Der diskrete Charme des alten Geldes

Schweiz Tourismus hat das Suvretta House mit dem Prix Bienvenu 2017 ausgezeichnet.

Das «freundlichste Hotel der Schweiz» in der Kategorie Luxushotel: Suvretta House in St.Moritz.

Das «freundlichste Hotel der Schweiz» in der Kategorie Luxushotel: Suvretta House in St.Moritz.

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Zwei Kilometer sind eigentlich keine Strecke. Im Falle von St. Moritz aber trennen sie Welten: Hier das von touristischer Hektik erfüllte Prominentendorf, dort der stille Hügel, wo eine Immobilie mit Sicht auf die Oberengadiner Seen gut und gern 30 bis 70 Millionen kostet und an dessen Ende das Suvretta House thront.

Das Grand Hotel, 1912 vom damaligen Hotelkönig Anton Bon eröffnet und noch heute im Besitz der Zürcher Familie Candrian-Bon, hat wahrlich etwas Majestätisches, wie es da oberhalb des kleinen Waldes auf dem Suvretta-Plateau steht, ehrwürdig und stolz, sich seiner Funktion als Rückzugsort und Oase der Ruhe für gut betuchte Erholungssuchende aus aller Welt bewusst. Mit Langlauf-, Carving- und Tourenski reisen sie an, über Weihnachten und Neujahr sind sie da, die vermögenden Familienclans aus Zürich, die Bodmers, Hürlimanns, von Tobels oder Schmidheinys, die wohlhabenden Basler aus dem «Daig», die Sarasins, Stähelins und Merians, die von Graffenried oder von Mey aus dem ehemals patrizischen Bern. Sie profitieren vom hoteleigenen Skilift, der das Suvretta House direkt mit dem Corviglia-Skigebiet verbindet. Sie lieben Tradition und Understatement und die Tatsache, dass hier keiner über Geld redet.

Die «Normalen» und Reichen wollen hier Ski fahren

Die meisten Luxushotels profilieren sich über materiellen Luxus – mit extravaganten Suiten, verrücktem Design, Gold und Platin in jeder Ecke. Entsprechend ist die Gästeschar, die sich in den exklusiven «Absteigen» tummelt. Russen, die nachmittags um drei Jahrgangs-Champagner von Dom Perignon (800 bis 1000 Franken die Flasche) schlürfen, verwöhnte Prinzen aus dem Mittleren Osten, die im Privatjet, mit Bodyguards und mindestens zehn Butlern anreisen und für vierzehn Tage Ski-, Kaviar- und Champagnerferien gut und gerne eine halbe Million im Engadiner Luxusort liegen lassen.

Im Suvretta House ist alles anders. Hier herrschen andere Regeln, andere Sitten. Das altehrwürdige Grandhotel, seit 2014 unter der Regie von Peter und Esther Egli, ist «keine Show», wie Ex-Direktor und Verwaltungsrat Vic Jacob sagt. «Wir setzen morgens keine Fassade auf, unsere Gäste, egal wie reich sie sind, haben eigentlich nur ein Bedürfnis: Sie wollen wie ganz normale Menschen behandelt werden.» Mit andern Worten: Egal, ob Millionen- oder Milliardenvermögen, egal, ob altes oder neues Geld: Die «Normalen» und wirklich Reichen wollen hier Ski fahren, wandern, gut essen, schwimmen, lesen und fröhlich sein – und vor allem die einzigartige Lage des Hauses am sonnigen Suvretta-Hügel geniessen.

Nur nebenbei: Der Wintersport hat am Suvretta-Hügel eine besondere Tradition. 1935 wurde hier der erste Skilift der Schweiz in Betrieb genommen. Zudem verfügt das Suvretta House als einziges Luxushotel in der Schweiz über eine eigene Ski- und Snowboard-Schule mit bis zu 160 Skilehrern.

Die Gäste wärmen sich anschliessend beim Afternoon Tea in der grossen Hotelhalle am Kamin auf, in der Saunalandschaft im 1700 Quadratmeter grossen Suvretta-Spa – oder sie schwimmen ein paar Runden im 25-Meter-Pool, um gegen 19 Uhr den Bademantel gegen Smoking und festliche Robe auszutauschen. Denn: Ab halb acht wird im Grand Restaurant getafelt, comme il faut, wie einst Gott in Frankreich.

Nicht weniger als 18 A-la-carte-Gerichte stehen täglich zur Auswahl. Das Halbpensionsmenü existiert im Suvretta nicht (mehr). Wenn Küchenchef Fabrizio ­Zanetti selbst auf Reisen ist, mag er sich schliesslich auch nicht schon mittags festlegen müssen, worauf er abends Appetit verspürt. Seine regional geprägte «Cuisine Fran- çaise» kommt an, genauso wie die Kulinarik in der Suvretta-Stube, dem «ungezwungenen» Restaurant für Jeans- und Pulloverträger sowie Familien mit kleinen Kindern. Und solche sind im ­Suvretta House nicht selten anzutreffen. Oft wohnen drei oder vier Generationen gleichzeitig im Haus.

