Das Geheimnis der heissen Quelle

Ein Ausflug zu den Thermen im Val d’Illiez, wo auch die Sauna eine Überraschung bereithält.

Das Bad und der Berg: Die Thermen im Val d'Illiez. Foto: PD

Das Bad und der Berg: Die Thermen im Val d'Illiez. Foto: PD

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Mitten im Schwefelfluss werfen wir einen letzten Blick hinüber zum grossen Freiluftbassin, wo die Wellness-Instruktorin einen stummen Chor dirigiert: Ein knappes Dutzend Aqua-Biker legt sich mächtig ins Zeug, zumeist übergewichtige Badegäste, die eifrig strampelnd und schwer schnaufend auf unsichtbaren Velosätteln reiten, während ihnen das warme Wasser knapp zum Hals reicht. Sie heften die Blicke auf die resolute Vorturnerin, die auf dem Trockenen sitzt, sich jetzt aber erhebt und an Ort trabend die Arme himmelwärts reckt: «Tief einatmen, und zwei, drei, vier …»

Nein, das wollen wir nicht mehr sehen. Dann doch lieber eintauchen in den schwefligen Dampf. Die Augen schliessen und die Lungen füllen. Sich fallen und wegtragen lassen vom Strom, der unter den pittoresken Gipfeln der Dents du Midi durch den Thermen-Park mäandert, unten, in der Talsenke des Val d’Illiez.

Tummelplatz für Mountainbiker und Skifahrer

Und hoch oben öffnet sich in einem Felsen ein legendäres Tor. Die tief stehende Sonne strahlt so spektakulär durch diese Öffnung, dass die ganze Region mit dem Label Les Portes du Soleil werbewirksam geadelt wurde.

Die hochalpine Landschaft in einer der äussersten Ecken der Schweiz ist im deutschen Sprachraum wenig bekannt, wiewohl sie gleich zwei Superlative für sich in Anspruch nimmt: Champéry, das Bergdorf am Ende des Tals, zählt mit dem authentischen RusticoCharme zu den ältesten Skistationen im Alpenbogen. Und die Seilbahn, deren Talstation das Dorfzentrum beherrscht, erschliesst im schweizerisch-französischen Grenzraum den weltweit grössten zusammenhängenden Tummelplatz für Biker im Sommer und Skifahrer im Winter.

Die Thermen im Val d’Illiez sind das ganze Jahr geöffnet, und in der Zwischensaison, wenn sich neben den Aqua-Bikern nur noch ein paar Einheimische im Wasser tummeln, angenehm friedlich.

An den Geruch von faulen Eiern gewöhnt man sich rasch. Nach der ersten Umrundung, wenn der Strom den Badenden zurück in den Pool spült, ist er kaum noch wahrnehmbar. Dafür fällt die Frau ins Auge, dort drüben, am anderen Ende des Beckens. Unter dem Wasserstrahl, der mit hohem Druck aus der Wand schiesst, lässt sie sich mit geschlossenen Augen genüsslich die Kopfhaut massieren. Carine ist «une fille de la vallée», hier im Tal geboren und aufgewachsen. Als Kind, vor über dreissig Jahren, sei sie im Sommer nach der Schule zum Baden hergekommen, erzählt sie, und schon damals habe sie die lauwarme Dusche genossen. «Allerdings war hier kein Thermalbad, sondern lediglich ein Tümpel, an dessen Ufer die Frösche quakten. Aber das Wasser kam wie heute aus dem Fels – und gestunken hat es auch!»

Das Wasser erwärmt sich auf 34 Grad

Das Geheimnis der Quelle ist über sechzig Jahre alt und vor wenigen Jahren gelüftet worden, als Hydrogeologen ein ganz anderes Rätsel lösen wollten. Der Stausee von Salanfe, hoch oben hinter den Dents du Midi, entleerte sich immer wieder ohne offensichtlichen Abfluss. Als die Forscher das Wasser rot färbten, dauerte es nicht lange, bis unten, in der Therme, die Quelle im nämlichen Rotton sprudelte. Da erinnerte man sich an alte Berichte: 1953 ist die Quelle zum ersten Mal offiziell erwähnt worden – und plötzlich stand fest, dass die Geburtsstunde der Thermen vom Val d’Illiez der Moment war, in dem die Unterwalliser Alpenwelt zuletzt von einem Erdbeben erschüttert worden war. Feine Risse waren entstanden – vom Grund des Salanfe-Sees bis hinunter ins Tal. Auf seinem Weg, mehr als tausend Meter durch den Gebirgsstock, nimmt das Wasser Mineralien auf, die der Gesundheit förderlich sein sollen – und es erwärmt sich auf 34 Grad Celsius .

In der Sauna hat die Quecksilbersäule die 90-Grad-Marke überschritten. Wir breiten unser Badetuch auf der Sitzbank aus, drapieren es sorgfältig unter den Füssen, damit ja kein Schweiss aufs Holz tropft. Wir sind selbstredend splitternackt und eigentlich ganz froh, dass sonst keiner da ist.

Da geht die Tür auf – und es spazieren, als seien sie nicht schon genug ins Schwitzen gekommen, die Aqua-Biker herein. Sie setzen sich mit ihren nassen Badehosen aufs trockene Holz.

Ähem… Leicht irritiert wickeln wir uns das Tuch um die Hüften. Und haben wieder einmal was gelernt: Jenseits des Röstigrabens sind die Romands doch nicht ganz so locker, wie wir Deutschschweizer immer dachten.


Mit der Bahn via Lausanne und Aigle nach Champéry, www.thermes-parc.com, www.champery.ch. Die Reise wurde unterstützt von Ski-and-Bike, Champéry; www.ski-and-bike.ch

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 31.10.2016, 09:02 Uhr

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