Der Revolutionär und der Wein

Trier feiert den 200. Geburtstag von Karl Marx etwas verschämt. Immerhin erfährt man in Deutschlands ältester Stadt, wie Rebensaft das Denken des Philosophen beeinflusste.

Marx provoziert und interessiert: Enthüllung der Statue, eines umstrittenen Geschenks der Chinesen. Foto: Michael Probst (Keystone)

Marx provoziert und interessiert: Enthüllung der Statue, eines umstrittenen Geschenks der Chinesen. Foto: Michael Probst (Keystone)

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Trier sieht alt aus, könnte man spöttisch bemerken. Jedenfalls brüstet es sich mit entsprechenden Superlativen: älteste Stadt Deutschlands, älteste gotische Kirche, Zentrum der Antike mit der einzigen Kaiserresidenz nördlich der Alpen. Da trifft es sich gut, dass die Stadt auch einen prominenten, vergleichsweise jungen Sohn hat: Karl Marx, der hier am 5. Mai vor 200 Jahren geboren wurde. Dem Wein war er nicht abgeneigt: «Wie der Wein Karl Marx zum Kommunisten machte», heisst denn auch eine Stadtführung unter Bezug auf das gleichnamige Buch von Jens Baumeister. Ein origineller Zugang sowohl zum Jubilaren wie zu seiner Geburtsstadt.

Darin vertritt der Autor die These, dass Marx’ revolutionärer Werdegang eng mit der fast 30-jährigen Weinbaukrise an der Mosel zusammenhing, die ihm die Augen für ökonomische Zusammenhänge geöffnet habe. Die Moselaner hätten ihre Weine schliesslich selbst getrunken – nach dem Motto «das Bisschen, was wir essen, können wir auch trinken». Trunksucht, Not und Hunger breiteten sich epidemisch aus, die Auswanderungswelle nach Übersee setzte ein. Marx, der in Trier 1835 sein Abitur ablegte und dessen Eltern auch ein paar Weinparzellen besassen, erlebte diese Krise hautnah mit. Dass der Moselwein um 1900 zum begehrtesten und teuersten Tropfen weltweit wurde, erlebte der 1883 verstorbene Marx nicht mehr. Und schon gar nicht, dass das Weinbaugebiet wie er selbst zu Tourismus-Highlights wurden.

150'000 Touristen aus China

Denn Marx ist wieder da – im dop­pelten Sinn: «Die Finanzkrise hat Marx und seine Theorie wieder in den Fokus ­gerückt», sagt Michael Thielen, pen­sionierter Lehrer, der als weisshaariges Marx-Double in Triers Gassen unterwegs ist. Vor dem Geburtshaus doziert Thielen über den neuen Marx-Boom und die 150'000 chinesischen Touristen pro Jahr, die es Marx’ wegen nach Trier zieht. Die Ikone des Kommunismus ist seit kurzem auch als monumentale Bronze­statue vor der Porta Nigra zu bestaunen: Ein lang angekündigtes und umstrittenes Geschenk der chinesischen Volks­republik zum 200. Geburtstag des Philosophen. Wenige Tage nach der Enthüllung legten Unbekannte Feuer an die auf einem Sockel stehende Statue. Marx provoziert immer noch.

Das Bundesland Rheinland-Pfalz und die Stadt richten bis zum 21. Oktober eine grosse Ausstellung in zwei Trierer Museen aus: «Karl Marx 1818–1883. Leben. Werk. Zeit». Im Rheinischen Landesmuseum wird sein intellektueller und politischer Werdegang nachgezeichnet. Einblicke in Marx’ wichtigste Schriften sollen zeigen, was an seinen Ideen bis heute aktuell ist. Und im Stadtmuseum Simeonstift wird mit persönlichen Zeitdokumenten seine Biografie beleuchtet – Familie, Weggefährten und die Aufenthaltsorte Trier, Paris, London. Schliesslich widmet sich das Museum am Dom mit der Ausstellung «LebensWert Arbeit» den Themen Arbeitswelten und Menschenwürde. Mit der Karl-Marx-Card für 20 Euro sind alle vier Museen einmal zugänglich – nur das Vergnügen nicht, wofür einst ein Texaner jeden Preis zu zahlen bereit war: eine Nacht in Karl Marx’ Bett zu verbringen. Die Lagerstatt ist nicht mehr auffindbar.

