In Finnland wird der Traum von der einsamen Insel wahr

Auf Åland soll sich der Gast ruhig mal wieder langweilen – als Gepäck empfohlen sind ein Buch, ein gutes Paar Schuhe und ein Windstopper.

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Um 18 Uhr werden wir auf der Insel ausgesetzt. Johan führt zügig durch unser Reich, zeigt Holzhütte, Plumpsklo, Sauna. Mit herbem Charme erklärt er trocken, «unten Holz anfeuern, oben Wasser rein», in 45 Minuten sei das Schwitzbad bereit. «See you», und weg ist er. Der immer leiser werdende Motor des Fischerbootes sei für die nächsten Tage das letzte Geräusch aus der Zivilisation. Dachten wir da.

Der Traum von der eigenen Insel wird wahr! Exakt 41 Stunden gehört das alles uns. Weisser, unberührter Strand, Kokospalmen und Hängematte vor der Strohhütte? Nicht ganz. Unser Inselchen liegt in der frischen Ostsee, zwischen Schweden und dem finnischen Festland, inmitten eines riesigen Schärengartens – Sviskär, so der Name, ist eine von 6700 Inseln im Archipel Åland.

«Åland»? Åland gehört zu Finnland, gesprochen wird aber Schwedisch. Die Inselgruppe ist weitgehend autonom – mit eigener Flagge, gelb-rotes Kreuz auf blauem Grund, eigenem Autokennzeichen und eigenen Briefmarken. 29'000 Menschen leben auf den 60 bewohnten Inseln, davon 11'000 in Mariehamn, der einzigen Stadt. Bereits die Anreise ist ein Abenteuer: Die 40-minütige Autofahrt von Mariehamn führt durch Farmland und Birkenwälder, ohne genaue Anweisungen würde man die private Bootsanlegestelle nie finden. Johan erwartet uns mit dem Fischerboot, er ist Insel-Manager, zuständig für drei Schären, die privat gemietet werden können: Silverskär und Klobben für Gruppen, Sviskär für ein bis vier Personen. Johan blickt auf unsere Koffer, so grosse Koffer habe er noch nie gesehen – ein Buch, bequeme Schuhe und ein Windstopper würden reichen. Johan ist auf Åland geboren, und hier will er auch bleiben.

«Hier zählen wir Sterne und Möwen statt Minuten und Sekunden», lautet das Motto. Sviskär sei ideal für (Möchtegern)-Einsiedler – mit gewissen Ansprüchen. Das Häuschen, nach Vorbild alter Fischerhütten gebaut, ist liebevoll eingerichtet: Tisch mit Kerzenständer, Buffet mit Porzellangeschirr, ein kleiner Ofen, zwei Sessel mit kuscheligen Lammfellen, ein Korb voller Bücher (über Fische und Åland), Flickenteppiche auf dem Boden. Sehr gemütlich.

Im Notfall wäre der Helikop­ter innert Minuten da

Aber: Hier schläft das Paar getrennt – es müsste schon sehr kalt werden, damit man sich zu zweit in eine Etage der zwei schmalen Kajütenbetten quetschen würde. Auf den Kopfkissen, als Geschenklein, erwarten uns eine Kappe (blau und rosa) sowie eine Zahnbürste aus Holz. Die Hütte ist ideal für Paare oder kleine Familien, für vier Erwachsene würde es wohl etwas eng. Im Vorraum befinden sich ein einfacher Gasherd und allerlei Equipment, das man in der Natur brauchen könnte: Angelruten, Säge und Erste-Hilfe-Kasten, Rucksack mit Picknickgeschirr, Kugelgrill, Windjacke, Schwimmweste. Und zwei Paar Crocs! Diese hässlichen Plastikdinger, die man unter Leuten eigentlich nicht tragen dürfte. Die grossen in Schwarz, die kleinen in Pink.

