Der Schlitten wird zur Kutsche

Der Schneemangel in den Alpen ist ein Problem, aber auch eine Chance für neue Angebote. Das zeigt ein Augenschein in Pontresina.

Weisse Winter sind hier längst nicht mehr die Regel: Pferdeschlitten im Val Roseg südlich von Pontresina GR. Foto: Christof Sonderegger/Schapowalow

Weisse Winter sind hier längst nicht mehr die Regel: Pferdeschlitten im Val Roseg südlich von Pontresina GR. Foto: Christof Sonderegger/Schapowalow

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Zwei Kinder knien vor der Polstergruppe in der Lobby des Hotels ­Saratz. Sie malen in der Sonne, die durch die offene Terrassentür scheint. Im Freien sitzen weitere Hotelgäste, nippen an alkoholischen Getränken und geniessen die Aussicht auf den Piz Rosatsch.

Aller Harmonie in Pontresina GRzum Trotz, etwas Beunruhigendes hat der Moment: Es ist Ende Januar, mitten im Winter, doch die Hänge sind grün. Noch vor zwanzig Jahren wären sie garantiert in weisser Pracht erstrahlt. Damals versank das Oberengadin in dieser Jahreszeit regelmässig im Schnee. Doch an diesem Sonntagnachmittag sind die weissen Massen nur auf den umliegenden Berggipfeln zu erkennen. Nach drei aufeinanderfolgenden schneearmen Jahren ist es gut möglich, dass die Flocken trotz verheissungsvollem Start auch jetzt nur spärlich fallen.

«Das Engadin hat nie alleine vom Winter gelebt

Thierry Geiger macht es sich auf einem Biedermeier-Sessel in der Hotellobby bequem. Der 46-jährige Tessiner führt mit seiner Frau Anuschka seit bald zehn Jahren das Viersternhotel Saratz, in dem der Komponist Johann Strauss Ende 19. Jahrhundert seinen Lebensabend verbracht hatte.

«Das Engadin hat nie alleine vom Winter gelebt. Sommer und Herbst sind hier genauso wichtig», sagt Geiger. Das Gute am Winter sei aber die Beständigkeit des Wetters. Im Juli oder August könne das Thermometer innert Stunden von 25 auf unter null Grad sinken.

Geiger blickt wie viele Berufskollegen auf schwierige Jahre zurück: Finanzkrise 2009, die zeitversetzt den Bergtourismus mit voller Wucht traf. Dann der starke Franken, und immer weniger Schnee. Die ausländische Kundschaft schrumpfte Jahr um Jahr. Vor der Finanzkrise zählte das ­Hotel Saratz zehn Prozent italienische Gäste. Heute sei es nur noch ein Prozent. Doch Geiger sagt: «Ich denke, wir haben die Talsohle durchschritten.» Jetzt würden die sieben fetten Jahre kommen.

Skifahren ist nur eine Option unter vielen

Die Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF) gibt ihm recht. 3,4 Prozent beträgt das korrigierte Plus bei den Logiernächten im Vergleich zum Vorjahr, wie die KOF in einer Prognose zum Schweizer Tourismus schreibt. Zum Aufschwung trügen vor allem Gäste aus Märkten wie China oder Indien bei. Geiger betont den zunehmenden Ausgleich zwischen Sommer- und Wintersaison: «Wer ausschliesslich auf Wintersport setzt, bekommt Probleme.»

In Pontresina ist Skifahren im Winter nur noch eine von vielen Optionen. Besucher fliegen mit dem Gleitschirm, machen Schneeschuhtouren, gehen Schlittschuh laufen, Pony reiten, oder sie fahren mit dem Pferdeschlitten ins Val Roseg für einen Spaziergang auf dem Gletscher.

Nachfahren einer einst ausgestorbenen Pferderasse

Das enge Tal liegt um 10 Uhr morgens noch im Schatten. Die Temperaturen sind deutlich unter dem Gefrierpunkt. Die Kufen des Schlittens lassen sich mit einem Handgriff über das Niveau der Räder ziehen. So kann ihn der Fuhrmann simpel in eine Kutsche umfunktionieren. Das ist nötig, weil auf Teilen der Strecke kein Schnee liegt.

Zwei Burgdorfer Pferde ziehen das Gefährt. Ihre strammen Rücken dampfen während des steilen Aufstiegs immer heftiger. «Für mich sind das die schönsten Pferde der Welt», sagt Kutscher Daniel Duro. Burgdorfer sind eine Schweizer Rasse, die eigentlich in den 60er-Jahren ausgestorben ist. Die Familie Wohlwend in Pontresina setzte sich in den Kopf, die Burgdorfer wieder heranzuzüchten, indem sie die Pferderassen Ardenner und Freiberger kreuzte.

Mit einem heftigen Zügelzug bringt Duro die Pferde vor dem Restaurant und Hotel Roseg Gletscher zum Stillstand. Die Tiere ­haben sich auf der stündigen Fahrt verausgabt und wenden sich dem Hafer im Trog zu. «Das müssen Sie nicht essen», witzelt der Kutscher, «probieren Sie lieber den Jäger­teller im Restaurant.» Das Gericht kommt mit Hirsch- und Steinbock-Salsiz, Hirschtrockenfleisch, Wildschweinschinken und Birnenbrot. Es macht dem Wandschmuck im Colani Stübli alle Ehre. Dieses besteht aus den Geweihen erlegter Steinböcke und ist definitiv nichts für Tierfreunde. Trost finden diese im Ausblick auf den Roseggletscher und auf den Eis-Stupa, der sich vor dem Restaurant türmt.

Mahnmal für den schmelzenden Gletscher

Stupas trifft man ansonsten nur im Himalaja. Sie dienen der Konservierung von Wasser, weil sich auch dort die Gletscher zurückziehen. Eine Sprinkleranlage, die in einem bestimmten Winkel angelegt ist, versprüht im Val Roseg wochenlang Wasser, bis ein Eiskegel entstanden ist, der ein Einfamilienhaus überragt. Der Stupa beim Roseggletscher hat keine praktische Funktion, sondern ist ein Symbol. Er soll fassbar machen, wie schnell der Morteratschgletscher, der grösste Gletscher in Graubünden, zurückgeht. Tatsächlich verliert er jährlich die Dimension von 15 000 Stupas.

Zurück in der Lobby des Hotels Saratz: Die Kinder haben ihre ­Erinnerungen an die Sportwoche gemalt. Keine Bilder verschneiter Pisten oder vom Anstehen am ­Skilift, sondern vom Schlittschuhlaufen bei Nacht, begleitet von kräftigen Burgdorfer Pferden. In der Mitte der Schlittschuhbahn steht ein Stupa.

So verändert sich in der kindlichen Wahrnehmung der Winter. «Klar, dass wir da mitziehen müssen», sagt Hoteldirektor Thierry Geiger.


Die Reise wurde unterstützt von Pontresina Tourismus

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 08.12.2017, 17:21 Uhr

Schneeschuh-Trail und Reitschule



Unterkunft
Hotel Saratz, DZ im Januar ab 295 Fr.

Essen
Hotel Restaurant Roseg Gletscher

Wintersport
Ski fahren auf Diavolezza/Lagalp; www.engadin.stmoritz.ch

Bernina-Schneeschuh-Trail
www.berninatrekking.com

Kutschenfahrt und Reitschule
www.engadin-kutschen.ch

Allg. Infos und weitere Aktivitäten
www.pontresina.ch

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