Das kann Trier verschmerzen angesichts der sieben zum Unesco-Welterbe gehörenden Bauwerke aus der Römerzeit: Die Porta Nigra, die Konstantin- Basilika, die Kaiserthermen, das Amphitheater, die Römerbrücke, der Kern des Doms St. Peter sowie die Bar­bara­­­- t­her­men.

Rivalität um die Stadtherrschaft

Zwischen Antike und Marx bietet Trier noch manche Sehenswürdigkeit und gemütliche Ecke. Zum Beispiel das «Zeitsprung-Café» des Landesmuseums, das räumlich in vier Themenbereiche auf­geteilt ist – darunter die Parkterrasse, die in den Garten des Kurfürstlichen Palais eingebunden ist. Eine erholsame Oase der Ruhe.

Neben dem Kurfürstlichen Palais, das als einer der weltweit schönsten Rokokobauten gilt, ist der Hauptmarkt ein Fixpunkt. Seine Bausubstanz aus Mittelalter und früher Neuzeit zeigt die Rivalität zwischen dem Erzbischof und den Bürgern um die Stadtherrschaft. Dem markanten Gebäude der Steipe, dem Repräsentationshaus des Stadtrats und der Honorationen, stehen der Dom als Bischofskirche und die ehemalige Domprobstei, das Palais Walderdorff, gegenüber. Der Brunnen zwischen dem weltlichen und dem geistlichen Machtzentrum wurde 1595 als versöhnliche Geste vom Erzbischof errichtet; er zeigt Petrus als Schutzpatron von Stadt und Dom.

Reben, wohin das Auge reicht

Unterhalb von Trier liegen an der Mittelmosel die prominentesten Weingüter im grössten Steillagengebiet der Welt. Hier konzentrieren sich mit 6000 Hektaren mehr als zwei Drittel des Moselweinbaus. Eine Vorstellung davon erhält man von der frisch restaurierten Burg Landshut aus oberhalb von Bernkastel-Kues: Reben, wohin man blickt. In der Nähe befindet sich die weltberühmte Lage Bernkasteler Doctor direkt über dem historischen Ortskern des Städtchens. Dessen Marktplatz wird von prächtigen Fachwerkbauten umgeben, darunter das Rathaus im Renaissancestil.

Überquert man die Mosel, erreicht man den Stadtteil Kues mit dem spätgotischen Niklaus-Hospital. Dort befindet sich die sehenswerte Bibliothek eines der bedeutendsten Theologen, Philosophen und Universalgelehrten des Mittelalters: Nikolaus Cusanus, 1401 in Kues geboren. Dass dem späteren Kurienkardinal der Wein nicht fremd war, darf man annehmen. Jedenfalls befindet sich in den Gewölbekellern des St.-Nikolaus-Hospitals eine Vinothek als Teil eines modernen multimedialen Weinmuseums. Hier lässt sich die Weinkulturlandschaft erleben und alles über Landschaft, Wein und Brauchtum in Erfahrung bringen.

Die Reise wurde unterstützt von Rheinland-Pfalz Tourismus. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.05.2018, 17:32 Uhr

Tipps und Infos

Moselland

Anreise: Ab Zürich via Mannheim nach Trier in sechseinhalb Stunden. Regionalbahn zwischen Trier und Koblenz entlang der Mosel mit Busverbindungen zum Beispiel nach Bernkastel-Kues.

Unterkunft: Breites Angebot von Hotels über Pensionen, Gästezimmern bis zu Fe- rienwohnungen. www.mosellandtouristik.de

Ausstellungen: In Trier über Karl Marx, www.karl-marx-ausstellung.de; in Bernkastel-Kues über Nikolaus Cusanus, www.cusanus.de

Führungen zu Karl Marx : www.trier-info.de/karl-marx

Allgemeine Infos: www.trier-info.de; Rheinland-Pfalz: www.gastlandschaften.de

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