Alles ist vorhanden. Nur Strom und fliessend Wasser fehlen. Licht spendet eine Kerosinlampe – und der Vorrat an Kerzen ist gross. Kein Radio, kein TV, selbstverständlich auch kein Internet. Das Telefon funktioniert jedoch. Wenn wir Hilfe brauchten, müssten wir Johan anrufen oder gleich die Notfallnummer 112 wählen. Der Helikop­ter wäre innert Minuten hier, hat Johan versichert. Aber eigentlich sollte das Mobiltelefon absolut keine Rolle spielen. Am besten sperre man es ins Vogelhäuschen im stillen Örtchen. Viele Gäste würden das Handy ihm überlassen, sagte Johan, weil sie gar nicht erst in Versuchung kommen wollen.

Ende Juni, die Sonne scheint, das Thermometer zeigt 22 Grad Celsius. Wir sitzen auf der roten Bank vor der Hütte – über uns hängt das Gebiss eines Hechts – und überlegen: 41 Stunden auf der eigenen Insel liegen vor uns. Wie gehen wir nun vor? Ganz allein, nur wir zwei? Er verschwindet aufs Plumpsklo, sie packt in der Hütte das Nötigste aus. Waren das eben Stimmen?

Tiefe Männerstimmen! Wo könnte man sich hier verstecken, wie flüchten?

Doch die beiden Männer stehen bereits vor der Tür. Zum Glück machen sie freundliche Gesichter.

Es sind Jacob und Per, zwei ältere Schweden aus Göteborg, die eine Woche lang im Kajak von Insel zu Insel paddeln. Sie haben ihr Zelt auf der anderen Seite unserer Insel aufgeschlagen. Das dürfen sie, Privatinsel hin oder her. Denn wie im übrigen Norden gilt auch auf Åland das Jedermannsrecht: Campieren, Beerenpflücken oder Pilzesammeln ist überall erlaubt – solange man Rücksicht auf Natur und Bewohner nimmt.

Kaum ausgesetzt, schon in Gesellschaft? Das war nicht der Plan. Die beiden Männer nehmen das offerierte Bier gern an. Aber zum Essen einladen wollen wir sie nicht – und die unerwarteten Gäste wollen auch nicht länger stören.

Die meisten der Kurzzeit-Einsiedler bleiben ein, zwei Nächte, kommen aus Finnland oder Schweden. Sie buchen Sviskär auch in der Nebensaison, brauchen weder Licht noch Wärme, abgehärtet wie sie sind. Oft Familien, die den Kindern das «ursprüngliche Leben» zeigen wollen. Natürlich buchen sie keinen «Gourmet-Basket».

Viktor, der junge Koch der drei Privatinseln, hat uns einen Korb und eine Kühlbox mit Essen für zwei Tage gefüllt. Auch Viktor ist auf Åland aufgewachsen, auch er will nie wieder weg von hier. Er hats versucht, arbeitete in Helsinki in einem Restaurant – nach einem Jahr wollte er nur noch nach Hause. Er habe sich in der Grossstadt gelangweilt, «weder Jagen, Fischen noch Bootfahren – nichts war möglich».

Viktor verwendet, was die Natur ihm bietet: Fleisch vom Elch, Fisch, Pilze, Beeren und Kräuter. Wir packen alles aus, schliesslich müssen wir die Verpflegung einteilen. Zwei Flaschen Wein, «Stallhagen»-Bier aus Åland, Beeren-limonade und Apfelsaft von der Insel – Åland ist Finnlands Apfelgarten. Salate, Quiche, Hering, Lachs, Lammfleisch, Brote, Müesli und ganz viele Milchprodukte vom lokalen Bauern. Einfaches Leben de luxe. Und wir essen mit Stil: Das Geschirr ist aus Keramik, die Flaschen sind aus Glas – kein Plastik, keine Aludosen.

