18 Löcher und 1000 Legenden

Der Engadine Golf Club feiert seinen 125. Geburtstag. Auf den sagenumwobenen Fairways in Samedan tummelten sich schon Stars und Spinner.

Ein Urgestein der Engadiner Golfszene: Chasper Lüthi, 75, hat die letzten 31 Jahre keine Herbst-Turnierwoche verpasst. Foto: Nicola Pitaro

Ein Urgestein der Engadiner Golfszene: Chasper Lüthi, 75, hat die letzten 31 Jahre keine Herbst-Turnierwoche verpasst. Foto: Nicola Pitaro

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Die Liebe ist so gross, dass Eugenio Rüegger trotz seiner 79 Jahre mehrmals pro Sommer von der Zentralschweiz ins Engadin reist, um Golf zu spielen. Rüegger dosiert die Schläge auf dem Platz des Engadine Golf Club. In der dünnen Luft auf 1750 Meter über Meer fliegt der Ball um 20 Prozent weiter als im Unterland. Wenn Rüegger über das erstaunlich flache Gelände läuft, begleiten ihn viele Erinnerungen. Nach dem Zweiten Weltkrieg verdiente sich der Engadiner, der später die Geschicke der Titlis-Bahnen in Engelberg leitete, erstes Geld als Golf-Caddy.

«Wir erhielten für eine Runde fünf Franken», sagt Rüegger, «an guten Tagen drehten wir zwei Runden und marschierten bis zu 20 Kilometer.» Ein Caddy trug nicht nur den Golfsack mit den Schlägern, der bis zu 14 Kilo wiegen konnte, er hatte auch die Bälle, die im Rough verschwanden, wieder zu beschaffen. «Die Qualität eines Caddys mass sich daran», erinnert sich Rüegger. Im besten Sommer verdiente er 550 Franken, das Gros lieferte er der Mutter ab; für 100 Franken durfte der Halbwüchsige ein gebrauchtes Velo kaufen. «Die Zeit als Caddy in Samedan war eine gute Lebensschule», sagt Rüegger im wohlklingenden Engadiner Dialekt. «Ich gewann Menschenkenntnisse, die mir im Berufsleben dienten.»

Ein ambivalentes Verhältnis pflegte der junge Eugenio zum grossen Andrea Badrutt, dem Besitzer und Direktor des weltberühmten Badrutt’s Palace Hotel. Badrutt unternahm als Club-Präsident viel, um das Golfgeschäft nach dem Krieg wieder in Schwung zu bringen. Er tauchte oft am späteren Nachmittag auf, um ein paar Löcher zu spielen. Die Caddys verschwanden im nahen Wäldchen – Badrutt war ein ungeliebter Kunde, der selten Trinkgeld gab. «Als er aber 1954 erfuhr, dass meine Zeit als Caddy zu Ende ging, schenkte er mir sechs gebrauchte Schläger», sagt Rüegger zur Ehrenrettung des Hoteliers.

Regelmässige Gäste: Füchse, Rehe und Hirsche

Der Engadine Golf Club ist der älteste Golf-Club der Schweiz. Am 1. August 1893 wurde er eröffnet. Revolutionär für jene Zeit: Frauen und Männer bestritten zum Start ein Mixed-Turnier. Die ersten Golfer im Engadin hatten auf Kuhweiden und einem Platz in Maloja gespielt. Nach einer wechselvollen Geschichte feiert der Club dieses Jahr seinen 125. Geburtstag. Auch der Platz im nahen Zuoz zählt heute zur Betriebs AG, die den über 1300 Mitgliedern, den Oberengadiner Gemeinden und touristischen Leistungsträgern gehört.

Ein Urgestein der Engadiner Golfszene ist Chasper Lüthi. Der ehemalige Betriebsleiter des Engadine Golf Club schlägt im Sommer fast täglich ab, die traditionelle Herbst-Turnierwoche hat er seit 31 Jahren nie verpasst. «Golf gehört zum touristischen Angebot des Engadins», sagt der 75-Jährige. Die Luxushäuser in St. Moritz sind bekanntlich im Sommer ungenügend ausgelastet; ohne Golf sähe die Bilanz noch schlechter aus.

