Butter und andere Kunstwerke

Auf dem Ballenberg, dem Freilichtmuseum der Schweiz, lässt sich Heimatkunde erlaufen, erleben und erschmecken.

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Der Spass fängt schon beim Eingang West an. In der Villa Schafroth geht es vier steile Stockwerke hoch, wenn man den gehobenen Lebensstil der vermögenden Burgdorfer Familie nachempfinden will. Allerlei Zierrat und Laubsägeli­arbeiten schmücken das Haus. Alte Trachten, Musikinstrumente und festlich gedeckte Tische fallen ins Auge.

Draussen auf der Veranda übt sich eine Wanderin im Talerschwingen und spielt einige Takte auf dem Xylofon. «Wenn man Klavier spielen kann, geht das wie von selbst», sagt sie zufrieden und schreitet von dannen.

2019 können Besucher am Wochenende selber einen Ziegel für ein Ballenberger Dach formen.

«Mach mit» ist das Motto des Jahres auf dem Ballenberg. Hier im Berner Oberland wird veranschaulicht, wie es einmal war. Historische Häuser aus allen Landesteilen der Schweiz sind zu sehen. Nicht wenige sind über hundert Jahre alt. 250 Tiere tummeln sich auf Feldern und Wiesen.

Erstmals können die Besucher aus Lehm Ziegel brennen. Es braucht dazu nicht nur Erde, Sand, Wasser und Feuer, sondern auch jede Menge Geschick und Kraft, bevor die Ziegel im Museum verbaut werden können.

Der Gang zum Metzger wird nicht verheimlicht

Die Sonderausstellung «Die Kuh – 1000 Dinge und echter Mist» zieht viele Familien an. Glocken, Melkschemel und Trachten sind zu bewundern. Kinder beugen sich neugierig über Papierkühe, um sie auszumalen. Die fertige Matilda hängen sie mit grünen Hufen und roten Socken an die Wand. Amanda, gestreift wie ein Zebra, folgt.

Klar haben Kühe Namen. Sie sind viel mehr als nur Wiederkäuer. Sie sind Werbebotschafter, Exportschlager, Arbeitstier, nationales Heiligtum. Die Kuh-Themen sind vielfältig: Milch auf Achse, Mist, das kostbare Gut, Butter und andere Kunstwerke. Alles über die Kuh ist hier zu lernen. Auch der letzte traurige Gang zum Metzger wird nicht verheimlicht.

Gleich gegenüber der Ausstellung macht sich die junge Ballenberg-Mitarbeiterin Olivia Grossniklaus an einem Holzstecken zu schaffen. Sie möchte den Zuschauern den einfachen Zugang zu Holzarbeiten vermitteln und bietet Workshops an. «Wir haben nur Holz und Schnur. Damit muss man auskommen», sagt sie stolz. «Es gibt keine Nägel, keinen Leim. Jetzt ist Fantasie gefragt.»

«Die schmeckt ja viel besser als zu Hause.»Pia (12) über ihre selbstgemachte Butter

Das Angebot im Museumsdorf ist riesig. Will man nun zuerst die filigranen Muster der traditionellen Klöppelarbeiten von Marianne Rubin aus Lauterbrunnen bewundern oder gleich weiter zu Moritz Koller? Der pensionierte Landwirt amtiert als geschickter Besenbinder und betreut in einem Bauernhaus die hauseigene Räucherei. «Nach oben schauen», fordert er die Besucher auf. Würste hängen über unseren Köpfen, aus 70 Prozent Schweine- und 30 Prozent Rindfleisch. Sie verströmen einen angenehmen Duft. Zusammen mit zwei Speckseiten bleiben sie drei Wochen lang dort, ehe sie im hofeigenen Laden verkauft werden.

Dass das Freilichtmuseum auch lustige Seiten hat, zeigt sich beim Buttermachen. Zehn Minuten lang schütteln die Gäste die Milch, bis sich das Milchfett zu einer kompakten Masse zusammenballt und sich von der Buttermilch trennt. «Die schmeckt ja viel besser als zu Hause», findet die zwölfjährige Pia, als sie nach getaner Arbeit die Butter probiert. Ihre Mutter schaut zwar pikiert, gibt aber zu: «So ist das nun mal, wenn man Neues lernt. Da erscheint vieles plötzlich in einem ganz neuen Licht.»

Ob in der historischen Drogerie oder im grossen Heilkräutergarten, im Duftkeller oder in der Arzneimittelherstellung: Überall werden die Besucher aufgefordert, genau hinzusehen, zu riechen, zu probieren und selbst Hand anzulegen. Man könnte noch Käse oder Schokolade herstellen, Schmieden, Spinnen oder herzige Schafe streicheln und Bauernhäuser erkunden. Nur so wird man erfahren, welche Unterschiede es zwischen den Kantonen gibt.


In Zusammenarbeit von SonntagsZeitung und dem Freilichtmuseum Ballenberg.

Erstellt: 17.06.2019, 13:20 Uhr

66 Hektaren Ausstellung

Anreise: Mit der Bahn bis Ballenberg Ost, Brienzwiler, oder Ballenberg West, Hofstetten bei Brienz.

Freilichtmuseum: Zwischen Eingang Ost und West liegen drei Kilometer Distanz. 66 Hektaren hügeliges, bewaldetes Land mit 110 Bauten (1336 bis um 1900) aus allen Kantonen. Das Mieten einer Kutsche ist möglich.

Öffnungszeiten: Bis 3. November, von 10 bis 17 Uhr.

Eintritt: Erwachsene 28 Fr., Kinder 14 Fr., Familien 63 Fr.

Verpflegung: Schöne Picknickplätze inkl. Wasser und Feuerholz zum Grillieren. Hausgemachte Spezialitäten in Läden: Brot, Wurst, Käse, Sirup und Früchte. Am Ausgang Ost: Produktion von Schokolade. Die schönen, aber wenigen Restaurants sind an Wochen enden stark besucht.

Veranstaltungen: Jeden Monat gibt es spezielle Anlässe. Höhepunkt dieser Saison ist der Foxtrail, die spannendste Schnitzeljagd der Schweiz, an der die ganze Familie oder Gruppen Spass haben können. Es geht darum, Rätsel zu lösen, Codes zu knacken, geheime Botschaften zu entziffern und die richtige Fährte aufzuspüren. Grips und Teamwork sind gefragt. Bis 18 Personen. Reservation empfohlen.

Open Air Ballenberg: Am 22. Juni ab 17 Uhr, mit Konzerten von Anna Rossinelli und Nils Burri, Essen und Trinken vom Food-Truck.

Info: www.ballenberg.ch

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