«Tür schliessen!», hat Johan gewarnt. Wegen der «Mygga», der Mücken. Jetzt haben sie Hochsaison; um sie zu töten, ist auch den Åländern jedes Mittel recht. Manche essen Knoblauch in rauen Mengen, andere glauben an die Wirkung heilender Steine, welche die Blutsauger fernhalten sollen. Wie man weiss, kann eine einzige Mücke die Nacht zur Hölle machen. Allerdings sind die Moskitos auf Sviskär so relaxed, dass sie meist mit einem Schlag zu erledigen sind.

Wer das Eiland erkundet, muss sich selbst einen Weg bahnen

Es wird und wird nicht dunkel. Um 23.20 Uhr verschwindet die Sonne im Meer – und doch bleibt es hell. Erst färbt sich der Himmel rosa, dann golden, es ist traumhaft schön. Wir ziehen die Vorhänge, liegen in unseren schmalen Kojen, Stirnlampe montiert, und lesen. Die Åländer mögen übrigens keine Vorhänge, sie schlafen, wenn es taghell ist.

Die lichten Nächte erleichtern den Gang zum 100 Meter entfernten Plumpsklo («charmante Erd-Toilette» steht im Prospekt) über Stein und Wurzeln enorm. Die Kreuzotter wird hoffentlich nicht gerade jetzt unterwegs sein. Die Giftschlange ist das gefährlichste Tier auf Åland, aber so scheu, dass sie Johan nicht einmal erwähnt hat. Realer ist die Gefahr vor Zecken –fast 60 Prozent Ålands sind bewaldet. Doch der Zeckenschaber, ein Willkommensgeschenk eines Hotels in Mariehamn, wird nicht zum Einsatz kommen.

Und wieder ist der Himmel blau, wir frühstücken draussen am grossen Holztisch. Lauschen den Vögeln, blicken aufs Meer und reden. Kein Handy, das piepst, keine Mails werden gecheckt, keine News gelesen, kein Föteli verschickt. Gestärkt mit geräuchertem Hering und Sanddorn-Joghurt, die vitaminreiche Beere liegt in Åland gerade hoch im Kurs, ziehen wir los. 28 Hektaren gross ist unser Inselreich, was ungefähr 28 Fussballfeldern entspricht. Aber Rasenplätze wären übersichtlich, Sviskär ist es nicht – Pfade existieren keine. Umrunden ist nicht möglich, zu schroff sind die typischen rötlichen Granitfelsen, die bei feuchtem Wetter gefährlich glitschig werden.

Wir winden uns zwischen Tannen und Fichten hindurch, Spinnennetze im Gesicht, das trockene Moos knirscht unter den Füssen. Mächtige Bäume liegen entwurzelt am Boden, gefällt vom Jahrhundert-Orkan, der im letzten Januar über Åland gefegt war. Man könnte sich leicht verirren – irgendwann jedoch landet man hier immer am Wasser.

Keine einzige PET-Flasche, nicht das kleinste Stück Plastik haben die Wellen angeschwemmt. Hier scheint die Welt noch in Ordnung. Doch der Klimawandel lässt auch das Naturparadies nicht unberührt. Die Winter beginnen später, die Temperaturen schwanken, die Erwärmung des Meeres bringt die Vogel- und Fischwelt durcheinander, erzählen die Insulaner.

Wir liegen auf dem Steg, «listen to the silence», der Ruhe lauschen, steht auf dem Programm. Der Ruhe oder der Natur: Vögel kreischen, fast schon aggressiv, im Tiefflug jagen sie über uns hinweg. Es herrscht Brutzeit – wir sind nicht überall willkommen.

Åland ist ein Anglerparadies, rund um die Uhr, das ganze Jahr, ein Fang sei praktisch garantiert, der bissfreudige Hecht lauere quasi in jedem Schilf, heisst es in Tourismusbroschüren. Doch an unseren Haken hängt bloss Seegras. Es wird weder Hecht, Barsch, Forelle noch Zander zum Znacht geben. Der kleine Kugelgrill kommt dennoch zum Einsatz: für den Wildlachs aus der Kühlbox.

