Steak statt Spuk

Das Château Salavaux unweit des Murtensees ist ein Refugium mit guten Geistern und ohne falsche Allüren

Das Pächterpaar Raymond Schauss und Heidi Schauss-Villiger vor dem Schloss Salavaux. Foto: Marco Zanoni (Lunax)

Das Pächterpaar Raymond Schauss und Heidi Schauss-Villiger vor dem Schloss Salavaux. Foto: Marco Zanoni (Lunax)

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In rotem Wams, paillettenbestickten Kniebundhosen und Schnallenschuhen würde Raymond Schauss im nahen Amphitheater von Avenches glatt als Operndarsteller durchgehen. Doch der 62-jährige Hotelier ist Teil eines eigenen Programmes. Gerade schwört er 150 Gäste, die sich auf der Terrasse des Château Salavaux an Weisswein und Häppchen laben, auf einen noblen Abend ein.

Schauss erzählt von der Geschichte des Schlösschens und wünscht guten Appetit, bevor er die Kluft des Landedelmannes mit der Arbeitskleidung des Küchenchefs vertauscht und nach dem Kalbsrollbraten im Ofen sieht. Raymond Schauss hat mit seiner Frau Heidi nicht nur Drillinge grossgezogen, sondern führte auch diverse Hotels zwischen Bad Ragaz und Mürren. Seit sechs Jahren sind die beiden Gastgeber auf Château Salavaux – ein Knochenjob mit 7-Tage-Wochen von April bis Oktober.

«Wir machen das mit Leidenschaft», versichert Heidi Schauss-Villiger. Unterstützt wird das Pächterpaar von sechs Angestellten sowie Freelancern, die vor allem bei Events wie etwa dem Kalbsrollbraten-Dinner zum Team stossen.

Sommerfrische für reiche Berner

Die drei Kronleuchter, die das Festmahl in der Grande Salle illuminieren, wurden 2009 bei der Metamorphose des Château zum Hotel aufgehängt. Vorher hatte der Landsitz andern Zwecken gedient. Die Berner Patrizier de Wattenwyl und Bindhemmer hatten das Schlösschen 1594 im Renaissancestil errichtet, in sumpfigem Gelände, einen Kilometer vom Murtensee entfernt. Weitere herrschaftliche Anwesen am Mont Vully zeugen vom Drang reicher Stadtberner, die Sommerfrische im welschen Untertanengebiet zu verbringen.

Der von einer Wetterfahne gekrönte Turm des Château Salavaux stammt aus jener Zeit wie auch die dicken Eichenbalken und grobes Mauerwerk. Für den dauerhaften Betrieb in der kalten Jahreszeit bleibt das Château ungeeignet. «Die Heizkosten würden explodieren», sagt Raymond Schauss. «Wir öffnen November und Dezember nur tageweise für angemeldete Veranstaltungen.»

Beim Ausbau zum Schlosshotel wurden die ehemaligen Wirtschaftsgebäude durch einen gläsernen Mittelteil ans Hauptgebäude angeschlossen. Die Spezialität des Restaurants verkündet der Name: Der gelernte Metzger Schauss lässt für die Gäste in «Rays Best Beef» Filet, Rumpsteak und Entrecote am Knochen reifen. Den 17 Zimmern im Château fehlt überbordender Luxus, sie sind aber geschmackvoll und sehr solide eingerichtet.

Bei Ausflügen realisiert man, in einer aufregenden Gegend gelandet zu sein: Zum Amphitheater von Avenches oder zu den Wehrgängen von Murten sind es nur ein paar Autominuten, ebenso zum Strandbad von Cudrefin am Neuenburgersee, wo man an langen Tischen im Restaurant Popeye die schönen Seiten des Lebens geniesst. Auf dem Areal der Strafanstalt Witzwil jenseits des Kanals zwischen Neuenburger- und Murtensee toben Schweine über eine riesige Weide, am Mont Vully stakst ein frisch geborenes Fohlen hinter der Mutter her.

Diese Idylle vermarktet der originellste Cheftouristiker der Schweiz. Philippe Tisserand bewirtete 30 Jahre die Gäste in der Asphaltmine im Val de Travers, jetzt zeigt er der Branche, was Kundennähe ist: «Weil mein Büro in einem Restaurant liegt, können sich die Gäste von morgens sieben Uhr bis Mitternacht mit Informationsmaterial eindecken», sagt Tisserand. «Obwohl ich nur 60 Prozent arbeite, nehme ich übers Handy Anrufe von Gästen von morgens früh bis zum Schlafengehen entgegen. Selbst in den Ferien in Spanien.» Der Tourismus-Chef von Vully-les-Lacs erklärt sein skurriles Dauerengagement: «Wenn schon mal ein potenzieller Gast anruft, so darf man diese Chance nicht verschenken.»

«Hier wachsen Äpfel, keine Cola»

Stolz ist Philippe Tisserand auf den 800 Meter langen Natursandstrand von Salavaux – der längste im europäischen Binnenland. Er wird flankiert vom TCS-Campingplatz. Seit letztem Jahr führt Tisserand am südlichen Ufer des Murtensees einen Strandkiosk mit beschränktem Angebot: «Glace, Wasser und Apfelsaft müssen reichen», schmunzelt der Tausendsassa: «Wenn jemand Cola verlangt, sage ich: Hier wachsen Äpfel, keine Cola.»

Natürlich ist die Getränkekarte im Château Salavaux viel üppiger bestückt, eine Dienstleistung können die Gäste aber nur in den öffentlichen Räumen nützen: In den Zimmern gibt es weder WLAN noch Fernseher. «Wer zu uns kommt, soll sich entspannen können und runterfahren», sagt Raymond Schauss zum Digital-Detox-Konzept. Es gab schon Kundschaft, die das Kleingedruckte übersehen hatte und verärgert abreiste. Sie hatte wohl auch das beeindruckende Interieur, die Kühe auf der Weide vor den Schlossfenstern oder den Herrn des Hauses in seinen verschiedenen Rollen übersehen.

Château Salavaux, Salavaux VD, DZ/F ab 239 Fr., www.chateausalavaux.ch ;www.vully-les-lacs-tourisme.ch



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Erstellt: 31.05.2019, 16:28 Uhr

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