Auf der Himmelsleiter

Die Via Alta della Verzasca im Tessin ist eine der schönsten und spektakulärsten Gratwanderungen.

Als würde ein Reset-Knopf gedrückt: Zwischen der Borgna- und der Cornavosa-Hütte, die Cima della Cengia della Pecora im Rücken. (Foto: Roberto Buzzini)

Als würde ein Reset-Knopf gedrückt: Zwischen der Borgna- und der Cornavosa-Hütte, die Cima della Cengia della Pecora im Rücken. (Foto: Roberto Buzzini)

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Der Sassariente ist der erste Fixpunkt. Als markanter Zahn thront er hoch über der Magadinoebene und wuchtet seit den Zwanzigerjahren ein grosses, stählernes Kreuz in den Tessiner Himmel. Wir haben uns die ersten 500 Meter Aufstieg geschenkt und sind mit dem Alpentaxi auf die Monti di Motti gefahren. Von dort führt unser Weg durch lichte Wälder bis zu eben dieser Aussichtskanzel. Sassariente ist nicht nur mit Haltegriffen und Seilen gesichert, sondern auch über eine abenteuerliche Holzstiege zu erklimmen. Wir haben uns die Via Alta della Verzasca (VAV) vorgenommen, eine der schönsten und spektakulärsten Alpinwanderungen, die in einer kühn geschwungenen Linie über die wilden, entlegenen Grate der Bergkette zwischen dem Verzascatal und der unteren Leventina führt. Sie ist auch eine der anspruchsvollsten Weitwanderrouten der Alpen.

Immer wieder kehren Leute beim Einstieg um, auch solche, die mit Bergführern unterwegs sind. Ob es unsere Dreiergruppe schaffen wird, wird sich weisen. Das Wetter jedenfalls zeigt sich von der wohlwollenden Seite. Für die kommenden fünf Tage ist ein stabiles Hoch angekündigt.

Die Grate gleichen dem Rückenkamm eines Sauriers

Vom Sassariente schwingt sich eine gut einen Meter hohe Trockenmauer über den Grat zur Cima di Sassello, dem nächsten Gipfel. Die Mauer ist als «Polenmauer» bekannt. So weit wie möglich laufen wir auf den aufgeschichteten Steinen weiter. Auch diese Mauer ist ein Vorgeschmack. Wie der Rückenkamm eines zahmen Drachens zieht sie sich über die grasbewachsenen Hügel. Ein ganz ähnlicher, aber naturgeschaffener, archaischer Drachenkamm aus imposanten Felstürmchen und schroffen Steilwänden wird sich über die Felsrücken ziehen, denen wir in den kommenden Tagen begegnen werden.

Bald rückt die Capanna Borgna in den Blick, der offizielle ­Ausgangspunkt der Via Alta della ­Verzasca. Hier hatten Mitglieder der Società Escursionistica Verzaschese Anfang der Neunzigerjahre die Idee, mit einem Weg über die Grate die entlegenen Alphütten des Verzascatals miteinander zu verbinden. Manchmal, wie auf der Alp Cornavosa, die erst 2010 fertig erneuert wurde, umfassen die Alpsiedlungen eine ganze Gruppe von Bauten.

Auch die Capanna Borgna besteht aus zwei restaurierten Sennhütten. Am grossen Steintisch sitzt ein Paar in der Abendsonne. Es macht am Rand der Via Alta eine zweitägige Rundtour auf rot-weissen Bergwanderwegen, die auch bei Familien beliebt sind. Ein junger Deutscher klettert aus dem Schlafraum des Nebengebäudes, Wolfgang will «die VAV machen» – allein, was verantwortungslos ist.

Aus den steilen Halden steigt der Geruch von Harz auf

Dabei sind diese Touren schön. Es ist, als würde in dieser Höhe ein Reset-Knopf gedrückt. Eine Grundgelassenheit stellt sich ein, und vieles, was normalerweise unverzichtbar erscheint, spielt plötzlich keine Rolle mehr. Nur der Speckgeruch mitten in der Nacht erweist sich als gewöhnungsbedürftig. Als wir anderntags aufstehen, sehen wir auf den Matratzen neben uns drei junge Männer tief schlafen. Wir hoffen, dass sie andere Pläne haben als wir und sich das mitternächtliche Brutzeln in der nächsten Hütte nicht wiederholen wird.

Der Wegbeschrieb kündigt den zweiten Tag als schwierigste Etappe an. Scharfkantig tritt hinter dem Poncione di Piotta ein Felskranz hervor und lässt auf ein Amphitheater von senkrecht abfallenden Felswänden schliessen. Mal laufen wir durch grasige Halden, wo das durch die Sonne aufgewärmte Harz von Alpenrosen und Wachholder in die Nase steigt und sich von den herbstlich gefärbten Blättern der Heidelbeerstauden ein rot glühender Schimmer über die Hänge legt. Mal steigen wir vorsichtig schräge Platten hinab oder suchen in steilen Halden auf Grasbüscheln festen Tritt. Hin und wieder helfen sparsam gesetzte Halteklammern, an den exponiertesten Stellen auch ein Seil. Und immer wieder spannen sich zwischen die Gipfel die Drachenkämme, wo sich der Fels senkrecht zu einem Laufsteg aufstellt und wir wie auf einer Himmelsleiter dem nächsten Gipfel entgegengehen. Einmal schauen zwei Steinböcke gelassen auf uns herab, einmal springt eine Gams davon.

Der Monte Rosa zeigt sich von seiner schönsten Seite. Gegen Osten rückt die vergletscherte Flanke des Rheinwaldhorns ins Blickfeld, und als wir weiter nach Norden gelangen, zeigt sich der breite Gletscherschild des Basòdino. Winzig klein dagegen die Talschaften der Leventina, die wir bei schwindelerregenden Blicken in die Tiefe zwischen den Einschnitten der wilden Seitentäler erhaschen.

Mit den Speck bratenden Jungs haben wir Freundschaft geschlossen. Von Hütte zu Hütte sehen wir uns wieder. In der Capanna CognÓra etwa, die wie ein Adlerhorst hoch über Sonogno liegt, geht gerade die Sonne unter. Die Bergflanken versinken in Schattierungen von dunklem Blau, und eine samtige Stille legt sich über die Alp, während neben der Corona di Redòrta eine feine Mond­sichel aufsteigt und bald auch der erste Stern zu sehen ist.



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Erstellt: 03.08.2019, 17:30 Uhr

Anreise: Mit dem Zug bis Locarno, dann mit dem Postauto Richtung Verzascatal.

Route: Anspruchsvoller Alpinwanderweg über die Grate zwischen Verzascatal und unterer ­Leventina. Route durchgehend blau-weiss markiert. Vier bis fünf Tagesetappen von je 8 bis 10 Stunden Dauer. Schwierigkeitsgrad: T5 bis T6, mit Kletterstellen bis zum dritten Grad. Bei Nässe, Schnee oder Eis lebensgefährlich.

Empfohlen: Juli bis September

Hütten und Proviant: Die Hütten sind unbewartet, aber mit einem Vorrat von Grundnahrungsmitteln wie Pasta, Reis oder Pelati ausgestattet. Frühstück und Tagesverpflegung müssen mitgebracht werden. Verantwortlich für die Hütten Luciano Tenconi, Tel. 091 745 28 87, www.sev-verzasca.ch

Allg. Infos: Tourismusbüro Tenero, www.ascona-locarno.com

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