Zum Niederknien

Reisen zum Reformationsjubiläum: Erfurt erzählt die Geschichte des jungen Luther. Auf der berühmten Krämerbrücke wird der Erneuerer sogar mit einer Schokolade geehrt.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Michael Ludscheidt zieht einen von säurefreiem Schutzpapier umhüllten Brief aus einer Mappe. «Unser bestes Stück», sagt der Leiter der historischen Bibliothek im ehemaligen Kloster der Augustiner-Eremiten von Erfurt. Die Tinte aus Russ und Fett auf handgeschöpftem Papier ist verblasst, die lateinischen Buchstaben sind für Ungelehrte schwer zu entziffern. Vor uns liegt der älteste noch erhaltene Brief von Martin Luther. Der spätere Reformator hatte ihn 1514 an seinen Freund Georg Spalatin gesandt, im Schreiben gebeten, jüdische Schriften auf keinen Fall zu zerstören.

Es ist eine Obszönität der Geschichte, dass dieser Brief ausgerechnet in Erfurt verwahrt wird. Eineinhalb Jahrhunderte vor Luthers Ansinnen hatte das Erfurter Bürgertum in einem Pogrom die jüdische Gemeinde vernichtet. Das neue Museum in der Synagoge an der Michaelisstrasse erzählt vom Massaker und zeigt einen weltweit einzigartigen Schatz. 1998 fand ein Bauarbeiter bei den Grabungen für ein Parkhaus einen «Aschenbecher». Der beigezogene Archäologe erkannte eine mittelalterliche jüdische Schale und suchte weiter. Zutage kamen 28 Kilo Silbermünzen aus dem 14. Jahrhundert, acht seltene jüdische Trinkbecher, ein jüdischer Ehering und weitere Kostbarkeiten. Der Schatz war von einem jüdischen Kaufmann, der den Massenmord nicht überleben sollte, versteckt worden.

Einschlafen zog Strafen nach sich

Die Synagoge wurde erst nach der Wende als jüdisches Gotteshaus erkannt – dank der typischen Anordnung der Fenster. Während Jahrhunderten hatte das Gebäude anderen Zwecken gedient, zuletzt als Restaurant mit Tanzsaal. Als jüdische Kultstätte hätte das Gebäude das Dritte Reich nicht überlebt.

Heute ist die Synagoge Erfurts erfolgreichstes Museum und zieht mehr Besucher an als das Augustinerkloster. Dieses rückt im laufenden Jahr allerdings in den Mittelpunkt. Auch die thüringische Landeshauptstadt feiert das Jubiläum «500 Jahre Reformation». Am 31. Oktober 1517 schlug Martin Luther seine 95 Thesen an die Tür der Wittenberger Schlosskirche. Zuvor hatte Luther zehn Jahre seines Lebens in Erfurt verbracht – als Theologiestudent, Priester und Augustinermönch. Deshalb lässt sich in Erfurt besonders viel über den jungen Luther erfahren.

Michael Ludscheidt hütet in der Bibliothek neben theologischer, medizinischer und historischer Fachliteratur Drucke aus dem 15. Jahrhundert und 600 Flugschriften aus Luthers Zeit. Der mit einem Eisengitter gesicherte Lesesaal war einst das Dormitorium der Mönche. 70 Ordensbrüder ruhten unter mächtigen Gewölben auf Strohsäcken, gewärmt von Wolldecken. Die Zellen der Mönche dienten ausschliesslich dem Gebet und dem Bibelstudium, einschlafen zog Strafen nach sich, Räume von zwei mal drei Meter Grundfläche, mit Kontrollfenstern zum Dormitorium hin und schiessschartenartigen Fenstern.

Aus Lautsprechern hallen gregorianische Choräle. Besucher aus Südkorea oder den USA knien sich vor der mit einem Arbeits- und einem Betpult ausstaffierten Zelle Luthers auf den Boden. Anlässlich seiner Ordination 1507 war für Luther vor dem Altar der Augustinerkirche die Niederwerfung angesagt, die er später aus der protestantischen Kirche verbannte.

Dreimal pro Tag finden öffentliche Führungen im ehemaligen, bereits im 16. Jahrhundert aufgehobenen Kloster statt. Es dient heute als kirchliches Zentrum und wurde schon zu DDR-Zeiten gehegt und mit westlicher Hilfe renoviert. Schwedische Ziegel bedecken die Dächer, italienische Steinplatten den Boden im Schlafsaal. In Erfurt gab Luther zwar noch nicht den wortgewaltigen Erneuerer, dessen Lehre weitreichende gesellschaftliche und politische Folgen haben sollten. Aber er fragte nach der Gnade Gottes und kam zur persönlichen Erkenntnis, dass diese nicht erbeten oder erkauft werden kann, sondern allen Menschen zuteil wird.