In der Tiefe des Meeres verbergen sich Schätze

Ab in die Sauna! Sie befindet sich zwischen zwei Klippen, direkt am Meer. Zwei bis drei Saunagänge, mindestens 15 Minuten lang, dazwischen ein Sprung ins Wasser – so die finnische Tradition. Uns reicht ein Gang, das Bad im Meer (16 Grad) fällt aus. Die Aussendusche, die einzige Frischwasserquelle, sei sonnengewärmt, sagte Johan. Von der Sonne ist nichts zu spüren, geduscht ist in Sekundenschnelle. Was Johan sowieso begrüssen würde. Man müsse nicht ständig duschen, findet der Naturbursche. Dazu passt, dass weder im WC- noch im Sauna-Häuschen ein Spiegel hängt. Für einmal soll man sich nicht ums Aussehen kümmern. Sonnencreme und Mückenspray – mehr brauchts hier nicht.

Zähneputzen oder Geschirrspülen, alles muss überlegt sein, alles braucht Zeit. Aber die hat man hier. Man solle sich ruhig mal wieder langweilen, sagte Johan. In den Tag leben, sich treiben lassen und Neues entdecken. Tatsächlich: Am zweiten Tag beginnt der Mann zu schnitzen. Und sie pflückt Blümlein, die sich durch den felsigen Boden kämpfen. Zusammen streift man das Ufer entlang, fantasiert von angespülten Schätzen; zahllose nicht geborgene Wracks liegen vor Åland auf Grund. So entdeckten Taucher im Sommer 2010 ganz in der Nähe über 100 Schampus-Flaschen der Edelmarke Veuve-Clicquot. Fast 200 Jahre lang hatte der feine Tropfen in den Tiefen des Meeres gelegen – ohne an Qualität einzubüssen.

Die 41 Stunden sind um. Das Haar ist strähnig, die Beine sind zerkratzt, und der eine oder andere Mückenstich wird uns noch einige Zeit an die Tage auf unserer Insel erinnern. Gern würden wir ein, zwei Nächte länger bleiben, haben wir uns doch erst jetzt an den gemächlichen Rhythmus gewöhnt. Und sogar an die Crocs! Die hässlichen Plastikdinger sind wirklich äusserst praktisch.

Pünktlich auf die Minute legt Johan mit dem Motorboot am Steg an. «Schade, hattet ihr keinen Regen», sagt er zur Begrüssung. Blauen Himmel findet er langweilig. Die Inselgäste – meint er die verweichlichten Städter? – sollen mal wieder das Wetter fühlen. Er hievt die Koffer an Bord und bringt uns zurück in die Zivilisation – «so long», und weg ist er.

Die Reise wurde unterstützt von Glur Reisen



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Erstellt: 26.07.2019, 16:43 Uhr

Ferien in der sonnigsten Region Finnlands

Anreise: Mit Finnair von Zürich via Helsinki nach Mariehamn (täglich) oder mit SAS/Swiss nach Stockholm, anschliessend mit der Fähre von Stockholm oder Kapellskär nach Mariehamn oder von Grisslehamn nach Eckerö.
www.finnair.com
www.flysas.com

Arrangement: Elftägige Erlebnisreise von Stockholm über Åland und Turku nach Helsinki, inklusive zweier Nächte auf Sviskär. Preis pro Person inklusive Flug, Fähren, Transfers und Übernachtungen, ab 2450 Franken, Buchung: Glur ­Reisen, Basel, Tel. 061 205 94 94, www.glur.ch

Insel Sviskär: Übernachtung in der Hütte (1 bis 4 Personen) kostet ab 410 Euro, jede weitere Nacht 190 Euro. Verpflegung pro Person/Tag 170 Euro. www.silverskar.ax

Ideale Reisezeit: Von Juni bis ­September mit langen Tagen und einer Durchschnittstemperatur von 19 Grad Celsius. Åland gilt als die sonnigste Region Finnlands.

Allg. Infos: Tourismusbüro Visit Åland,
www.visitaland.com

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