Dampfschwaden und Bartgeier

Sonntagsausflug nach Leukerbad, wo Thermalbäder und Bergbahnen Stille und Spektakel bieten.

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Zwischen Wolkenfetzen und Dampfschwaden wirft ein fahler Mond blaues Licht auf das eingeschneite Panorama. Schroffe Wände ragen senkrecht in den Nachthimmel. Tief im Innern hat dieses Gebirge im Laufe von Jahrhunderten das Wasser aufgeheizt, das dem Badegast im Aussenbecken der Alpentherme sprudelnd den Rücken massiert.

Er schliesst die Lider und gibt sich poesietrunken diesem Augenblick hin. «Verweile doch», fleht er stumm ihn an, «du bist so schön.» Goethe hat den Satz dem Faust in den Mund gelegt, kurz bevor dieser seine Seele dem Teufel vermachte.

Unter zwei Dutzend Schweizer Thermalbadeorten kann Leuker­bad drei Superlative für sich in Anspruch nehmen: Es ist das grösste – knapp vier Millionen Liter strömen täglich über vierzig Grad Celsius warm in die Bäder. Es ist das schönste – kein anderes Heilbad ist in eine vergleichbare Kulisse eingebettet. Und es hat die schlechteste Reputation: Vor zwanzig Jahren lastete ein Schuldenberg von über 340 Millionen Franken auf der einzigen Schweizer Gemeinde, die Insolvenz anmelden und unter Zwangsverwaltung gestellt werden musste.

Von Prunksucht war die Rede, von Grössenwahn und krimineller Misswirtschaft. «Wir haben unsere Lehren gezogen und uns gesund geschrumpft», sagt Gemeindepräsident Christian Grichting, der ein rigoroses Sparprogramm durchgepeitscht hat und seit Januar mit dem Label My Leu­kerbad neue touristische Horizonte erschliessen will. «Damit vereinen wir Bergbahnen und Thermalbäder und auch die Sportarena unter einem Dach», ergänzt Tourismus-Direktorin Mäggy Stark. «Wir signalisieren, dass Erfolg gemeinsam erarbeitet werden muss, dass wir Partner sind und keine Konkurrenten.»

Erlebnisbad und Alpentherme

Zwei Bahnen und zwei Bäder, die unterschiedlicher kaum sein könnten, decken nahezu alle Bedürfnisse ab. Die Leukerbad-Therme, einst als Burgerbad bekannt geworden, bietet vielfältiges Spektakel auf drei Ebenen, vom Sportbad über bunte Rutschbahnröhren und die Kneipp-, Sprudel- und Heiss-kalt-Becken bis zur farbenfrohen Lichtshow im Erlebnisbad. Wer Spass sucht, findet ihn hier. Genau wie auf den Pisten im Skigebiet, das von der Torrent-Seilbahn erschlossen wird.

Still und edel gestaltet sich das ­Badeerlebnis oben im Dorf, in der Alpentherme. Das einzige Spektakel, das hier geboten wird, ist der Aufguss in der Saunalandschaft: Da reicht der Saunameister kühles Bier in die schwitzende Runde und lässt den alkoholfreien Hopfensaft auf heissen Steinen zischend verdampfen. Wers noch ruhiger mag, zieht sich ins irisch-römische Bad zurück. Oder schwimmt durchs Hallenbad hinaus ins Aussenbecken, in die mondhelle Nacht.

Der Badegast kostet ihn aus, den schönen Augenblick, der doch ­bitte noch anhalten soll. Und wie er die Lider wieder öffnet und den Blick hebt zu den Bergen, fällt ihm dieses kleine Viereck am Horizont auf; die Bergstation der Gemmibahn, wie ein Vogelhorst zwischen Felszacken eingebettet. Dort soll der Bartgeier nisten, hat einer in der Chinchilla-Bar gesagt, von dort aus kann man zum Daubensee wandern, mit Langlaufski oder Schneeschuhen bis ins Bernische touren, bis nach Kandersteg. Dort will er hinauf, gleich morgen früh.

«Ob mir chunnt nu no dr Herrgott»

Dicht gedrängt stehen die Menschen in der kleinen, roten Seilbahnkabine, unter der Bergstation schauen sie in den gähnenden Abgrund, schauen wieder hoch und erschauern: Da draussen, ganz nah, schwebt in vollendeter Eleganz einer der Bartgeier, die ­irgendwo in diesen Wänden wohnen. Alle drängen mit gezücktem Smartphone ans Fenster, die Gondel gerät ins Wanken, einer greift zum Telefon an der Wand: «Haltet die Bahn an!» «Geht nicht», krächzt es zurück. «Wir haben einen Fahrplan einzuhalten!»

Die Walliser Gerstensuppe im Selbstbedienungsrestaurant ist ­berühmt, der Mann an der Kasse ebenfalls, doch kaum einer erkennt ihn.

Jaja, sagt Wolfgang Loretan, der Bartgeier sei schon lange hier oben, «ich weiss auch genau, wo die drei ihr Nest gebaut haben. Aber das verrate ich keinem ? sonst kommen sie wieder und stellen ihnen mit Drohnen nach.»

Wolfgang Loretan gilt als der heimliche König von der Gemmi, «ob mir», pflegt er zu scherzen, «chunnt nu no dr Herrgott»! Die Gemmibahn, das Berghotel Wildstrubel und die ganze Hochebene gehören der zwölfköpfigen Familien AG. Wolfgang Loretan ist deren Präsident und als Präsident der Burgergemeinde so etwas wie der Gegenspieler des Präsidenten der Munizipalgemeinde.

Von Grichtings My-Leukerbad-Marketingplänen hält Loretan, obwohl er auch in diesem Verwaltungsrat sitzt, herzlich wenig: «Die Gemmibahn macht da nicht mit; die war noch nie in den roten Zahlen!» Tief unten kurvt der Bus von Leuk über die Serpentinen herauf. Das einzige öffentliche ­Verkehrsmittel, das Leukerbad erschliesst, ist das Postauto.

Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Projekt: www.myleukerbad.org
Allgemeine Infos: www.leukerbad.ch
(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.02.2018, 15:37 Uhr

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