Ein Dorf, ein Theater

Im nächsten Jahr stehen bei den Passionsspielen in Oberammergau 2400 Dorfbewohner auf der Bühne. Die bayerische Gemeinde rüstet sich für ein Millionenspektakel.

Auf die Bühne der Passionsspiele darf nur, wer in Oberammergau geboren wurde oder seit mindestens 20 Jahren dort lebt. Foto: Arno Declair

Auf die Bühne der Passionsspiele darf nur, wer in Oberammergau geboren wurde oder seit mindestens 20 Jahren dort lebt. Foto: Arno Declair

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Es ist ein Kreuz mit Oberammergau: Das christliche Wahrzeichen hängt hundertfach in den Verkaufsläden der Holzschnitzer, thront wie ein Fanal auf dem Kofel-Felsen (1342 m ü. M.), der das Ammergauer Tal überragt. Und jetzt liegt das Kreuz eingemottet in der Requisitenkammer: 9 Meter lang, dunkelbraun gebeiztes Holz, 80 Kilo schwer.

«Hier werde ich hängen», sagt Frederik Mayet und deutet auf die beiden gebogenen Nägel am Querbalken, die seine Handgelenke umfassen und stützen werden. «Wenn die Soldaten die Hände fixieren, fliesst Theaterblut.» Mayet wird diese Szene ab nächsten Mai 50-mal spielen auf der imposanten Freilichtbühne im Passionstheater Oberammergau. Der 39-jährige Familienvater und Kommunikationsspezialist gibt bei den Passionsspielen 2020 den Jesus. Wie 20 andere grosse Rollen taucht der Sohn Gottes zweimal in der Besetzungsliste auf. Mayets Double heisst Rochus Rückel, ist 16 Jahre jünger und Student der Luft- und Raumfahrttechnik.

Ladenbesitzer rüsten sich

Oberammergau im Sommer 2019: In den Eiscafés herrscht Grossandrang, englische, italienische und asiatische Wortfetzen klingen aus den schmalen Gassen. Holzschnitzer Michael Kölbl montiert in einem frisch gestrichenen Verkaufslokal eine Lampe. Der Künstler aus Murnau eröffnet die «Holzschnitzer-Werkstatt». Im Angebot: eine Jeans-Lady aus Lindenholz, aber auch die lebensgrosse Madonna.

Kölbl hat die Statuen selbst geschaffen, mit Herzblut und geschickten Händen, jetzt will er mit seinem Shop rechtzeitig in den Startlöchern sein. Denn von Mai bis Oktober 2020 erwartet Oberammergau eine halbe Million Passionsspielbesucher. In der dreistündigen Pause während der fünfeinhalb Stunden dauernden Aufführung wird genügend Zeit bleiben, die Taschen mit Andenken und Devotionalien zu füllen oder in einem Wirtshaus Krustenbraten oder Spinatknödel zu futtern.

2400 Oberammergauerinnen und Oberammergauer, vom Dreikäsehoch bis zur Greisin, inszenieren das Leiden und Sterben Jesu, mit dabei Orchester und Chor. «Ein Dorf, ein Theater – wo gibt es das auf der Welt?», fragt Christian Stückl. Der 58-Jährige ist die Seele der Passionsspiele, leitet sie zum vierten Mal und schlägt die Werbetrommeln für das Grossereignis, das der Gemeinde Oberammergau als Veranstalterin einen Reingewinn von vielen Millionen Euro bescheren soll. Stückl warb in Amerika für das Spektakel, das Deutschland eine Million Übernachtungen bringen wird, hielt am Evangelischen Kirchentag in Dortmund eine Bibelstunde und schwor in Zürich Journalisten und Reiseveranstalter auf die Ereignisse zwischen Ölberg und Golgatha ein.

«Er macht vor, manchmal total witzig und völlig übertrieben, wie wir auf der Bühne agieren müssen.»Andrea Hecht

Für 2020 setzt Oberammergau auf mehr Werbung als früher. Man will die Abhängigkeit vom volatilen USA-Markt mildern. Ausserdem gelangen statt starrer Arrangements deutlich mehr Einzeltickets in den Verkauf. Stückl, im Hauptjob Intendant des Volkstheaters München, ist nicht nur ein begnadeter Verkäufer, sondern vor allem ein mitreissender Regisseur: «Er macht vor, manchmal total witzig und völlig übertrieben, wie wir auf der Bühne agieren müssen», sagt Andrea Hecht.

