In einem Zug vom Genfer- an den Brienzersee

Die Montreux-Berner-Oberland-Bahn fährt bald bis nach Interlaken-Ost. Die neuen Panoramazüge passen sich verschiedenen Spurbreiten an

Das italienische Design steht für Eleganz: Der Goldenpass-Express trägt neu Königsblau. Foto: PD

Das italienische Design steht für Eleganz: Der Goldenpass-Express trägt neu Königsblau. Foto: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Nein, Französisch spreche er nicht, sagt Paolo Pininfarina, 60, Präsident der gleichnamigen Designerschmiede im norditalienischen Cambiano. «Aber ich verstehe alles, was Sie sagen», scherzt er. Umgekehrt spreche er Englisch gut, verstehe aber kein Wort davon. Was kompliziert klingt, ist im Fall von Pininfarina einfach. Gutes Design braucht nicht erklärt zu werden, es spricht für sich selbst.

Pininfarina empfängt den Gast im hauseigenen Museum in Cambiano, einem Vorort 15 Kilometer südöstlich von Turin. So eindrucksvoll die Designerstudios der Norditaliener wirken, so bescheiden präsentiert sich der ziemlich baufällige Bahnhof gleichenorts: Wassertropfen fallen von den in die Jahre gekommenen Decken. Die Wände sind verschmutzt, die Stufen der Treppen abgenutzt. Mit dem kargen Umland und den wenigen Gestalten, die sich aufmachen, in der Bahnhofsunterführung zu verschwinden, könnte die 6000-Seelen-Gemeinde auch als Kulisse für einen Westernstreifen dienen. Ganz anders präsentiert sich der Hauptsitz von Pininfarina: modern, grosszügig gebaut, aber gut abgeriegelt. Die Eintrittskontrollen sind streng. Geschlossene Türen und Tore schützen vor neugierigen Blicken. Im Museum wird die enge Beziehung zu Autohersteller Ferrari deutlich. Hier der hemdsärmelige Enzo Ferrari mit Hosenträgern, dort der eher filigrane Firmengründer Battista mit dem Bleistift in der Hand.

Die Passagiere können in Zweisimmen neu sitzen bleiben

700 Mitarbeiter beschäftigt Pininfarina. Seit 1993 ist auch die ­Montreux-Berner-Oberland-Bahn (MOB) Kundin. Die Italiener haben die MOB-Panoramazüge entworfen. Das Design überzeugt noch heute. Nur die Steuerwagen brauchen ein neues Gesicht. Bei solchen Kompositionen befindet sich die Lok in der Mitte des Zugs. Er wird zuvorderst lediglich gesteuert. Der MOB Panoramic ist ein Hingucker. Die Fahrgäste können mit einem Preisaufschlag von 15 Franken an der Spitze des Zugs Platz nehmen, während der Lokführer in diesem Mini-Doppel­stöcker unter das Dach gezwängt seine Arbeit verrichtet. Aus Sicherheitsgründen muss Pininfarina aber in Zukunft eine Führerkabine vor den VIP-Bereich bauen. Die schlechtere Sicht soll deshalb durch eine grosszügige Fensterfront kompensiert werden. Der Clou: Spiegelungen beim Fotografieren entfallen. Ins Auge stechen die beiden bulligen Puffer, die abstehen, und die im Vergleich zur Vorgängerin flachere Front. Neu wird der Goldenpass-Express wie alle anderen Züge in Königsblau auf Reise gehen. «Gold ist zu viel Klimbim», sagt MOB-Chef Georges Oberson.

Machte die Bahn in Indien bekannt: Bollywood-Star Ranveer Singh.

Der frühere Lyria- und SBB-Manager entschloss sich bereits kurz nach seinem Amtsantritt 2011, die Firma MOB grundlegend zu verändern. So entstand die Idee einer Umspuranlage in Zweisimmen BE. Diese läuft inzwischen im Testbetrieb fehlerfrei. Die weltweit einzigartige Anlage schafft es, Spurbreiten zu überwinden. Parallel entwickelte Zugbauer Alstom passende Drehgestelle. Diese gleichen die unterschiedlichen Spurbreiten aus, und die Räder gehen bei einem Tempo von 15 Stundenkilometern stolze 43 Zentimeter wahlweise auseinander oder zusammen. Gleichzeitig hebt sich der Zug um 20 Zentimeter, damit der Höhenunterschied zu den Perrons ausgeglichen wird. Dadurch entfällt das Umsteigen für die Passagiere in Zweisimmen. Lediglich eine Lokomotive der BLS hängt sich hier vor den Zug und zieht ihn weiter nach Interlaken. Denn MOB-Triebwagen sind für eine Netzspannung von 900 Volt konzipiert. Auf dem Netz der BLS sind es aber 15'000.

