Wer in Basel ablegen will, tut sich schwer

Die Passagierflussfahrt auf dem Rhein boomt – trotzdem sind die Häfen nur schwer erreichbar.

Die Ausnahme unter den Basler Rheinhäfen: Wer in St.  Johann an Bord geht, kann mit dem Tram direkt bis zur Anlegestelle fahren. Foto: Picture Alliance

Die Ausnahme unter den Basler Rheinhäfen: Wer in St. Johann an Bord geht, kann mit dem Tram direkt bis zur Anlegestelle fahren. Foto: Picture Alliance

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wenn es um ihren Fluss geht, beginnen die Baslerinnen und Basler gerne zu träumen. «Z’Basel an mym Rhy» stimmen sie dann an, ein Lied, dessen Text Johann Peter Hebel geschrieben hat. Wenn es um die Sache selbst geht, blenden sie die Realität aber gerne aus. Für die rund 120'000 Passagiere, die im letzten Jahr in Basel ihre Reise auf dem Rhein begannen oder beendeten und nicht mit Bussen der Veranstalter zum Steg chauffiert wurden, bedeutete dies häufig mehr Frust als Lust.

«Definitiv wäre eine bessere Verbindung des Terminals Dreiländereck und der Anlegestelle am Klybeckquai ­wünschenswert», sagt etwa Jef Pelkmans, Sprecher der Schweizer Reederei Scylla. Auch Thurgau-Travel-Gründer Hans Kaufmann findet: «Diese beiden Anlegestellen sollten optisch aufgewertet und besser ans ÖV-Netz angeschlossen werden.» Die nächste Tramhaltestelle befinde sich nämlich 10 bis 15 Minuten entfernt. «Das ist für ältere Leute mit Koffern unzumutbar», sagt der Thurgauer Unternehmer. Hilfreich wäre zum Beispiel ein Shuttle-Service, ist er überzeugt. Gleiches fordert auch Pelkmans, der deshalb ein Fragezeichen hinter das Preis-Leistungs-Verhältnis setzt. Schliesslich gäbe es günstigere Häfen als Basel, sagt er.

Die Flotte mit Schweizer Kreuz am Heck wächst

Zufrieden zeigt man sich bei den Veranstaltern von Flusskreuzfahrten mit der Anlegestelle St. Johann. Diese liege ideal, weil sie mit dem Tram direkt erschlossen sei. «Zudem bietet sie einen schönen Ausblick auf den Rhein, die Stadt und ihre Brücken», findet Kaufmann. Lobend erwähnt er auch, dass hier viel in die technische Ausstattung investiert worden sei. Dank elektrischen Anschlüssen können die Schiffe ihre Motoren während des Aufenthalts abstellen. Dies sei umweltfreundlicher und für Gäste wie Anwohner mit weniger Lärm verbunden.

Basel hat zwar weltbekannte Museen und eine gepflegte Innenstadt. Im Kern ist die Rheinstadt im Dreiländereck zu Südbaden und dem Elsass aber eine Handelsmetropole und ein milliardenschwerer Werkplatz für die exportgetriebene Pharma – ein wirtschaftlicher Hotspot, wo die Kamine noch rauchen und das Erdreich stellenweise kontaminiert ist mit den Produktionssünden der Vergangenheit. Erschwerend kommt hinzu, dass die Laufwasserkraftwerke oberhalb der Stadt kaum zu überwindende Hindernisse darstellen.

Die Geschichte der Basler Personenschifffahrt ist lang. Am 28. Juli 1832 erreichte erstmals ein Passagierschiff die Stadt. Das Dampfschiff Frankfurt war ein Bote der Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Kabinenschiffe verkehren seit Mitte des letzten Jahrhunderts auf der 832 Kilometer langen Strecke zwischen Basel und Rotterdam NL. Aber selbst André Auderset, der Geschäftsführer der Schweizerischen Vereinigung für Schifffahrt und Hafenwirtschaft (SVS) in Basel, räumt offenherzig ein, dass die Branche häufig unterschätzt werde, obwohl sie einen «beachtlichen Wirtschaftsfaktor darstellt». So biete sie 6400 Arbeitsplätze im Bereich Hotellerie an Bord an, 1600 im nautischen Bereich und 350 im administrativen in der Schweiz. Gesamthaft bezahlt die Branche nahezu 70 Millionen Franken Steuern und Sozialabgaben von über 30 Millionen Franken pro Jahr.

