Der Teufel fliegt nie um die Ecke

Eine Berliner Architektenfamilie inszeniert in ihren Hotels den grössten Trumpf Mecklenburg-Vorpommerns – die Natur.

Das Kavaliershaus Schloss Blücher in Fincken, Mecklenberg-Vorpommern. Foto: PD

Das Kavaliershaus Schloss Blücher in Fincken, Mecklenberg-Vorpommern. Foto: PD

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Man hört allein das Geräusch sanften Rupfens. Ein Paar döst auf Holzliegen in der Sonne. Zwei Schafe stehen daneben und fressen das Gras ab. «Hatten Sie schon einmal das Vergnügen, einer Schafschur beizuwohnen?», erkundigt sich Gernot Nalbach. Gerade war der Schafscherer da. «Er setzte sich die Tiere auf den Schoss. Ihr Blick wurde trüb, und sie schauten regungslos Richtung Dänemark!»

Gernot Nalbach, ein Mann mit Jackett, Hemd und Hosenträgern in Schwarz, läuft durch den Garten des Seehotels am Neuklostersee, im Norden Mecklenburgs. Er und seine Frau Johanne, gebürtige Österreicher, haben einen alten Bauernhof in ein Boutique-Hotel umgewandelt. Die beiden sind Architekten in Berlin, keine klassischen Hoteliers, und sie wollten «keine Klischees». Dem Künstlichen und Unpersönlichen eines Hotels halten sie ihren eigenen Geschmack entgegen. Hier am Neu­klostersee, südöstlich von Wismar in Mecklenburg, ist der Rasen nicht wie mit der Nagelschere abgeschnitten, auf dem Dach des Bootshauses darf Moos wachsen, und beim Stutzen ist der Gärtner angehalten, «die Persönlichkeit des Strauches» zu wahren. «Kennen Sie das Gemälde von Max Liebermann vom Wannsee?», fragt ­Gernot Nalbach, während er eine ­kubanische Zigarre pafft. «So wollten wir es haben!» Also hat er Birken nicht nur neben, sondern auch auf den Pfad gepflanzt, damit die Anlage ganz alt aussieht. In der reetgedeckten Fachwerkscheune veranstalten die Nalbachs Lesungen und Konzerte, neben dem alten Klinkerbauernhaus ­haben sie noch ein Spa-Haus und eine «Badescheune» mit Zimmern und Pool gebaut.

Der Buchenwald ist als Weltnaturerbe

Als junger Architekt ging Gernot Nalbach von Wien nach Berlin, um sich für eine Assistentenstelle an der Universität zu bewerben, bekam aber eine Professur. «Man muss nur überzeugend sein», sagt er. Wie läuft das? «Indem man selbst überzeugt ist.» Wochenlang hat er getüftelt, um einen Grill aus einem antiken Pflug zu bauen. «Ich wollte Geraden vermeiden», erzählt er und zeigt auf einen anderen Pfad, «das ist christlicher Aberglaube, der besagt, dass der Teufel nicht um die Ecke fliegen kann.» Gernot Nalbach liess einen Korbflechter das Nest des afrikanischen Webervogels für menschliche Masse nachbauen, das jetzt für die Gäste in einer Astgabel liegt. In einen Baumstumpf hat er das Datum des Mauerfalls in den entsprechenden Jahresring geritzt. Immer wieder begegnet der Gast diesem Geist, der in spielerischen Dialog mit Mecklenburgs grösstem Trumpf tritt: der Natur.

Hier sieht man menschenleere Wiesen und Seen, ein Anblick, den man sonst in Deutschland selten findet. Mecklenburg-Vorpommern hat von allen Bundesländern den zweitgrössten Anteil an landwirtschaftlichen Flächen und den grössten an Wasser. Das am dünnsten besiedelte Bundesland hat Meer, viele Seen und schöne Wälder – der Buchenwald um das Örtchen Serrahn herum ist von der Unesco geschützt, ein Weltnaturerbe. «Echte Urwälder gibt es in Europa nicht mehr», sagt Nora Künkler, Biologin vom Nationalparkamt Müritz, die durch den ­Buchenwald führt. Einige Wälder in den Karpaten, Ostpolen, den Alpen und dieser Buchenwald auf einer Endmoräne sind Biotope auf dem Weg zurück zum Urwald.

