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«Allein hätte Andermatt es nie geschafft»

Ski-Ikone Bernhard Russi über das Wunder von Andermatt, nervige Kritiker und neue Projekte.

«Alles ist besser geworden»: Der Ex-Skirennfahrer Bernhard Russi ist heute im Verwaltungsrat von Andermatt Swiss Alps.
«Alles ist besser geworden»: Der Ex-Skirennfahrer Bernhard Russi ist heute im Verwaltungsrat von Andermatt Swiss Alps.

Jahrzehntelang hatte Andermatt von Soldaten gelebt. Sie brachten Geld, ohne dass man dafür viel tun musste. Das böse Erwachen kam, als sich die Armee nach dem Ende des Kalten Krieges aus der Alpenfestung zurückzog. Nun rächte es sich, dass Andermatt die touristische Entwicklung komplett verschlafen hatte. Hotels, Restaurants, Bergbahnen: Alles war hoffnungslos veraltet. Der Ort verfiel in eine kollektive Depression.

Und dann das! 2005 flog der ägyptische Investor Samih Sawiris über das Tal und ortete gewaltiges Potenzial. Fast eine Milliarde Franken hat er bislang ins Feriendorf Andermatt Swiss Alps gesteckt. Weitere 800 Millionen folgen. In den vergangenen fünf Jahren ist die Zahl der Logiernächte in Andermatt von 100'000 auf 130'000 gestiegen (über 50 Prozent Schweizer). Jetzt wird mit dem Radisson Blu das zweite Hotel eröffnet, und die komplett erneuerten Skigebiete von Andermatt und Sedrun sind erstmals miteinander verbunden.

Andermatts Entwicklung vom Bergkaff zum schmucken Ferienort mit einem Hotel von Weltruf (The Chedi) ist beispiellos. Ski-Ikone Bernhard Russi, 70, hat den wundersamen Wandel seines Heimatortes hautnah miterlebt.

Seit wann wohnen Sie wieder in Andermatt?

Hier habe ich immer gewohnt und auch Steuern bezahlt, obwohl das anderswo günstiger gewesen wäre. Im Unterland hatte ich vorübergehend einen Zweitwohnsitz.

Was ist heute im Dorf anders als vor zehn Jahren?

Das ursprüngliche Dorf hat sich kaum verändert. Aber alles, was schon da war, ist besser geworden. Andermatt hat qualitativ einen Quantensprung gemacht. Fast jedes Haus hat sich herausgeputzt. Selbst aus ein paar Ruinen sind Bijoux geworden. Einheimische haben sicher über hundert Millionen investiert. Das hat sich extrem positiv aufs Dorfbild ausgewirkt.

Alles dank Samih Sawiris?

Er gab den entscheidenden Kick, der alles veränderte. Aus eigener Kraft hätte Andermatt das Steuer ja nie herumreissen können. Man hatte zwar eine intakte Natur und viel Schnee, aber weit und breit niemanden, der mindestens eine halbe Milliarde Franken in eine moderne touristische Infrastruktur investiert hätte. Ohne Samih Sawiris wäre Andermatt von der touristischen Landkarte praktisch verschwunden.

«Ich wollte im Ort nie allzu sehr involviert sein. Doch ich musste umdenken.»

Haben Sie daran geglaubt, dass eines Tages ein Grossinvestor daherkommen würde?

Zumindest hatte ich es gehofft. Aber dass einer wie Samih Sawiris auftaucht, der mit einer Leidenschaft sondergleichen für sein Projekt zu kämpfen bereit war, das hätte ich nie für möglich gehalten. Was für ihn anfänglich noch eine normale Investition war, hat sich immer mehr zu einer Herzensangelegenheit entwickelt.

Wie wurden Sie ins Projekt involviert?

Ich lernte Samih Sawiris kennen, als er das zweite Mal nach Andermatt kam. Wir haben viel diskutiert, was in den Sparten Ski, Wandern, Biken, Golf und so weiter möglich wäre. Und was nicht. Als man mich dann für den Verwaltungsrat anfragte, war ich allerdings wenig begeistert. Ich wollte im Ort nie allzu sehr involviert sein. Doch ich musste umdenken. Das Projekt wurde immer konkreter, ich wurde immer häufiger darauf angesprochen. Und ich musste ja schliesslich wissen, wovon ich rede. Heute bin ich im Verwaltungsrat von Andermatt Swiss Alps und Skiarena Andermatt-Sedrun und kümmere mich hauptsächlich um die sportlichen Belange.

Es gab anfänglich auch Kritiker. Etwa den streitbaren Dorfarzt.

Die Bevölkerung hat seinerzeit mit über 90 Prozent für das Projekt gestimmt. Wenn es den kritischen Arzt nicht gegeben hätte, hätte man ihn wohl erfinden müssen.

Und wie ist heute die Stimmung im Dorf?

Sehr positiv. Die Einheimischen wissen ganz genau, wo sie heute ohne Sawiris stünden. Was wäre denn die Alternative gewesen? Immer weniger Arbeitsplätze, immer weniger Touristen, immer weniger Einnahmen. Die Bahnen machten jährlich eine halbe Million Verlust und wären früher oder später pleitegegangen. Heute herrschen Aufbruchstimmung und Optimismus. Das Dorf lebt wieder. Der Schreiner, der einst 2 Leute beschäftigte, hat heute deren 18. Und an der letzten Gemeindeversammlung konnte Andermatt den Steuerfuss um 8 Prozent senken.

Kritiker monieren, es fehle an günstigem Wohnraum für Einheimische und Angestellte.

Auf diesem Gebiet ist viel getan worden, und es tut sich auch noch viel. Es sind immer dieselben Sprüche, die man hört. Sie kommen meistens von Leuten, die vom Aufschwung nicht direkt profitieren.

Nach dem Luxushotel The Chedi wird jetzt das 4-Stern-Superior-Hotel Radisson Blu eröffnet. Im 2- und 3-Stern-Segment und bei den Familienhotels ist das Angebot dagegen eher dürftig.

Es fehlt vielleicht ein grosser Kasten mit 500 Betten, aber wir wollen den einheimischen Unternehmern ja auch etwas überlassen. Im Ernst: Das nächste Projekt ist ein Hotel im günstigen Preissegment, das ausschliesslich Eltern mit ihren Kindern aufnehmen wird. Es soll aber nicht irgendein Familien-hotel werden, sondern eines mit wegweisender Infrastruktur und tollen Angeboten.

Was wünschen Sie sich noch für Andermatt?

Etwas mehr Verständnis für den Tourismus, weniger von dieser leidigen «Ja, aber...»-Mentalität. Und das Bewusstsein, dass es dem ganzen Tal gut geht, wenn es dem Tourismus gut geht. Dann dürfen wir mit viel Optimismus in die Zukunft blicken.

Und Ihre persönliche Zukunft? Keine Sehnsucht nach dem Job als Ski-Kommentator?

Keine Sekunde. Ich möchte aber auch keine Sekunde meiner Zeit beim Fernsehen missen. Es war ein wunderbarer Lebensabschnitt. Derzeit beschäftige ich mich aber hauptsächlich mit dem Bau der Abfahrtspiste für die Olympischen Winterspiele 2022 in Peking.

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