Eine intensive Art, die Berge zu erleben

Zwei Tage dauert die Tour vom Berner Oberland ins hinterste Wallis. Eine Reise ins kraftvolle Reich der Gletscher.

Aufstieg zur Trifthütte mit Blick auf den Abbruch des Triftgletschers. Foto: Anne-Sophie Scholl

Aufstieg zur Trifthütte mit Blick auf den Abbruch des Triftgletschers. Foto: Anne-Sophie Scholl

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Ein Donner hallt durch die Felsarena. Wir kneifen die Augen zusammen und sehen in einer Rinne im Fels das Eis herabstieben. Wie ein Wasserfall sieht es aus. Ein Eisturm, der sich vom Gletscherabbruch gelöst hat und in die Tiefe stürzt. Ein Sérac.

Wir sitzen auf dem Felsriegel oberhalb des Triftsees, wo sich die berühmte Hängebrücke zum anderen Ufer spannt... Von hier aus geniesst man einen Post­kartenblick auf den Triftgletscher – oder auf das, was von ihm übrig bleibt. Leuchtend blau und wild zerklüftet klebt er am oberen Rand der Felsarena. Darunter zieht sich ein langes Geröllfeld zum See. Die Zeiten, als der Gletscher in den Triftsee kalbte, sind Geschichte.

Auf der Moräne wächst Gras

Mit der Geschichte fingen wir an. Auf der Anreise zu unserer Wanderung über zwei grosse Eis­ströme der Alpen legten wir bei der Aareschlucht hinter Meiringen einen kurzen Halt ein. Bergführer Reto Affentranger liess uns talaufwärts schauen: links und rechts fast senkrechte Wände, auf beiden Seiten die grossen Einschnitte der höher gelegenen Seitentäler, im Westen das Urbachtal, im Osten das Tal von Gadmen, dazwischen Innert­kirchen auf der grossen Ebene beim Chirchen.

Es ist dieser Felsriegel, den die Aare in der Schlucht durchbricht. Von der Grimsel her und von den Seitentälern hatten sich die Gletscher vor dem Chirchen gestaut und dort in die Tiefe gefressen, bis das Eis über den Riegel gespült wurde und weiter hinab Richtung Mittelland. «Beim Rückzug der Gletscher bildete sich ein See. Dieser ist später verlandet», erklärt Affentranger. Noch unter dem Eis hat sich die Aare einen Weg durch den Riegel gesucht.

Eine intensive Art, die Berge zu erleben, die uns mit ihrer Stille und Weite in Bann ziehen.

Es ist das gleiche Szenario, das wir beim Triftsee erkennen. Auch dieser See wird einmal verlanden. Aus dem Geschiebe der Flüsse wird eine Ebene entstehen. Reto Affentranger zeigt auf die runden Felsen. Wer genau schaut, sieht Kratzspuren in den Gletscherschliffen. Sie stammen von den Steinen, die das Eis über den Felsriegel geschrammt hat. «Das ist gar nicht so lange her», sagt Affentranger. Der Bergführer ist studierter Geograf mit Schwerpunkt Geomorphologie. In der kleinen Eiszeit Mitte des 19. Jahrhunderts habe die Gletscherzunge bis unter die heutige Bergstation der Triftbahn gereicht, sagt er. Dort waren wir am Morgen gestartet. Die Moräne, über die wir zum Gletschersee aufgestiegen sind, ist mit Gras bewachsen und kaum noch als solche zu erkennen.

An den zwei Tagen, die Affentranger uns über den Triftgletscher hoch zur Wasserscheide und dann die ganze Länge des Rhonegletschers hinab an die Furkapassstrasse führt, wird er uns immer wieder auf die Spuren der gewaltigen Kräfte hinweisen, die die Landschaft der Alpen geformt haben. Wir sehen die Schichtungen der Sedimente in den Kalkfelsen der Wendenstöcke, erkennen den Aare­granit der mächtigen Magmakammer in der Grimselregion, hören von warmen und kalten Gletschern und vom Blau oder Weiss des Eises.

Wir sind zwar nicht unbedingt wegen der Glaziologie auf der Wanderung vom Trift- zum Rhonegletscher. Franziska aus Winterthur hat ehrgeizige Hochtourenpläne für den Herbst. Für sie ist das Trekking vor allem eine Art Trainingslager. Und Denise aus Zürich wollte schon lange einmal die Hängebrücke sehen. Aber wir schärfen den Blick für das, was uns die Landschaft erzählt. Eine intensive Art, die Berge zu erleben, die uns mit ihrer Stille und Weite in Bann ziehen.

Physik und Metaphysik

Die Hängebrücke lassen wir hinter uns. Der Weg wird anspruchsvoller und einsam. Über zwei Leitern und mit Ketten gesicherte Stellen gelangen wir immer näher an den Gletscherabbruch heran. Es donnert noch ein paarmal. Ein Sérac, ein Eisturm in gefährlicher Schieflage, stürzt zu Tal. Doch der nächste Donner ist ein Gewitter. Gerade noch rechtzeitig gelangen wir zur Trifthütte.

Keine Antwort hat der Bergführer auf den Klimawandel. «Ich will nicht moralisieren und nicht nur vom Gletscherschwund reden», betont er. Und doch sind die Zeichen unübersehbar. Als wir auf der Undri Triftlimi stehen, wo sich Trift- und Rhonegletscher verbinden, reisst der Himmel auf. Wir sehen an die Flanke des Galenstocks und weiter hinunter ins Goms. Auf der Karte ist hier noch ein durchgehend vergletscherter Panzer eingezeichnet. Jetzt ist das Eis fast vollständig ausgeapert, und vielerorts drängt der schwarze Fels hervor.

Es ist eine einsame Welt von grosser Kraft und Schönheit im Herzen der Schweiz. Noch ist sie zu entdecken.

«Der Rhonegletscher wird kaum noch vom Galenstock genährt», stellt Affentranger fest. Davon hatte er am Vorabend gesprochen: Damit sich der Gletscher im Gleichgewicht halten kann, muss sein Nährgebiet etwa doppelt so gross sein wie das Zehrgebiet, wo der Gletscher im Sommer schmilzt. «Wir müssen uns damit abfinden: In einigen Jahren wird es in unseren Bergen so aussehen wie in den Dolomiten.»

Einem letzten grossen Gletscherbruch weichen wir über die Seitenmoräne aus, dann gehen wir ohne Seil zurück aufs apere Eis. Dort plätschert das Schmelzwasser. In kleinen Bächlein sucht es sich einen Weg, verschwindet gurgelnd in abenteuerliche Kanäle im Inneren des Eises, und aus der blau leuchtenden Tiefe der grossen Gletscherspalten dröhnt kräftiges Rauschen hervor. Es ist eine einsame und archaische Welt von grosser Kraft und Schönheit im Herzen der Schweiz. Noch ist sie zu entdecken.

Die Reise wurde unterstützt von der Bergsteigerschule Bergpunkt.

Erstellt: 30.08.2019, 17:09 Uhr

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Die Bergführer von Bergpunkt sind speziell geschult und vermitteln Hintergrundwissen zur Gletscherwelt. Anforderungen und Kosten: Kondition für 5- bis 8-stündige Bergwanderungen; Kleingruppen mit vier bis acht Gästen; ca. 500 Franken pro Person. www.bergpunkt.ch

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