Das Universum an der Decke

Die Reise mit der Excellence Allegra führt in grossartige holländische Kleinstädte. Überraschungen sind garantiert.

Von hier hat das Kap Hoorn seinen Namen: Der Hafen von Hoorn am IJsselmeer. Foto: Pat Kerrigan/Alamy

Von hier hat das Kap Hoorn seinen Namen: Der Hafen von Hoorn am IJsselmeer. Foto: Pat Kerrigan/Alamy

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Energisch bearbeitet der Organist die Tasten, wuchtig erklingt die grosse Orgel in der Stadtkirche von Franeker. Der Musikus übt ein barockes Eingangsspiel für den Gottesdienst am Sonntag. Eigentlich möchte man sich ein paar Minuten niederlassen und die wunderbaren Klänge geniessen. Doch die Sitzgelegenheiten zu St. Jakob sind unbequem; Kniebänke laden zum demütigen Gebet.

Wir fahren für eine knappe Woche mit der MS Excellence Allegra kreuz und quer durch die Niederlande. Haben in Arnhem eingeschifft – unter den neugierigen Blicken einer Kuhherde, die am gegenüberliegenden Ufer eines Rheinarmes den Durst stillte. Wir haben die Grachten von Amsterdam, den Welthafen und die kühne Architektur von Rotterdam bewundert und sind an diesem Morgen in Harlingen von Bord gegangen. Einer der drei Schweizer Reisebusse, die dem Schiff treu folgen, hat uns nach Franeker gebracht. Hätten wir diese Kreuzfahrt nicht gebucht, wir wären wohl zeitlebens nie im Städtchen am Van-Harinxma-Kanal gelandet, wären nie über Kopfsteinpflaster zum historischen Rathaus gewandert, vorbei an Zierlinden und hübschen Backsteinfassaden. Die Sensation der 13'000-Einwohner-Stadt in Westfriesland verbirgt sich in einem unscheinbaren alten Bürgerhaus: das älteste noch funktionierende Planetarium der Welt. Der Hobby-Astronom Eise Eisinga, ein fleissiger Wollkämmerer, konstruierte zwischen 1774 und 1781 das mechanische Wunderwerk unter der Decke seiner Wohnstube.

Die Crew des Museums braucht nicht viel mehr zu tun, als die in einem Kleiderschrank untergebrachten Gewichte der Antriebsuhr einmal pro Woche hochzuziehen. An Eisingas Stubendecke ist das Universum dargestellt. Ein Millimeter in Franeker bedeutet eine Million Kilometer im Weltall. Das komplizierte Räderwerk, eine Pionierleistung der vorindustriellen Epoche, sorgt zum Beispiel dafür, dass Eisingas Saturn genau 29 Jahre und 164 Tage für die Tour um die Sonne benötigt.Die Allegra aus der Excellence- Flotte des Reisebüros Mittelthurgau legt auf der Fahrt von Arnhem nach Nijmegen via IJsselmeer 700 Kilometer zurück und passiert neun Schleusen. Manchmal öffnen sich deren Tore erst nach einer halben Stunde Wartezeit; es ist im Sommer viel los auf Hollands Flüssen, Kanälen und Meeren. Neben Kreuzfahrtschiffen, Segel- und Motorbooten sind unzählige Frachter und Tanker unterwegs.

Ein trutziger Wachtturm

Bewusst vermeiden wir hier die abgedroschenen Formulierungen von der Entschleunigung und dem Weg, der bei Flusskreuzfahrten auch das Ziel bedeutet. Aber Gelassenheit und Kriechgang gehören zu dieser Reiseform wie die Deiche und flunderflache Landschaft zu Holland. Manchmal geht es aber nicht so unaufgeregt zu und her. «Der Wind kann auf dem IJssel-, Marker- und Wattenmeer ganz schön stören», räumt Oleksy Barbuta ein, der ukrainische Kapitän der MS Excellence Allegra. «Bläst er mit 100 Stundenkilometern, so flüchten wir in einen Schutzhafen.» Kürzlich verkroch sich das 135 Meter lange Schiff mit Baujahr 2011 vor dem Sturm drei Tage lang in der alten Hafenstadt Hoorn.

Im 17. Jahrhundert war Hoorn am Markermeer Zufluchtshafen und wichtige Station der Vereinigten Ostindischen Kompanie. Der hier geborene Seefahrer Willem Schouten benannte einst Südamerikas Südspitze nach seiner Heimatstadt: Kap Hoorn.

Die «Schadenschätzung» als finaler Akt

Prachtvolle Kaufmannshäuser und ein trutziger Wachtturm am Hafen zeugen von früherem Glanz. Die Allegra liegt in Hoorn neben historischen Segelschiffen und fetten Jachten. Ein Dampftram fährt amüsierte Touristen durch den Ort, und der Barde Vader Abraham schrieb in einem Hoorner Lokal das Lied «Die kleine Kneipe», das Peter Alexander in den deutschsprachigen Raum trug.

All das kriegen die Allegra-Passagiere auf dem geführten Rundgang durch Hoorn mit. Und auf dem Schiff werden sie von der gewieften Reiseleiterin Sara Strebel mit weiteren, aber dosierten Infos gefüttert. Die nervenstarke Aargauerin schafft eine nestwarme Ambiance und erklärt mit Engelsgeduld einigen etwas begriffsstutzigen Kunden die Feinheiten des Bordlebens. Uns gefällt der Humor, mit dem sie zum Schluss der Reise die Gäste auffordert, die Rechnung für die Extraausgaben zu begleichen. «Schadenschätzung» nennt die Leiterin der Kreuzfahrt den finalen Akt.

Die Reise wurde unterstützt von der Reisebüro Mittelthurgau Fluss- und Kreuzfahrten AG, «Nordholland & Ijselmeer» 8 Tage mit der Exellence Allegra ab 1395 Fr. inkl. VP und An-/Rückreise, ab 10. 7., 25. 7. und 9. 8. 2018 www.mittelthurgau.ch/eaarn2

Erstellt: 17.02.2018, 17:27 Uhr

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