Der diskrete Charme des Zerfalls

Überwachsene Tempel, menschenleere Vergnügungsparks, verödete Einkaufszentren: Das sind die faszinierendsten «Lost Places» der Welt.

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Olympia-Bobbahn, Sarajevo
Bosnien-Herzegowina

1914 wurden der österreichische Erzherzog Franz Ferdinand und seine Frau Sophie in Sarajevo ermordet, was wesentlich zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs beitrug. 70 Jahre später herrschte in der damals zu Jugoslawien gehörenden Stadt Aufbruchstimmung: Die Olympischen Winterspiele wurden hier ausgetragen.

Doch dann zerfiel Jugoslawien; der Balkankrieg brach aus, und Sarajevo wurde ab dem 5. April 1992 während vollen 1425 Tage von serbischen Truppen belagert und beschossen. Mehr als 10‘000 Menschen kamen ums Leben. Die Olympia-Bobbahn wurde von den Belagerern als Artillerieposten genutzt. Die Ruine, übersät mit Einschusslöchern und Graffiti, zeugt noch heute vom letzten Krieg.

Tempel Ta Prohm, Siem ReapKambodscha

Die Tempelanlage von Ta Prohm ist nicht so gross und viel weniger bekannt als das acht Kilometer entfernte Angkor Wat, die berühmteste Sehenswürdigkeit Kambodschas. Doch die Ruinen haben einen speziellen Charme: Sie wurden in dem Zustand belassen, in dem sie die Restauratoren vorfanden. So sind riesige Bäume mit den alten Mauern eine Symbiose eingegangen. Die Vegetation wurde nur so weit wie nötig zurückgestutzt, um Besuchern den Zugang zu ermöglichen.

Diamantenstadt Kolmanskop, Namibia

Ein Diamantenfund löste 1908 einen Boom in Kolmanskop (deutsch: Kolmannskuppe) in der damaligen Kolonie Deutsch-Südwest aus. Ein Ortsschild in Frakturschrift erinnert noch heute daran. Die Stadt im Südwesten des heutigen Namibias wurde kurzfristig zu einem sehr wohlhabenden Ort. Als die Mine erschöpft war, wanderten die Bewohner ab. Sand drang durch Türen und Fenster der verlassenen Häuser; die Wüste nahm sich den Ort zurück.

Freizeitpark Six Flags, New OrleansUSA

Hurrikan Katrina wütete im August 2005 in New Orleans und hinterliess Zerstörung und Verwüstung. Auch der Freizeitpark Six Flags wurde so stark beschädigt, dass seine Wiederherstellung Millionen verschlungen hätte. Doch niemand wollte diese Investitionen tätigen, und so steht der Park bis heute verlassen da. Allerdings ist er ein beliebter Tummelplatz für Hobbyfotografen und wurde auch schon als Filmkulisse genutzt, etwa für den Thriller «Jurassic World», der 2015 in den Kinos lief.

New World Mall, Bangkok

Thailand

Die «Neue Welt» war 1982 Bangkoks allererstes Einkaufszentrum, ein voluminöses elfgeschossiges Gebäude im historischen Quartier der thailändischen Hauptstadt. Doch seit mehr als zwei Jahrzehnten ist das Untergeschoss überflutet und von Fischen bewohnt. Unkraut wuchert in den Rolltreppen, und den wenigen illegalen Besuchern flattern Fledermäuse um die Ohren. Der Grund? 1997 stellte sich heraus, dass das Gebäude illegal errichtet worden war: Es umfasste elf Stockwerke statt der vier in der Baugenehmigung vorgesehenen. Das Kaufhaus wurde bis auf das Erdgeschoss geschlossen, das noch bis etwa 2000 genutzt wurde. 2004 wurden sieben Etagen abgetragen; übrig blieb die vierstöckige, ungedeckte Ruine.

North Brother Island, New YorkUSA

Die Immobilienpreise in New York sind exorbitant, und dennoch gibt es in der Grossstadt brachliegende Flächen: North Brother Island ist eine 5,3 Hektar grosse Insel im East River zwischen der Bronx und Rikers Island. 1885 wurde hier ein Quarantäne-Spital namens Riverside gebaut. 1904 war die Insel Schauplatz der schlimmsten Schiffskatastrophe der US-Geschichte: Der Vergnügungsdampfer General Slocum geriet in Brand; 1021 Menschen kamen ums Leben. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Kriegsveteranen auf der Insel untergebracht, danach Drogensüchtige auf Entzug. Seit den 1960er-Jahren ist die Insel unbewohnt. Grünzeug wuchert in den Gebäuden, und eine Kolonie von Reihern hat sich eingenistet.

Insel Hashima, NagasakiJapan

Und noch eine verlassene Insel: Hashima, auch «Kriegsschiff-Insel» genannt, gehört zur japanischen Stadt Nagasaki. Von der Insel aus wurde von 1887 bis 1974 Unterwasser-Kohleabbau betrieben. Zeitweise lebten mehr als 5000 Arbeiter und Familienangehörige auf Hashima. Im Zweiten Weltkrieg wurden sie durch chinesische und koreanische Zwangsarbeiter ersetzt, von denen mindestens 1300 den unmenschlichen Arbeits- und Lebensbedingungen zum Opfer fielen. In den 1960er-Jahren gab es auf der Insel neben Büro- und Wohngebäuden auch Tempel, Badeanstalten, Kindergärten und Schulen, ein Kino, Geschäfte, Restaurants und ein Hotel, ein Spital und sogar ein Bordell. Anfang 1974 wurde der Bergbau beendet. Die Bewohner Hashimas waren auf einen Schlag arbeitslos und reisten ab. Das letzte Schiff verliess die Insel im April 1974. Seither ist sie unbewohnt.