Um theologischen Tiefgang werden sich die wenigsten Besucher kümmern, welche im Jubiläumsjahr die nach Wittenberg wichtigste Luther-Stadt erkunden. Erfurt bildet ein weitgehend unversehrtes mittelalterliches Ensemble, wunderschön renoviert, bar jeglichen DDR-Groves. Nur von der gewaltigen Zitadelle aus, 31 Meter über dem Domplatz, erkennt man Plattenbauten, die am Rand der 210 000-Einwohner-Stadt kleben.

«Wir sind bestens gerüstet für das Luther-Jahr», sagt Carmen Hildebrandt, Geschäftsführerin von Erfurt Tourismus und Marketing, «und wir rechnen damit, dass der Besucheransturm auch 2018 anhält.» Alexander Kühn, Gründer der Schokoladenmanufaktur Goldhelm, hat sich für das Reformationsjubiläum etwas Besonderes einfallen lassen. Vor fünf Jahren setzte er einen Likör aus regionalem Rotwein, Cognac, Kräutern und Dörrobst an.

Hart in der Schale und butterweich im Kern

Die Eichenfässer ruhten an historischer Stätte, in einem Pfeiler der berühmten Erfurter Krämerbrücke. Den Übergang über die Gera säumen 32 Verkaufslokale, analog des Ponte Vecchio von Florenz. Goldhelm belegt zwei Lokale auf der Brücke. Kühn begründete hier einst sein Schokoladenimperium. Die Luther-Schoggi, hart in der Schale und dank des Likörs butterweich im Kern, besitzt eine sakrale Note, schmeckt mit etwas Fantasie nach Weihrauch, auf jeden Fall befeuert sie Geist und Gaumen. Längst hat Kühn die Produktion in die Vorstadt ausgelagert, 60 Mitarbeiter fertigen manuell Hunderte von Schokoladentypen, der Chef selber gestaltet die kreativen Verpackungen. Goldhelm bleibt nicht der einzige innovative Händler auf der Krämerbrücke: Eine Holzschnitzerin verkauft Gerätschaften wie Nussknacker, eine Galerie Gedichte, und in einem Laden gibts Taschenmesser, Büchsenöffner oder Zollstock exklusiv für Linkshänder. Der gute alte Luther, der leiblichen Genüssen später nicht abhold war, hätte sich wohl nie einen eigenen Likör zu erträumen gewagt. Im mönchischen Alltag im Augustinerkloster war er froh, straffrei durch den Tag und die acht Stundengebete zu kommen. Eine gewisse Unnachgiebigkeit ist im Hause immer noch zu spüren, Bibliotheksbenutzer und -besucher müssen Jacken, Handys und Taschen abgeben. Aber die Zeiten, als der Abt das Lachen und das Heben des Kopfes im Kreuzgang ahndete, sind definitiv vorbei.


Die Reise wurde unterstützt von der Deutschen Zentrale für Tourismus. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 03.03.2017, 14:21 Uhr

Auf den Spuren des Reformators

Erfurt

Unterkunft Hotel Krämerbrücke, mitten in der Altstadt, DZ ab
75 Euro, www.ibbhotelerfurt.com

Tipp Süsse Souvenirs aus der Schoggi-Manufaktur,
www.goldhelm-schokolade.de

Info www.erfurt-tourismus.de

Artikel zum Thema

Oh, Gott

Das noch frische Luther-Jahr scheint auch einen Einfluss auf unsere Politiker zu haben: Plötzlich redet man wieder über Religion. Kirchenvertreter sehen das nicht gerne. Mehr...

Eine der liebsten Destinationen der Schweizer

Martin Luther weilte ungern in Leipzig. Doch auch die sächsische Metropole feiert 2017 den Reformator – zum Beispiel mit Mönchsgugelhopf. Mehr...

Thesen, Tonne, Treiben

Die Stadt Wittenberg rüstet sich zum Jubiläum der Reformation: Ein neues Panorama zeigt das Leben zu Zeiten Martin Luthers. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Blogs

Outdoor Glarner Wunderland

Nachspielzeit Fischer, ein Gewinner in Basels Krise

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Die Welt in Bildern

Durchblick: Ein Mann mit einem Pilotenhut macht sich bereit um ein Foto in einer Cockpit Attrappe zu machen. (20.September 2017)
(Bild: AP Photo/Andy Wong) Mehr...