Dank der Umspuranlage ­können die MOB-Züge bis nach Interlaken-Ost fahren. Die Genfersee-Region erhält so eine geschlossene alpine Querverbindung mit direktem Anschluss an die touristischen Highlights des Berner Oberlands. Gleichzeitig verdoppelt die MOB ihr Streckennetz von aktuell 73 Kilometern. Aus einer zweistündigen Fahrt durch die Berge des Pays-d’Enhauts und die terrassierten Weinberge des Lavaux wird eine dreistündige – mit auf Weiden grasenden Simmentaler Kühen und einem schönen Blick auf das Dreigestirn Jungfrau, Mönch und Eiger. 76 Millionen Franken lässt sich das private Unternehmen den Ausbau kosten – acht neue Steuerwagen inklusive.

Die Fahrgäste dereinst direkt ­am Flughafen abholen

Die MOB ist nicht nur wegen ihrer historischen Pullmanwagen eine Perle unter den Schweizer Bahnen. Nach Broc FR zum Cailler-Museum fährt etwa ein Schokoladenzug. Im Einsatz nach Château-d’Oex VD steht auch ein Käsezug. Die MOB reizt Klischees gerne aus und verkauft ein intaktes Reiseparadies zwischen Schokolade, Greyerzer und romantischer Bergwelt.

Der Ruf der Bahn hat sich längst bis nach Indien herumgesprochen. Letztes Jahr traf Bollywood-Star Ranveer Singh an den Gestaden des Genfersees ein, um hier einen neuen Film zu drehen. Dafür erhielt er während Wochen einen eigenen MOB-Zug. Der Herzschmerz-Streifen, der in der ersten Kinowoche 300 Millionen Inder in die Kinos lockte, ist zum wichtigen Werbeträger geworden. «Geld fliesst keines», sagt Oberson. Es handle sich um eine Win-win-Situation. 45 Prozent der MOB-Gäste stammen aus dem Ausland, 10 Prozent von ihnen sind Inder.

In den MOB-Abteilen werden aber nicht nur Seifenopern produziert, es wird auch Theater gespielt. Meurtres et Mystères, ein regionaler Kulturverein, inszeniert gleichzeitig drei verschiedene Verbrechen in der 1. und 2. Klasse sowie in der historischen Holzklasse. Schauspieler machen den Zug zur Bühne, das Publikum hat die Aufgabe, den Täter zu ermitteln, bevor der Zug wieder in Montreux einfährt.

Eigentlich sollte der Goldenpass-Express schon längstens in Interlaken-Ost eingetroffen sein. Alle technischen Probleme sollten jetzt aber gelöst sein, verspricht Oberson. Damit belebt die MOB den Wettbewerb mit anderen touristischen Zügen wie dem Glacier Express oder dem Bernina Express, die ebenfalls tüchtig aufrüsten, Luxuswagen bauen oder ihr Streckennetz erweitern. Die MOB ist aber das erste Bahnunternehmen, das daran denken kann, seine Gäste am Flughafen Genf-Cointrin abzuholen oder, wie es sich Oberson erträumt, in Monte-Carlo. «Das wäre der Gipfel», sagt er.



Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

Erstellt: 15.06.2019, 17:28 Uhr

Artikel zum Thema

Spektakel und Stille

Die Fête des Vignerons wird gigantisch, während das pittoreske Weingebiet Lavaux angenehme Ruhe ausstrahlt. Mehr...

Wo Trinkgeld eine Beleidigung ist

Gut gemeint heisst nicht immer gut gemacht: In welchen Ferienländern wie viel Trinkgeld angebracht ist. Mehr...

Die dreckigste Art zu reisen

Kreuzfahrten boomen, auch in der Schweiz, doch die Folgen für die Umwelt sind desaströs. Die Branche versucht umzusteuern, bevor die Gäste wegbleiben. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Kommentare

Blogs

Von Kopf bis Fuss Gute Laune trotz Lichtmangels

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Klimawand: Andres Petreselli bemalt in San Francisco eine Hausfassade mit einem Porträt von Greta Thunberg. (8. November 2019)
(Bild: Ben Margot) Mehr...