Geisterstadt PrypiatUkraine

Prypjat im ukrainischen Oblast Kiew, eine Stadt mit zuletzt rund 50‘000 Einwohnern, war 1970 im Zusammenhang mit dem Bau des Atomkraftwerks Tschernobyl in nur vier Kilometer Entfernung gegründet worden. Nach der Reaktorkatastrophe von 1986 musste Prypiat überstürzt geräumt werden und liegt heute mitten in der noch immer unbewohnbaren 30-Kilometer-Zone um das AKW. Die Geisterstadt zieht aber zunehmend Touristen an, welche den Nervenkitzel suchen.

Centralia, Pennsylvania

USA

Und noch eine Geisterstadt, diesmal in den USA: Centralia liegt im östlichen Kohlerevier des Bundestaates Pennsylvania. Einst hatte der Ort 2500 Einwohner; jetzt sind es noch etwa zehn. Die Kohlenindustrie war der grösste Arbeitgeber der Gemeinde, und es gab hier zur Blütezeit sieben Kirchen, fünf Hotels, zwei Theater, 27 Saloons, eine Bank, ein Postamt und 14 Läden. Auch der Niedergang Centralias hat mit der Kohle zu tun: Seit 1962 glimmt unter der Stadt ein Kohlebrand, der die Region unbewohnbar macht. Laut einer Theorie entfachte die lokale Feuerwehr den Brand, als sie eine unterirdische Mülldeponie abbrennen wollte und das Feuer auf die Kohleschichten übergriff. Die Kohle könnte sich aber auch selber entzündet haben.

Houtouwan, Insel ShengshanChina

Houtouwan ist ein chinesisches Fischerdorf auf der Insel Shengshan im Kreis Shengsi, der chinesischen Grossstadt Shanghai vorgelagert. In Houtouwan lebten bis zu 2000 Fischer und ihre Familien in mehr als 500 Häusern. Nach und nach gaben sie die Fischerei aus wirtschaftlichen Gründen auf, und das Dorf wurde in den 1990er Jahren verlassen. Seither sind die Häuser von Grünpflanzen überwuchert worden, was ihnen ein surreales Aussehen verleiht. Damit ist Houtouwan zum beliebten Ausflugsziel und Fotosujet geworden.

Varosha, Famagusta

Zypern

Varosha war ein mondäner Badeort auf der Mittelmeerinsel Zypern, überbaut mit modernen Hotelpalästen. Auch die Filmdiva Elizabeth Taylor machte hier Ferien, und Sophia Loren besass ein Haus. Dann besetzte die türkische Armee 1974 den Norden Zyperns, und der Tourismus brach ein. In der Hauptstadt Nikosia, noch immer zwischen Griechen und Türken aufgeteilt, kann man inzwischen von der einen in die andere Zone wechseln. Doch Varosha bleibt tabu: Die leerstehende Ferienanlage am Stadtrand von Famagusta wird weiterhin von Bauzäunen und Stacheldraht abgeschirmt. Trotz diverser Initiativen sind sich Griechen und Türken punkto Zypern in den 45 Jahren seit der Invasion kaum nähergekommen.

Bodie, KalifornienUSA

Geisterstädte, die an den Goldrausch im Wilden Westen der USA erinnern, gibt es einige. Die am besten erhaltene ist Bodie, gut 300 km östlich der kalifornischen Hauptstadt Sacramento an der Grenze zu Nevada. Bodie entstand um 1860 und verzeichnete einen rasanten Aufschwung: Zwischen 1860 und 1880 stieg die Zahl der Einwohner von zwei (2!) auf 10‘000. Während der Blütezeit zählte die Stadt 65 Saloons, Bordelle, ein Chinesenviertel mit Tempel und Opiumhöhle, eine Eisenbahnstation, mehrere Zeitungen, sieben Brauereien und diverse Kirchen, hatte aber wegen zahlreicher Morde und Raubüberfälle einen üblen Ruf. Der Hype war rasch vorbei. Als der Ort in den 1930er-Jahren aufgegeben wurde, lebten noch knapp hundert Menschen dort. Dank der geringen Luftfeuchtigkeit sind viele Gebäude, Geräte und Autos gut erhalten, und Bodie mit seiner konservierten Wildwest-Atmosphäre ist ein beliebtes Touristenziel.

La Prèsa, TessinSchweiz

Das Tessiner Val Bavona oben im Maggiatal ist durch schroffe Berghänge, Bergstürze, Erdrutsche, Hochwasser und eine wilde Vegetation geprägt. Das Dorf La Prèsa wurde schon vor 400 Jahren wegen eines drohenden Felssturzes verlassen und danach von der Vegetation überwuchert. Doch als zwei relativ gut erhaltene, dreistöckige Turmhäuser aus dem 16. Jhdt. ins Freilichtmuseum Ballenberg abtransportiert werden sollten, regte sich Widerstand. Eine Stiftung wurde gegründet, und auch die Vereinigung für den Schutz des künstlerischen und architektonischen Erbes im Maggiatal (APAV) engagierte sich. Heute präsentiert sich La Prèsa mit seinem 600 Jahre alten Kirchlein, den zwei Turmhäusern und einem Dutzend teilweise renovierter Baulichkeiten, von denen einige bis ins 14. Jhdt. zurückgehen, wieder als schmuckes, wenn auch unbewohntes Dorf. (Artur K. Vogel/Travelcontent)

Erstellt: 22.05.2019, 16:19 Uhr

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