Nalbachs Tochter inszeniert Geschichte

«Viele unserer kleinen Buchen haben das Oskar-Syndrom», erklärt sie und streicht über die zartgrünen Blätter eines meterhohen Baums. Gemeint ist Oskar Matzerath aus der «Blechtrommel». Sie können nicht wachsen, weil sie unter den Baumriesen ein Schattendasein führen. Aber sie können bis zu 200 Jahre alt werden, bevor sie sterben, das ist ihr entscheidender Vorteil. Damit überleben sie alle anderen Baumarten. Von einem Ausguck schauen wir auf den Grossen Serrahnsee über das Moor, wo abgestorbene Kiefern und Birken in einem Meer aus Wollgras stehen. Der Wind bewegt die weissen Köpfe, die sonst flauschig sind wie Watte, aber nun vom Regen verfilzt wie alte Putzlappen. Ein Seeadler segelt vorbei.

Die Achtung vor der Natur spürt man auch im zweiten Hotel der Nalbachs im winzigen Dorf Fincken im westlichen Teil der Mecklenburgischen Seenplatte. Der Garten ist urwüchsig und wildromantisch. Das Hotel, ein klassizistisches ehemaliges Kavaliershaus, führt die Tochter der Nalbachs, Lena, die im Büro der Eltern als Architektin arbeitet. Sie kommt jede Woche her, auch sie ist weniger Hotelière, vielmehr Archivarin, Detektivin, Forscherin und Historikerin. Sie gräbt sich atemlos durch die tiefen Schichten, des Mauerwerks, der Erde und der Vergangenheit. Sie hat versucht, einen alten Brunnen auszugraben, den der wünschelrutelnde Bürgermeister für sie entdeckt ­hatte. Monatelang kratzte sie die Tapeten von den Wänden, um verborgene alte Muster freizulegen. Sie erforscht das Tierleben im ­Garten, die Insekten, Fledermäuse, Katzen.

Lena Nalbach will alles herausfinden und bewahren, ­befragte die Leute im Dorf, wie es ­damals war in der Schule, die in der DDR im Kavaliershaus unterkam. Sie rettet alte Schulbänke vor dem Feuer, jagt alten Geschichten hinterher und versucht, die Vergangenheit jeder Münze und jedes Kleidungsstücks zu ergründen, das sie hier gefunden hat. «Warum wollen Sie das alles wissen?», fragten sie die verdutzten Dorfbewohner.

Lena Nalbachs Interesse an dem, was war und ist, begegnet man im Hotel. Im Restaurant ­namens Klassenzimmer inszeniert sie dessen Vergangenheit als Schule mit alten Schülerfotos oder Schiefertafeln. Die Hotelchefin persifliert im Ruheraum im Keller die Fitnessräume der Hotels, sie hat ihn dekoriert mit antiken ­Geräten aus dem Sportunterricht, mit Stufenbarren, ledernen Turnböcken und Medizinbällen mit ­Patina. In den oberen Suiten, in deren Gebälk ein halber Wald ­verbaut ist, liess Lena Nalbach das Holz so abschleifen, dass die Wurmlöcher und die eingeritzten Zeichen der ersten Handwerker sichtbar bleiben. Die Wildnis hinter dem Hotel, durch die man zum einsamen See gelangt, lässt sie ­ungezähmt.

Eine Schneise im Dickicht muss genügen.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 23.03.2018, 16:44 Uhr

Mehr als 1000 Seen



Anreise
Helvetic Airways fliegt ab 18. Mai Freitag und Sonntag von Zürich nach Rostock-Laage, www.railtour.ch. Weiterreise nach Nakenstorf: ab Rostock Zug nach Blankenberg, Bus nach Neukloster. Nach Fincken: Shuttlebus ab Flughafen Rostock nach Röbel, 12 km von Fincken.

Hotels
Seehotel am Neuklostersee, Nakenstorf, ­Gourmet-Restaurant Allesisstgut mit frischer, re­gionaler Küche, DZ mit Frühstück ab 140 Euro, Tel. 0049 38422 4570.
Kavaliershaus Schloss Blücher, Fincken, DZ mit Frühstück ab 100 Euro, Tel. 00493992282700.


Mecklenburgische Seenplatte
Grösstes zusammenhängendes Seengebiet Mitteleuropas, mehr als 1000 Seen, verbunden durch Flüsse und Kanäle.

Aktivitäten
Kanufahren auf der Müritz, Deutschlands grösstem Binnensee. MüritzKanu, in Boeker Mühle.

Im Wald
Wandern um Serrahn.

Allgemeine Informationen
www.1000seen.ch

www.mvp.de

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