Am Gardasee lernt der Mensch aufrecht gehen

Der See in Norditalien ist ein Treffpunkt für sportbegeisterte Frauen und Männer.

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Er gilt als der südlichste See Münchens – er liegt aber in Italien. Am Gardasee machen die Deutschen rund die Hälfte der rund drei Millionen Übernachtungen jährlich aus. In der Region bieten deutschsprachige Zahnärzte und Dermatologen ihre Dienste an, das Privatradio Antenne Bayern sendet in der Ferienzeit von dort.

Das nördliche Ufer des Lago di Garda ist aber nicht nur das Land der Bayern, sondern vor allem das der sportlichen Urlauber. Mountainbiker strampeln an den Flanken des Monte Altissimo di Nago; der thermische Südwind Ora lockt die Surfer nach Mittag aufs Wasser, und Kletterer kraxeln die gerillten Kalkfelsen hoch. Die Region ist ein Paradies für Unruhegeister, die in den Ferien nicht auf der faulen Haut liegen wollen. Die Vielfalt der Aktivitäten verführt Sportlerinnen und Sportler auch dazu, mal etwas Neues auszuprobieren.

Die Aktivferien der Journalistin beginnen am Klettersteig. Diesen sanften Einstieg in die senkrechte Welt begleitet Matteo Guardini. Er ist einer der sieben Bergführer, die für den italienischen Alpinisten Mauro Girardi arbeiten. Dieser hat seine Bergschule in Arco vor 15 Jahren gegründet. Jeder der Guides besitzt ein staatliches Zertifikat und ein Herz, das für die Berge schlägt. So auch bei Guardini, der an diesem heissen Nachmittag die kleine Gruppe zum Klettersteig Colodri führt. An seine Fersen heftet sich ein Mittvierziger, der sofort klarstellt: «Ich habe seit Jahrzehnten keinen Sport mehr getrieben.» Hinter ihm geht seine Tochter, die ihren Vater nur eines findet: peinlich.

Das Schlusslicht bildet die bergunerfahrene Journalistin. Ausgerüstet mit Helm und einem Klettergurt mit zwei Karabinern, erhält die Gruppe nach einem Fussmarsch durch ein Wäldchen ihre Instruktionen für die Wand. Vom Fuss des Colodri führt ein dickes Drahtseil die Felswand hinauf. Bei jeder Halterung heisst es: Karabiner ausklinken und wieder einklinken. Erst der eine und dann der andere – damit immer ein Karabiner gesichert ist. Zuerst führt der Weg durch Geröll und kleine Büsche, später durch Spalten und immer steiler über kleine Felsplateaus. Leitern aus Metallbügeln helfen über die sonst nicht überwind­baren Wände.

Bergziegen jagen das Salz aus dem Schweiss

Die Jugendliche klettert geschickt hinter dem jungen Italiener. Sie hat Spass – wohl auch, weil ihr Vater hinter der Journalistin klettert und damit ausser Reich- und Hörweite ist. Ausklinken, einklinken – das Sichern mit dem Karabiner nimmt die Konzentration in Beschlag. Sie verdrängt damit die Angst vor der Höhe. Ehe sich die Bergnovizin versieht, steht sie mitten in der Wand, überwältigt von der Aussicht auf den See. Bevor die Knie weich werden, spornt der junge Italiener aber schon wieder an: «Avanti – steil ist geil!»

Ein letztes Mal ausklinken und einklinken. Dann haben wir die Felskante erreicht, ein paar Hundert Meter weiter warten beim Gipfelkreuz des Colodri zwei Berg­ziegen. Sanft, aber penetrant versuchen sie, Jagd auf das Salz der verschwitzen Beine und Arme zu machen. Der Abstieg lockert nicht nur die verhärteten Muskeln, sondern auch die angespannten Nerven. Der junge Italiener führt die Gruppe pfeifend zurück nach Arco, die Jugendliche plaudert nun sogar entspannt mit ihrem Vater.