Das Suvretta House und seine diskreten Gäste. Es war 1991, als ich im Grand Restaurant mit der wunderbaren Kassettendecke sass – im dunklen Anzug mit Krawatte. Damals herrschte auf der ganzen Etage der Dresscode: ab 18 Uhr Smoking oder mindestens dunkler Anzug mit Krawatte. Hellblaue oder beige Kittel wurden nicht akzeptiert. Heute gilt der Dresscode nur noch im Grand Restaurant. An diesem Abend im Juli dinierte ein unscheinbarer, etwa 70-jähriger und weisshaariger Mann am Nebentisch. Er trug einen klassischen Smoking. Seine Gattin in eleganter Abendrobe, mindestens zwanzig Jahre jünger, trug Schmuck an Hals und Armen. Das Paar trank Rotwein. Kein Edel-Burgunder. Es war ein einfacher Merlot aus dem Tessin. Dazu Mineralwasser. Die Etiketten (mit der Zimmernummer) an den Flaschen wiesen darauf hin, dass Rotwein und Mineralwasser schon am Vorabend geöffnet wurden. Sie hatten Halbpension gebucht. Ihr ganz normales Doppelzimmer (Berg- und nicht Seesicht) kostete damals um die 500 Franken pro Nacht und lag damit im unteren Bereich der Suvretta-Preisliste. Draussen in der Garage stand ein VW Polo. Kein Ferrari oder Porsche.

Suvretta-Gäste sind verschwiegene Menschen

Der Mann hiess Walter Haefner. Der 2012 im Alter von 92 Jahren verstorbene Amag-Gründer, Software-Unternehmer und Multimilliardär verbrachte damals 14 Tage Wanderferien im Engadin. Haefner und seine Frau lebten so, wie «normale Hotelgäste» eben so leben, wenn sie Ferien machen. «Herr Haefner ist sehr sparsam, er trinkt nur einfache Weine. Eine Flasche reicht für drei Tage», erklärte mir später ein Servicemann. Milliarden hin oder her: Suvretta-Gäste sind sparsame, verschwiegene und auf ihre Weise eher bescheidene Menschen. «Sie sitzen seit Generationen auf ihren Geldsäcken, Immobilien und Kunstsammlungen und leben von den Zinsen», sagte der Publizist Peter Ziegler, als er vor Jahren über die reichsten Schweizer schrieb. Etwas positiver formuliert: Man leistet sich das Suvretta House mit seinem gesamten Luxus: 1700 Quadratmeter Wellness, Suiten aus Edelholz, Bäder aus Marmor und vieles mehr – aber eigentlich braucht man das alles nicht. Was hingegen zählt und von Gästen stets als Hauptargument für ihren Suvretta-Aufenthalt erwähnt wird: die überaus herzlichen, aufmerksamen und professionell arbeitenden Mitarbeiter. «Sie sind die Seele des Hauses», sagt Hoteldirektor Peter Egli. Und: «Wir alle, Gäste und Mitarbeiter, sind eine grosse, ganz normale Familie.» Was immer man unter Normalität ver- stehen mag.


Hans R. Amrein ist Publizist und Autor. Von 2009 bis 2016 war er Chefredaktor der Fachzeitschrift «Hotelier». (SonntagsZeitung)

Erstellt: 26.05.2017, 13:23 Uhr

Der Prix Bienvenu

Gastfreundlichkeit ist von grosser touristischer Relevanz. Von der Schweiz als Marke für höchste Präzision und Qualität erwartet man in allen Belangen Spitzenleistungen. Die branchenweit getragene Auszeichnung für die «freundlichsten Hotels der Schweiz» soll die besten zutage fördern, aber gleichzeitig die ganze Branche zu Höchstleistungen anspornen.

Das Projekt wurde 2013 von Schweiz Tourismus initiiert, wird aber breit abgestützt. So sind neben den beiden Branchenverbänden Hotelleriesuisse und Gastro Suisse auch die Universität Bern und die Ecole Hôtelière de Lausanne vertreten. American Express steht Schweiz Tourismus zur Seite und ist Presenting Partner des Prix Bienvenu. Als Supporting Partner unterstützt die Ecole Hôtelière de Lausanne das Projekt mit einem finanziellen Beitrag.

Der Preis wird jährlich verliehen. Die Gewinner-Hotels werden jeweils im Rahmen des Schweizer Ferientages ausgezeichnet.

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