Der Starkoch mischt die Hotellerie auf

Andreas Caminada, einer der besten Köche der Welt, ist auch ein begnadeter Unternehmer.

«Wille, Ausdauer, Kreativität, Optimismus und den Mut, eigene Wege zu gehen»: Das Erfolgsrezept von Andreas Caminada. <nobr>Foto: Sébastien Agnetti (13 Photo)</nobr>

«Wille, Ausdauer, Kreativität, Optimismus und den Mut, eigene Wege zu gehen»: Das Erfolgsrezept von Andreas Caminada. Foto: Sébastien Agnetti (13 Photo)

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«Ein gehöriger Lausbub» sei er gewesen, sagt Reto Gurtner über Andreas Caminada. Gurtner, Herr über die Weisse Arena in Laax, besitzt unter anderem das Hotel Signina. Dort lernte Caminada Mitte der 90er-Jahre Koch. Sein Lehrmeister war Alex Albin. Ihm fiel auf, dass der junge Andreas Talent hatte. Dass er auf verblüffende Weise Produkte miteinander kombinierte und immer Neues versuchte. «Der wird seinen Weg machen», dachte er sich. Dass sein Lehrling zu einem Weltstar der Branche würde, hätte er sich freilich nicht träumen lassen.

Anfänglich deutete auch wenig darauf hin. Caminada schaute sich nach der Lehre bei berühmten Köchen im In- und Ausland um, ehe er während eines Sprachaufenthaltes in Vancouver sein Schlüsselerlebnis hatte. Schon länger hatte er sich gefragt, wie seine Zukunft aussehen sollte, und nach den Besuchen der tollsten Restaurants von Vancouver wusste er es: Er musste es selbst versuchen. Zurück in der Schweiz hörte er, dass die Stiftung, der das Schloss Schauenstein in Fürstenau gehört, einen Pächter suchte. Er bewarb sich – und startete mit 26 Jahren zu einer beispiellosen Karriere.

Der «Guide Michelin» zeichnete Schloss Schauenstein schon nach einem Jahr mit einem Stern aus. 2007 folgte der zweite und 2010, mit 33 Jahren, war Caminada der jüngste Dreisternkoch der Welt. Sein Restaurant zählt regelmässig zu den «World's 50 Best Restaurants», im Jahresranking der 200 besten Restaurants Europas belegt es meist Rang eins oder zwei. Und das im verträumten 350-Seelen-Nest Fürstenau in der malerischen Region Viamala.

Eine faszinierende kleine Erlebniswelt

Schloss Schauenstein ist auf Monate ausgebucht. Was hier in prächtigen historischen Räumen von einer aufgestellten jungen Servicecrew auf die Tische gezaubert wird, ist atemberaubend. Ein Gedicht.

Doch mittlerweile kommen die Leute nicht allein der weltberühmten Küche wegen. Im Burgstädtchen hat Caminada nämlich eine faszinierende kleine Erlebniswelt geschaffen. Neben dem Schloss mit neun Zimmern und Suiten steht seit einem Jahr die Casa Caminada. Das charmante Landhotel mit zehn gemütlichen Lärchenholz-Doppelzimmern entstand aus zwei alten Ställen und ist eine begeisternde Ode an die Einfachheit. Im Restaurant mit bodenständiger, aber hochklassiger Bündner Küche sind die Preise bewusst tiefer gehalten.

«Ich wollte eine Backstube, weil Brot die Menschen zusammenbringt.»Andreas Caminada

Herzstück des Hauses ist die eigene Bäckerei, die Leute aus der ganzen Region anzieht. «Ich wollte eine Backstube, weil Brot die Menschen zusammenbringt», sagt Caminada. Dann gibt es noch einen Laden mit feinen Produkten, eine Rösterei und einen Käsekeller. Mittlerweile gehören zwei weitere Häuser zu Caminadas kleinem Reich, das mit den Rückzugsoasen und lauschigen Winkeln den Charakter eines Dörfchens hat.

Doch Caminada ist nicht bloss Hotelier geworden, er mischt auch die Gastronomie in der gehobenen Hotellerie auf. Das vor bald vier Jahren eröffnete erste Restaurant Igniv by Andreas Caminada im Grand Resort Bad Ragaz schlug ein wie eine Bombe. Die Philosophie des Teilens von raffinierten Gerichten in lockerer Atmosphäre traf den Zeitgeist voll. Caminadas Mann in der Ragazer Schauenstein-Filiale ist sein Musterschüler Silvio Germann. Der 29-Jährige erhielt schon nach einem Jahr den ersten «Michelin»-Stern und wurde heuer als «Schweizer Koch des Jahres» ausgezeichnet.

Sein zweites Igniv (rätoromanisch für Nest) eröffnete Caminada im St. Moritzer Hoteldenkmal Badrutt's Palace. Marcel Skibba, auch er stammt aus der Schauenstein-Talentschmiede, schmückt sich dort ebenfalls mit einem Stern.

Ein drittes Nest im Zürcher Niederdorf

Im kommenden Frühling wird auch Zürich sein Igniv erhalten. Und der Standort ist geradezu einzigartig: Das wunderschöne Marktgasse Hotel von Unternehmer Beat Curti, einem Freund Caminadas, liegt mitten im Niederdorf, im Herzen der Altstadt. Gleichzeitig wird das Sharing-Konzept auch in die Welt hinausgetragen.

Im April wird ein Igniv im Fünfsternhaus The St. Regis in Bangkok eröffnet. «Ein halbes Dutzend Igniv werden es am Ende sein», sagt Caminada. «Vielleicht aber auch nicht.» Er lässt sich nicht unter Druck setzen. Kommt dazu, dass seine Frau Sarah, mit der er zwei Buben hat und die sich um die Finanzen kümmert, bisweilen auf die Bremse steht. Erfolg hat sie damit eher selten.

Wie hat er das alles geschafft – ohne einen Sponsor im Rücken wie so viele andere Spitzenköche? «Wille, Ausdauer, Kreativität, Optimismus und den Mut, eigene Wege zu gehen», nennt Caminada spontan als Erfolgsrezepte. «Als wir Schloss Schauenstein übernahmen, hatten wir nichts. Wir schufteten jahrelang zu viert wie die Verrückten und wunderten uns am meisten, dass alles so gut lief.»

Für andere, auch direkte Konkurrenten, ist er schlicht ein Genie. «Ein ungewöhnlich bescheidener, humorvoller Mensch ohne jegliche Allüren», weiss der Churer Investor Giacomo Rusconi. «Und der talentierteste Unternehmer, den ich kenne.» Die beiden spielen öfters zusammen Golf, und Rusconi beisst sich am nervenstarken Freund seit Jahren die Zähne aus. Mit dem fabelhaften Handicap 6 ist Caminada wohl der beste Golfspieler unter den besten Köchen der Welt.

Erstellt: 21.11.2019, 15:44 Uhr

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