Lüthi erinnert sich nicht nur an den Umbau des Platzes, als die grosse Schlaufe mit 18 Löchern in zwei kleinere Runden zu je neun geteilt wurde. Er erzählt auch von der Symbiose mit der Landwirtschaft: Bis 1983 durften die Samedaner Bauern die Kühe vor der Alpsömmerung auf dem Golfplatz weiden lassen. Die Greens mussten eingezäunt, die Fladen vor Türöffnung am Morgen entfernt werden. Füchse, Rehe und Hirsche sind regelmässige Gäste auf dem 65 Hektar grossen Gelände, das dieses Jahr schon an Auffahrt freigegeben wurde.

Malojawind für den Rasen

Sandbunker bewachen fast alle Greens; die Golfer müssen Wasserhindernisse überwinden. Der Rasen um die Löcher wird täglich geschnitten, das Gras der Fairways hingegen ist länger als im Unterland – Höhensonne und Wind trocknen die Bahnen schneller aus. Apropos Wind: Der berühmte Malojawind, der gegen Mittag im Tal aufkommt, beeinträchtigt nicht nur die Flugeigenschaft von Golfbällen, er führt auch viele Samen mit sich und trägt zu einem robusten Rasenmix bei.

Der Golfboom ist im Engadin verebbt. Der Club kämpft um Mitglieder und hat günstigere Beitragsmodelle entwickelt. Immerhin, an schönen Sommer- und Frühherbsttagen herrscht enormer Betrieb auf der Anlage am Flaz-Fluss. Bis zu 200 Golferinnen und Golfer drehen ihre Runden, kaum ein Tag vergeht ohne Turnier.

Auch James Bond spielte hier seine Runden

Man darf stolz sein auf die glorreiche Vergangenheit. Ein Unikum für die Schweiz: Während Jahren genoss mit dem Samedan Golf Club ein zweiter, weniger glamouröser Verein Gastrecht auf dem Platz. Unzählige Berühmtheiten und Wirtschaftsmagnaten spielten hier Golf. Eugenio Rüegger erinnert sich gerne an den britischen Schriftsteller John Knittel («Via Mala»), der in Knickerbockern und mit Krawatte antrat und aus Verdruss über missratene Schwünge schon mal auf den Boden spuckte. Einmal traf der Literat den Schuh eines Caddys. Verschämt zückte Knittel die Geldbörse und steckte dem Opfer der Spuckattacke fünf Franken zu. «Von da an begleiteten wir den Schriftsteller sehr gerne», sagt

Rüegger. Chasper Lüthi schwärmt von Sean Connery, der in den 80ern im nahen Rosegtal einen «James Bond» drehte und in den Pausen gerne eine Runde in Samedan spielte: «Ein sehr netter Mensch, ohne Allüren.»

Die letzte Ruhe auf dem Golfplatz

Das konnte man von John Plant nicht behaupten. Der englische Professor aus Pittsburgh (USA) war golftechnischer Berater von Palace-Hotelier Andrea Badrutt. Der exzellente Golfer mit Handicap 0 weigerte sich, mit Damen zu spielen, schummelte schon mal und geriet bei den Einheimischen in Misskredit. Seine Liebe zum Engadine Golf Club hielt jedoch über den Tod hinaus. Chasper Lüthi berichtet von einem Telefonat der Nichte Plants. Sie sagte, ihr Onkel sei gestorben und wünsche, auf dem Golfplatz die letzte Ruhe zu finden.

Anderntags traf sich Lüthi mit der Frau; sie trug die Asche des Onkels in einem Plastiksack. In aller Heimlichkeit verstreute Lüthi, was von Plant übrig geblieben war, auf einem Streifen zwischen zwei Lärchen bei Loch 14, dem Lieblingsloch des spleenigen Briten. «Zum Glück beseitigte bald ein Regenguss die Spuren», sagt Lüthi. «Möge John in Frieden ruhen.»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 15.06.2018, 14:30 Uhr

Höhengolf

Engadine Golf Club: Zwei Championship-Plätze mit 18 Löchern in Samedan und Zuoz-Madulain. Driving Range, Golf Center mit breitem Schulungsangebot, Golf-Roboter, im Sommer Junior Academy. Clubhaus Samedan mit Restaurant Foura XIX.

Greenfees für 18 Löcher: 80 Fr. wochentags, 100 Sa/So in Samedan, 80/90 in Zuoz.

125. Geburtstag: Jubiläumsturnier am 1. August: «Mixed Foursome»; bis Dezember 31 Plakate zur ­Geschichte des Golfsports im Engadin in der Design Gallery in St. Moritz (Rolltreppe See – Badrutt’s), History Walk mit 20 Stationen auf dem Golfplatz Samedan.

Infos: www.engadin-golf.ch

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