Wandern im Rebenland – ein Gedicht

Sonntagsausflug in den Klettgau, wo der Blauburgunder reift und Wege 10'000 Jahre Geschichte erschliessen.

Sanft eingebettet: Wilchingen zwischen Weinbergen und Hügeln. Foto: swiss-image.ch

Sanft eingebettet: Wilchingen zwischen Weinbergen und Hügeln. Foto: swiss-image.ch

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«Die flache Schale des weiten Tales erhebt den Saum zur Anmut der Hügel.»
Hans Ritzmann, Klettgauer Heimatdichter

Der milde Spätsommer hat den Trauben noch mal richtig eingeheizt. Vielleicht wirds ja doch noch was mit dem diesjährigen Wein.

Hoch über den Rebbergen, auf halbem Weg zwischen Wilchingen und Osterfingen, klafft das Winterlislöchli in der Nagelfluhwand, eine geräumige prähistorische Höhle, die schon vor zehntausend Jahren Menschen beherbergt hat. Von der sonnenüberfluteten Terrasse schweift der Blick über sanfte, von eiszeitlichen Gletschern geschliffene Hügelzüge. Davor liegt der schaffhausische, dahinter der badische Teil des Klettgaus.

Der Blauburgunder hat den Gaumen verwöhnt, jetzt belebt er die Fantasie – und die Vergangenheit: Über dem Feuer beim Höhleneingang hängt eine Bärenkeule im Rauch. Unten, wo die Rebstöcke die Talsenke erreichen, trottet eine Mammutherde zum Bach.

Achttausend Jahre liegen zwischen der Jungsteinzeit und dem alten Römerreich, noch einmal tausend Jahre trennen dieses vom Mittelalter. Im Klettgau allerdings verbinden wenige Minuten die Epochen: Der Zeitenwanderer kann, wenn er von der prähistorischen Höhle aufbricht, sich nach rechts wenden oder aber sich links halten – nach jeweils wenigen Hundert Metern gelangt er entweder im Westen nach Wilchingen, wo der Römerweg in Richtung Trasadingen beginnt, oder im Osten nach Osterfingen, wo der mittelalterliche Räuberweg ins naturgeschützte Wangental führt, und weiter zum «Himmelriich», dem schönsten Aussichtspunkt der ganzen Region.

Wo Höhlenbewohner dem Urbären nachstellten, Raubritter Transportwege belagerten und die Römer mit den Alemannen Händel ausfochten und Handel trieben, da ist Hans Ritzmann «dihaam», will heissen: daheim. «De Chlättgi isch mini Häämet.»

Der 83-jährige Winzer war 26 Jahre lang Gemeindepräsident in Wilchingen, als Laienrichter und Heimatdichter hat er den Status einer lebenden Legende erworben. Er setzt sich im Hof der frisch renovierten Osterfinger «Bergtrotte» in den Schatten und bestellt einen «1584er» – den Rebensaft, dessen Name das Alter des Weinguts verrät, auf dessen Boden er gewachsen ist. Nicht nur der Wein, auch der Humor der Klettgauer Winzer ist zuweilen ganz schön trocken, was der Name eines Tropfens zum Ausdruck bringt, den zwei Winzer aus zwei Dörfern gemeinsam gekeltert haben. Auf der Etikette stehen, in schönstem «Chlättgi»-Dialekt, vier Buchstaben: «Zwaa».

So reden sie halt, die Klettgauer, und ganz bezeichnend, erklärt der Mundartdichter, sei die Endung «ing»: «Mir läsed kei Ziitig, sondern d Ziiting.» Und wie tönt denn so ein ritzmannsches Mundartgedicht? Er lächelt – und rezitiert: «Wär ufem Friedhof und dai uf de Gräber Nu no bekannti Näme cha läse Dä isch halt selber au nüme de Jüngscht.»

Üsen Wyy und Herbstschüblinge auf dem Grill

Sie haben nicht nur ihren eigenen Dialekt, sie seien auch sonst recht eigen, erklärt Ritzmann. Die Klettgauer, durch den Rhein vom Rest der Schweiz isoliert, auf drei Seiten «vo de Schwobe» umzingelt und nur über einen schmalen Korridor mit der östlichen Hälfte des Kantons verbunden, seien «halt scho nüechterni Type; aber für daa hämmer jo üsen Wyy!»

Der Pinot noir gedeihe hier so gut, fährt er fort, weil der kalkhaltige Boden so fruchtbar und das Klima im Regenschatten des Schwarzwaldes so mild sei. Deshalb wohl haben die lokalen Tourismusförderer dem Wegstück, das von der Bergtrotte hinauf zum Winterlislöchli führt und die Lücke zwischen Räuberweg und Römerweg schliesst, noch einen dritten Namen gegeben: Genussweg.

Zurück auf der Terrasse vor der Höhle, rechtzeitig zum Sonnenuntergang. Jetzt wird deutlich, dass die Schatten im Tal keine Mammuts sind, sondern gewöhnliche Rindviecher. Es hängt auch keine Bärenkeule im Rauch. Was auf dem Grill brutzelt, sind Herbsterschüblinge – nicht etwa Schüblige.

Das Mammut wird schon noch auftauchen, noch ist der Blauburgunder nicht entkorkt.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 19.09.2016, 10:31 Uhr

Service

Anreise Mit dem PW von Zürich via Bülach, Jestetten D nach Osterfingen. Mit dem ÖV via Schaffhausen nach Wilchingen.
Essen Restaurant Bergtrotte, Osterfingen. www.bergtrotte.ch
Trinken Kellerei Hedinger, Wilchingen. www.hedinger.ch, Herbstfest; Trottenfest Osterfingen, 8./9. Oktober 2016, www.genussherz.ch

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