vielzahl der ethnischen Gruppen floh im 19. Jahrhundert aus Südchina vor Kriegen und sozialen Unruhen. Bis heute begegnen die Vietnamesen den Hill Tribes etwas misstrauisch, da einige Minderheiten während des Vietnamkriegs aufseiten der Amerikaner kämpften. Die USA versprachen den Bergstämmen im Falle eines südvietnamesischen Sieges Autonomie.

Unterhalb von Sa Pa liegt das Cat Cat Village. Entlang von Gemüsegärten und Reisfeldern gelangt man zu einfachen Holzhäusern, vor denen Verkaufsware ausliegt: Kleider, Decken, Körbe, Metallschmuck, Holzobjekte – auf dass die Touristen eifrig zulangen. Unten im Tal führt eine Hängebrücke zu einem imposanten Wasserfall. Nahe der Flüsse sind die Häuser grösser, meist auf Pfählen ­gebaut. Der Unterboden ist eingezäunt, der Raum dient als Warenlager; manchmal weben und färben die Frauen hier auch Kleider. Der Eintritt ins Showdorf kostet zwei Dollar. Die Einnahmen gehen an die Regierung, die mit dem Geld in der entlegenen Region Strassen, Schulen und Spitäler finanziert.

Keine Pässe, keine Schulbildung

Ein britischer Hotelmanager hat uns am Vorabend bei einem Glas Wein in seiner Herberge erzählt, dass die Bergvölker von den Behörden als Menschen zweiter Klasse behandelt würden. Sie hätten weder Geburtszertifikate noch Pässe, eine obligatorische Schulzeit oder eine Ausbildung sei für sie auch nicht ­vorgesehen. Der vietnamesische Guide, eine 44-jährige Frohnatur aus der Hauptstadt, widerspricht dieser Einschätzung und verteidigt die Politik der Regierung: Wenn man den Hill Tribes Geld gäbe, würden vor allem die Männer faul und alkoholabhängig. Apropos Männer, sie sind kaum in den Dörfern zu sehen, sondern arbeiten auf den Feldern oder schlagen zusammen mit halbwüchsigen Söhnen Holz im Dschungel.

Fünfzehn Kilometer talabwärts befindet sich das Dorf Lao Cai, am Berg gebaut. Am Fuss leben die Dao, die Hmong weiter oben. Die Reisterrassen sind akkurat horizontal ausgerichtet. Ein konstanter Wasserpegel muss gewährleistet sein, ehe das Nass in die nächstuntere Terrasse fliesst. Im Herbst leuchten die gelben Reisfelder, jetzt ist die Ernte vorbei, und in den Teichen schwimmen Enten. Als wir mit dem Bus ankommen, werden wir von hundert Hmong- und Dao-Frauen umringt. Hartnäckig bieten 16-jährige Mütter Waren an und versuchen, die Fremden mit französischen oder englischen Sprachbrocken in ein Gespräch zu verwickeln.

Unten im Tal führt der Weg über asphaltierte Strassen oder auf schmalen Lehmpfaden zwischen den Reisfeldern hindurch. Langsam legt sich wieder der Dunstschleier über uns. Die Behausungen sind einfach, Bretterverschläge mit Wellblechdächern, die Wände oft aus Bambus geflochten. Zuweilen beschleicht den Touristen das unangenehme Gefühl, dass die Bergvölker den Besuchern wie Tiere in einem Menschenzoo vorgeführt werden. Allerdings gaben die vietnamesischen Behörden zusammen mit Reiseveranstaltern einen Code of Conduct für den Umgang mit den Hill Tribes heraus. Darin wird geraten, angemessene Kleidung zu tragen oder Häuser nur auf ausdrückliche Einladung zu betreten. Touristen sollten Kindern nichts abkaufen, weil es die Kleinen zum Betteln ermutigt.

Grosse Pläne

Zurück in Sa Pa: Erst vor 20 Jahren, als die USA ihre Sanktionen gegen das ­sozialistische Vietnam aufhoben und das Regime marktwirtschaftliche Reformen startete, begann sich die Stadt nach einem langen Dämmerschlaf wieder zu entwickeln. Heute sei viel Land verkauft worden an Investoren, erzählt uns der Brite Richard. Grosse Pläne würden gewälzt, Sa Pa solle dereinst eine Millionenmetropole und zur Tourismus-Drehscheibe im Nordwesten Vietnams ausgebaut werden. Richard arbeitet für ein sozial engagiertes Tourismusunternehmen, das eng mit den lokalen Bergstämmen kooperiert. Neben Bike- und Trekkingtouren werden auch authentische Erfahrungen mit den Bergstämmen angeboten, etwa gemeinsames Kochen oder das traditionelle Färben von Textilien im Batikverfahren.

Dafür schlagen wir einen wenig frequentierten Pfad ein, entlang Reis- und Kornfeldern. Durch einen Felsenbogen gelangen wir zu einem Dorf, das sich am Hang an einen gigantischen Baum anzuschmiegen scheint. Der Baum wird als Beschützer verehrt und ist gleichzeitig Hort der Geister. Hier werden wir nach einem kleinen Mahl mit etwas Reis und Gemüse bei einer Gastfamilie fast andächtig Zeuge, wie die Hmong-Frauen mit traditionellen Techniken Kleider aus selbst angebautem Hanf herstellen und sie dann mit Indigoblättern blau färben.

Wir bedanken uns bei den Frauen mit auf dem Markt gekauften Früchten und kaufen einige Handarbeiten, dann machen wir uns auf den Rückweg. Das Hmong-Dorf verschwindet langsam hinter dichten Nebelschwaden. Nur der Baum ragt aus dem Dunst, geheimnisvoll wie ein riesiges, uraltes Fabelwesen.

Die Reise wurde unterstützt von Vietnam Airlines.

Erstellt: 11.03.2015, 19:22 Uhr

Sa Pa

Tipps und Informationen

Anreise: Von Zürich und Genf mit Air France nach Paris oder mit Swiss nach Frankfurt. Von dort tägliche Verbindungen mit Vietnam Airlines nach Hanoi oder Ho Chi Minh City (Saigon), www.vietnamairlines.com. Weiter mit dem Zug: Per Nachtzug mit dem Chapa-Express von Hanoi bis Lao Cai (8 bis 9 Std.), www.vietnam-railway.com, oder deutlich schneller auf der Autobahn.

Reiseveranstalter: Asienspezialisten sind Tourasia, Travelhouse und Kuoni. www.ethosspirit.com bietet begleitete Begegnungen mit lokalen Bergstämmen an.

Unterkunft: U Sapa, verbindet französischen Kolonialstil mit einheimischen Einrichtungselementen, www.uhotelsresorts.com/usapa

Visum: Obligatorisch, einzuholen bei der vietnamesischen Botschaft, 150 Dollar.

Klima: Optimale Reisezeit zwischen November und Mai. Gemässigtes tropisches Wechselklima.

www.vietnamtourism.com

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