Kraftort in atemberaubender Stille

Ein Ausflug in die Grimselwelt, die im Winter nur über die Luft oder durch den Berg erreichbar ist.

Fernab des hektischen Stadtlebens: Das Hotel bei der Passhöhe. Fotos: David Birri

Fernab des hektischen Stadtlebens: Das Hotel bei der Passhöhe. Fotos: David Birri

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Tiefer Winter herrscht im Hochgebirge. Die Grimselpassstrasse ist, wie viele Alpenübergänge, ­gesperrt. Die Dämmerung verwandelt den dichten Nebel in einen zauberhaften graublauen Ozean. Dort hinten – was sind das für Lichter?

Knapp unter der Passhöhe, mitten im Nirgendwo, leuchten wie glühende Kohlen die Fenster des Hospizes durch die einbrechende Nacht. Das muss sie sein, die wundersame Grimselwelt – ein Kraftort in jeder Beziehung, mystisch, energetisch und auch ­amtlich: Das Gebirge, in dessen Zentrum die Kantone Bern, ­Wallis und Uri aneinandergrenzen, ­gehört zu den Kraftwerken Oberhasli.

Die Marketingstrategen der KWO haben ihrem gastronomischen Hotspot das Prädikat «Oase der Ruhe» ­verpasst. Es ist eine von mehreren Wahrheiten.

Hier stand 1142 das erste urkundlich erwähnte Gasthaus der Schweiz.

Von der verschneiten ­Terrasse dringen gedämpft Stimmen durch die nebligen Schwaden. Dampfwolken quellen aus einem riesigen Bottich, drin hockt ein halbes Dutzend Menschen.

Das überdimensionierte Holzfass neben dem Hotpot erweist sich, als ein Paar schweissüberströmt ins Freie stürzt, als originelle Saunahütte. Kreischend wälzen sich die beiden im Schnee, bevor sie in die Badehose und in den brodelnden Topf steigen.

Hotpot und Sauna vor dem historischen Vierstern-Alpinhotel, das mit der Abwärme aus der Stromproduktion beheizt wird.

Entdeckung einer ­unermesslichen Energiequelle

Vor drei Stunden sind die Hotelgäste beim Verwaltungsgebäude der Kraftwerke Oberhasli in Innertkirchen BE von einer KWO-Hostess in Empfang genommen ­worden – und keiner konnte ­ahnen, welch abenteuerliche Reise bevorstehen sollte. «Gleich kommt das Postauto», sagt die freundliche Dame. «Wir fahren bis zur Handeck. Von dort aus gehts mit der Luftseilbahn weiter.»

Vor 100 Jahren ist die Grimselwelt von visionären Ingenieuren als schier unermessliches Energiepotenzial erkannt worden. Auf ­verschiedenen Ebenen sind zahlreiche Bergseen durch unter- und überirdische Wasserläufe miteinander vernetzt. Der Mensch hat ­dieses natürliche System mit ­Talsperren und Staumauern, mit Stollen und Schächten so ­optimiert, dass die gebündelte Kraft des ­Wassers tief im Berg ­riesige Turbinen antreibt, die eine Million Menschen ein Jahr lang mit Strom ­versorgen können.

Der ­touristisch interessante Nebeneffekt ist die Grimselwelt. Das unterirdische Labyrinth macht das Hospiz das ganze Jahr über ­zugänglich – theoretisch. Praktisch ist die Reise durch die Luft wesentlich angenehmer: Von der Talstation Handeck, wo das Postauto die ­Gäste entlässt, führt eine werkseigene Seilbahn zur Gerstenegg.

Hier geht die ­Reise unterirdisch weiter – und vor ­allem unterseeisch: Durch einen vier Kilometer langen Stollen ­rumpelt ein ­Kleinbus tief unterm Räterichsbodensee hindurch zu einer zweiten Seilbahn, die das Hospiz ­erschliesst – vorausgesetzt, es ist einigermassen windstill. Andernfalls muss man sich diese letzte Etappe über 350 atemberaubende Treppenstufen erarbeiten.

Es dürfen keine Ausflüge unternommen werden.

Noch atemberaubender ist die ­Stille, die den Besucher hier oben umfängt. Hoch über dem ­Dröhnen der Generatoren findet er sich in dieser weissen Einsamkeit wieder, umgeben von Schnee, Eis und einer nebligen Watte, die jedes ­Geräusch schluckt.

Vor zehn Jahren haben die ­kantonalen Behörden dem Kraftwerk die Bewilligung für den ­Winterbetrieb auf dem Hospiz ­erteilt – unter einer Bedingung: Es dürfen keine Ausflüge unternommen werden. «Damit soll das Wildschutzgebiet in der unmittelbaren ­Umgebung respektiert werden», ­erklärt ­Thomas Huber, der bei den KWO für die Kommunikation ­zuständig ist. «Uns ist es noch so recht: Die Gäste in der Grimselwelt sollen ­abschalten und ausspannen können.»

Sechsgängiges kulinarisches Spektakel

Wer nicht im Hotpot sitzt oder in der Sauna schwitzt, hat sich im ­Arvenholzsaal vors Cheminée gesetzt und sich hinter eine Lektüre gemacht, ­andere spielen Schach oder klopfen an einem der ­Salontische einen Jass. Und alle warten auf das Diner – es wird sich bald schon als kulinarisches ­Spektakel in sechs Gängen ­erweisen. Nach dem Auftakt aus gepfefferten Süsskartoffelgnocchi ­kombiniert ­Küchenchef ­Roman Crkon, ein 31 Jahre ­junger und bereits mit 14 «Gault-Millau»-Punkten ­ausgezeichneter Slowake, sein Himbeersorbet mit edelsüsser ­Paprika. Zum Hauptgang ummantelt er das Lammrack mit einer ­Petersilienkruste aus dem eigenen Gewürzgarten.

Das Genussmenü ist, so ­glauben alle, bevor sie sich zur Nachtruhe begeben, das absolute ­Grimselwelt-Highlight. Irrtum: Am Morgen werden sie von einer ­Sonne geweckt, deren Strahlen ein Panorama beleuchten, das jedem den Atem ­verschlägt. Oben der stahlblaue Himmel, dazwischen die verschneiten Gipfel – und ­darunter der See, auf dessen Grund das ­ursprüngliche Grimsel-Hospiz ruht. 1397 erstmals urkundlich ­erwähnt, gilt es als ältestes aller Hospize im Alpenraum. Es ­wurde von Lawinen verschüttet, von ­Soldaten geplündert und vom ­Feuer heimgesucht, bis es 1928 mit dem Bau der mächtigen ­Staumauer ­endgültig unterging.

«Eigentlich müsste jetzt ein Sturm aufziehen, dann kann die Seilbahn nicht fahren und wir ­bleiben noch ein bisschen hier oben», witzelt jemand am ­Frühstückstisch. Im Notfall jedoch werden die Gäste über das Stollensystem ­evakuiert – vom Hospiz durch den Berg bis hinunter ins Tal.

Die Reise wurde unterstützt von den Kraftwerken Oberhasli.

Erstellt: 27.01.2020, 11:55 Uhr

Die Grimselwelt entdecken

Anreise mit Bahn und Auto via Bern oder Brünigpass nach Meiringen bis Innertkirchen. Organisierte Weiterreise mit Postauto, Luftseilbahn und Stollenbus (74 Fr. p.P.). DZ im Grimsel Hospiz mit Frühstück ab 330 Fr. Geöffnet Mittwoch bis Sonntag bis 5. April.

www.grimselwelt.ch

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