Die 57-jährige Ladeninhaberin spielt 2020 zum dritten Mal die Maria. In der Pietà-Szene, wenn sie den toten Jesus in den Armen birgt, werden die 4400 Zuschauenden den Atem anhalten oder die Tränen aus den Augen wischen. Doch Andrea Hecht muss Emotionen zügeln: «Ich darf nicht wirklich weinen», sagt die erfahrene Laienschauspielerin, «ich muss es spielen, sonst bricht die Stimme, und niemand versteht mich.» Stückl, Mayet und Hecht sind in Oberammergau geboren. Nur diese rare Spezies sowie Einwohner, die mindestens 20 Jahre im Dorf leben, dürfen auf die Bühne.

«Die Pest» zum Aufwärmen

Glaubensfrage: Muss man zu Hause ein Kruzifix im Herrgottswinkel hüten, wenn man bei der Leidensgeschichte Jesu mitspielen will? «Nein», betont Jesus-Darsteller Mayet und verweist auf eine Schlüsselrolle in der aktuellen Besetzung: Der 19-jährige Cengiz Görür spielt den Judas – ein Oberammergauer mit türkischen Wurzeln. «Seit Cengiz dabei ist, klopfen auch andere Türkischstämmige bei mir an und wollen mitmachen», freut sich Spielleiter Stückl.

Derweil läuft sich Görür als Veit in acht Aufführungen von «Die Pest – das Spiel vom Oberammergauer Passionsgelöbnis» warm. Der Prolog im Jahr vor den Passionsspielen erzählt, wie der Taglöhner Kaspar Schisler 1633 unerlaubterweise in sein Heimatdorf zurückschlich und 84 Erwachsene und ungezählte Kinder mit der tödlichen Seuche ansteckte. Die Oberammergauer entkamen dem schwarzen Tod erst mit dem Gelübde, künftig einmal pro Dekade die Passionsgeschichte zu spielen.

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In den Wirren des Dreissigjährigen Krieges ahnte niemand, dass das biblische Epos fortan ein ganzes Dorf in Atem halten würde. Vor allem in Amerika kennt fast jeder die Passionsspiele. Die Asiaten hingegen bauen das 5500-Seelen-Dorf in die Oberbayern-Tour mit Neuschwanstein ein. Sie interessieren sich weniger für Hohepriester und Jünger als für die Lüftlmalerei an den Fassaden im urigen Ortskern. Unterm Strich bleiben Oberammergau auch in einem Jahr ohne Spiele drei Millionen Tagestouristen. Sie kaufen in den Holzschnitzerläden und Souvenirshops Spazierstöcke mit Tierköpfen, Holztafeln vom Schlage «Hotel Mama, immer geöffnet» oder Kruzifixe.

Frederik Mayet trimmt derweil seinen Körper, um im kommenden Jahr das Kreuz gen Golgatha zu schleppen. Die Viertelstunde, die er als Gekreuzigter während der Aufführung an den beiden gebogenen Nägeln hängt, fürchtet er nicht. «Unter dem Lendenschurz trage ich einen Klettergurt, der am Kreuz eingehängt wird. Zudem darf ich die Füsse auf einer Stufe abstellen.»

Die Reise wurde unterstützt von der Deutschen Zentrale für Tourismus und der Ammergauer Alpen GmbH.

Erstellt: 18.07.2019, 19:43 Uhr

Pest und Passion

Anreise: Mit der Bahn über St. Margrethen, München Hauptbahnhof, Murnau nach Oberammergau; www.bahn.de

Passionsspiele: 103 Aufführungen vom 16.5. bis 4.10.2020. Tickets 30 bis 180 Euro, www.passionsspiele-oberammergau.de Tel. +49 8822 83 59 330, «Die Pest»: Bis 3. August

Hotel-Tipp: Romantik Hotel Böld, bayerische Gemütlichkeit, DZ ab 139 Euro; www.hotel-boeld.de

Sehenswert: Oberammergau Museum mit Sonderausstellung «Der schwarze Tod», www.oberammergaumuseum.de; Kloster Ettal, www.kloster-ettal.de

Allgemeine Infos: www.ammergauer-alpen.de

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