Wie sich am zweiten Tag herausstellt, war die dreistündige Klettersteigtour das perfekte Aufwärmen für die «alpine Wanderung via 92° Congresso». Der Begriff Wanderung wird dem vierstündigen Abenteuer hinauf auf den Monte Baone jedoch nicht gerecht. Denn die Route führt eine Felskante entlang. Gefragt sind Trittsicherheit, Schwindelfreiheit, gutes Gleichgewicht und auch ein bisschen Mut für eine kurze, leicht überhängende Passage.

Ein Jauchzer macht dem Hochgefühl Luft

Mauro Girardi, der Chef persönlich, führt die Tour an diesem Sommermorgen. Er sieht so aus, wie ein Bergler ausschauen muss: wettergegerbte Haut, lange grau melierte Haare, raue Hände, leicht zugekniffene Augen. Er gehört zu dem Schlag Mensch, der sich am steilen Fels wohler fühlt als in seinen eigenen vier Wänden. Er sichert die Bergnovizin mit einem Seil und beobachtet, wie sie beklommen nach unten blickt und die Hände kaum von den Felsen lösen kann. «Was bist du eigentlich, ein Affe oder ein Mensch?», will er belustigt wissen. «Nur Mut, in diesem Gelände kannst du aufrecht gehen – Hände und Arme brauchst du höchstens für die Balance.»

Mit jedem Meter wächst das Selbstvertrauen. Mit ein wenig Gelassenheit lässt sich ein grosser Teil der Strecke bewältigen, ohne die Hände einzusetzen. Die Tour ist durchsetzt mit Passagen, in denen der erfahrene Alpinist voransteigt und die nachkletternde Flachländerin von oben sichert.

Der Ausblick vom Monte Baone hinab auf die Olivenhaine und den spiegelglatten See ist grossartig und wäre Lohn genug für diese alpine Tour. Was aber unvergesslich bleiben wird, ist das Gefühl, beim Aufstieg über sich hinausgewachsen zu sein. Diese antrainierte Courage ist auch am nächsten Morgen sehr nützlich, denn es wartet die Schlucht des Rio Nero. Grotten, Wasserfälle und grosse, moosbewachsene Steinbrocken sind die ideale Kulisse fürs Canyoning.

Eingepackt im Neoprenanzug, im Flussbett über Felsen kraxeln, kleine Rinnen runterrutschen und in naturgeformten Badewannen landen – unweigerlich fühlt sich die Erwachsene in ihre Kindheitsabenteuer zurückkatapultiert. Bis die dreiköpfige Gruppe an einer Felskante steht – zehn Meter Abgrund vor sich. «Niemand springt, der sich dabei nicht absolut wohl und sicher fühlt», sagt Guide Devid Mambrini. Ein Blick in die Tiefe – und der Mut vom Vortag ist weg. «Das macht nichts, es ist nicht der letzte Sprung.»

Das Kneifen lohnt sich aber, wie wir bald merken: Denn statt zu springen, werden wir nun mitten durch den Wasserfall abgeseilt, was mindestens so eindrücklich ist. Und wie angekündigt steht die Gruppe bald wieder auf einem Felsen, nur ist der Sprung diesmal nicht ganz so tief. Ein bisschen Überwindung kostet der Schritt ins Leere, doch kaum legt sich nach dem Auftauchen die Schnappatmung, macht ein Jauchzer dem Hochgefühl Luft.


Die Reise wurde unterstützt von Eurotrek (SonntagsZeitung)

Erstellt: 01.09.2017, 09:52 Uhr

Infos: Aktivferien

Anreise Mit dem Auto durch den Gotthard und über Mailand oder den Ofenpass und Meran an den Gardasee. Mit dem Zug über Mailand nach Peschiera del Garda. Von dort mit dem Bus weiter.

Aktivferien Die halb geführte Tour Aktivferien am Gardasee ist über Eurotrek buchbar. Von Ende August bis Anfang Oktober kosten sieben Übernachtungen im Viersternhotel Caravel in Torbole 995 Franken. Das Arrangement beinhaltet Frühstück und fünf Aktivitäten mit Betreuung durch professionelle Bergführer.

Buchen Eurotrek, www.eurotrek.ch Tel. 044 316 10 00.

Allgemeine Infos www.gardasee.de

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