Auch der volkswirtschaftliche Nutzen ist respektabel. «Wir gehen davon aus, dass ein Gast im Schnitt 65 Franken auf Landgang ausgibt», sagt Auderset. Dadurch resultiere ein jährlich wiederkehrender Umsatz von fast 8 Millionen Franken. Nicht nur Basel und die Umgebung profitieren von der Flusskreuzfahrt. «Ausflüge zum Matterhorn, an den Vierwaldstättersee oder ins Swissminiatur nach Melide mit Panoramafahrt über den Gotthard gehören heute vielfach zum Ausflugsprogramm», sagt Auderset. So profitieren auch andere Tourismusregionen von der Flusskreuzfahrt.

Ende 2017 waren 248 Schiffe unter Schweizer Flagge auf dem Rhein und seinen Nebenflüssen unterwegs. 153 von ihnen waren Kabinenschiffe. «44 Prozent oder knapp die Hälfte von ihnen tragen das Schweizer Kreuz am Heck», sagt Auderset. Ihr Anteil habe sich in den letzten zehn Jahren nahezu verdoppelt, was für den Erfolg des Schweizer Qualitätsmodells spreche. Aktuell gibt es 33'000 «schwimmende Hotelbetten» auf dem Rhein für jährlich 300j'000 Gäste.

«Grüne Kreuzfahrten» liegen im Trend

Interessanterweise brachte erst die Finanzkrise im Jahr 2008 die Branche so richtig in Schwung. Wurden 2005 noch rund 44'000 Passagiere in Basel gezählt, so waren es 2009 bereits über 78'000 und im Spitzenjahr 2014 über 130'000. Und das Wachstum dürfte mit Blick auf die weitgehend noch nicht erschlossenen asiatischen Märkte munter weitergehen. 2017 kamen fünf weitere neue Kreuzfahrtschiffe allein für den Rhein hinzu, für Rhein, Main und Donau zusammen waren es drei. Mehr Kapazität bedeutet auch mehr Vielfalt. So werden die Reiserouten zunehmend vom Rhein auf die Nebenflüsse ausgedehnt. Nicht nur die geografische Reichweite ändert sich. Um jüngere Kunden zu erreichen, werden neue Themenreisen angeboten, zum Beispiel Flusskreuzfahrten zu den schönsten Weihnachtsmärkten am Rhein. Im Trend liegen auch «grüne Kreuzfahrten».

Um der Nachfrage gerecht zu werden, wünscht sich Kaufmann mehr Anlegestellen in Basel. Flussabwärts werde etwa ein ganz neues Viertel mit viel Grün geplant, sagt er. «Schöne Flussschiffe machen doch die Atmosphäre noch maritimer», findet er. Gut möglich, dass dann auch die Gäste auf den Schiffen auf die Idee kommen könnten, «Z’Basel an mym Rhy, jo, dert möcht i sy!» anzustimmen.

Erstellt: 16.02.2019, 19:25 Uhr

Artikel zum Thema

Aladins Wunderland

In den Vereinigten Arabischen Emiraten erinnern neue Hotels an alte Zeiten. Sie sollen Leben in die Innenstädte bringen. Mehr...

Zwölf atemberaubende Zugfahrten

Reisen mit der Bahn ist im Trend, vor allem bei Schweizern. Hier sind zwölf der attraktivsten Bahnstrecken der Welt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Russische Torte: Indische Konditoren legen letzte Hand an eine essbare Kopie der Moskauer Basilius-Kathedrale, die sie für die 45. Kuchenausstellung geschaffen. (12. Dezember 2019)
(Bild: Jagadeesh NV) Mehr...