Die Eisbärin und die Landgänger

Auf einer Expeditionsreise rund um Spitzbergen sorgt vor allem die Tierwelt für Überraschungen.

Für ganz Mutige: Der traditionelle Polar Plunge bei 3 Grad Celsius im Magdalenenfjord. Foto: Genna Roland

Für ganz Mutige: Der traditionelle Polar Plunge bei 3 Grad Celsius im Magdalenenfjord. Foto: Genna Roland

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Es dauert eine Weile, bis auch der letzte Passagier die Dramatik der Situation erfasst hat. Zunächst ist dort drüben, hinter der Uferzone, nur ein kleiner gelblicher Fleck zu erkennen, der sich von der graubraunen Ödnis der Tundra abhebt. «Schau, dort bewegt sich was.» «Tatsächlich, jetzt sehe ich es auch.» «Das muss ein Eisbär sein!» Die Kameraverschlüsse klicken im Stakkato. Den ersten Eisbären auf dieser Reise will keiner verpassen.

Vor drei Tagen sind sie in Zürich abgeflogen: 130 abenteuerlustige Schweizer wollen während einer Woche Spitzbergen umrunden. Als der Edelweiss-Airbus nach vier Stunden die tief hängende Wolkendecke durchbricht und im Landeanflug den Blick auf eine archaische Gletscherlandschaft freigibt, herrscht ehrfürchtige Stille. Aus der Vogelperspektive erinnert die mystische Schönheit dieser Inselgruppe an die Heimat, zugleich aber wirkt sie wie eine ferne Welt in einer anderen Zeit.

Die «Krone der Arktis», wie die Norweger ihr Verwaltungsgebiet im Eismeer gerne nennen, ist, gemeinsam mit der im Osten benachbarten russischen Inselgruppe Franz-Josef-Land, Europas äusserster Vorposten, der nördlichste Archipel der Welt. Hinter den Inseln, auf der Höhe des 80. Breitengrads, liegt die Packeiskante. Bis zum Pol sind es keine tausend Kilometer.

«Lass alles stehen und liegen und folge mir in die Arktis!»

Als die MV Spitsbergen vor dem Pier von Longyearbyen den Anker lichtet, zeigen die Uhren späten Nachmittag. Doch was hat das schon zu bedeuten, wenn die Sonne nie untergeht? Wer verdunkelt seine Kabine, um zu schlafen, wenn draussen Eisberge vorüberziehen und Polarbären den Robben nachstellen?

«Es ist ein Weibchen.» Fritz Jantschke hat das Bild auf dem Kameradisplay herangezoomt, bis der gelbliche Fleck die Konturen eines Eisbären annimmt. Mit 70 Jahren ist der Zoologe der Senior im Expeditionsteam. Seit vier Jahrzehnten bereist er die Kon­tinente der Welt und weiht Touristen als sogenannter Lektor in die Geheimnisse der Fauna ein. Die polaren Regionen liegen ihm besonders am Herzen, weil hier das ökologische Gleichgewicht am schutzbedürftigsten sei. «Sie ist ziemlich ausgezehrt», fährt Jantschke fort. «Sieht gefährlich aus – eine hungrige ­Bärin ist unberechenbar.»

Er hebt den besorgten Blick von der Kamera hinüber zur Küste. Jetzt kann man auch von blossem Auge erkennen, dass das Tier seine Schritte zügig am Ufer entlang in südliche Richtung lenkt – genau zu der Stelle, wo ein Bären­jäger vor beinahe hundert Jahren seine Hütte errichtet hatte. Noch heute steht sie da, zwischen zwei Fjorden im Norden der Hauptinsel: eine bescheidene Unterkunft, aus Planken zusammengenagelt, unweit einer Landzunge. Literarisch gebildete Arktisfans kennen die Unterkunft als Ritter-Hütte. Jetzt wissen auch die Passagiere der MV Spitsbergen, was es damit auf sich hat – dank Stien Aadland.

Schulterlange, weizenblonde Haare, blaue Augen: Der Norweger ist mit 28 Jahren der Jüngste im Begleiterteam und der Prototyp des modernen Wikingers. Als erfahrener Trapper kennt er Spitzbergens Wildnis. Bei Anlandungen steht Stien am Steuer des Zodiac-Boots, mit der Flinte übernimmt er die Verantwortung für die Sicherheit seiner Gäste. Darüber hinaus gab Stien sich mit einem Vortrag über die österreichische Künstlerin Christiane Ritter als begnadeter Redner zu erkennen.

1934 kabelte ihr Gatte Hermann Ritter, der im Rahmen einer wissenschaftlichen Expedition als Kapitän nach Spitzbergen gereist war, nach Hause: «Lass alles stehen und liegen und folge mir in die Arktis!» Und sie folgte ihm, überwinterte als erste Mitteleuropäerin zusammen mit ihrem Mann und einem befreundeten Trapper in der kleinen Behausung und schrieb auf, wie sie nach dem ersten Schock dem Zauber dieser unwirtlichen Einöde erlag: Das Buch «Eine Frau erlebt die Polarnacht» wurde zum Bestseller.

Noch leben mehr Eisbären als Menschen auf der Inselgruppe

Selten verlaufen Expeditionen im hohen Norden nach Plan. Stürmische Winde und die kaum berechenbaren Kapriolen des Meer­eises fordern die nautische Crew heraus. Die Absicht, PhippsØya, Spitzbergens nördlichste Insel, zu erreichen, scheitert am Packeis. Auch die Hinlopenstrasse, jener Wasserweg, der die Hauptinsel vom Nordostland trennt, ist blockiert: Kollidierende Schollen türmen sich zu bizarren Skulpturen auf. Bald schon schliesst sich das Eis und bildet eine geschlossene Decke, die sich rhythmisch hebt und senkt.

Erstaunlich viel Leben gibt es im Eismeer. Auf der Sandbank Moffen liegen mehrere Dutzend Walrosse eng aneinandergekuschelt. Zwischendurch tragen sie unter furchterregendem Gebrüll Scheingefechte aus. Und elegant zieht ein gigantischer Schatten durch die Fluten, der plötzlich neben dem Schiff aus dem Wasser steigt, schnaubend eine Fontäne in die Luft sprüht und wieder verschwindet.

«Ein Blauwal», staunt Fritz Jantschke. «Das grösste Lebewesen aller Zeiten.» Der Zoologe kann sein Glück kaum fassen: «Blauwalsichtungen, zumal so nah, sind weltweit äusserst selten.»

Im Gegensatz zum Eisbären: Begegnungen mit dem König der Arktis sind auf Spitzbergen immer und überall möglich – an Land, im Wasser, gelegentlich sogar in der Stadt. Rund 3500 Tiere leben auf der Inselgruppe, tausend mehr als Menschen. Im Zug der Klima­erwärmung dürfte sich dieses Verhältnis in absehbarer Zeit drastisch verändern – zuungunsten des ­Eisbären.

Der Eisbär hat Witterung aufgenommen und erkundet die Ritter-Hütte. Foto: Genna Roland

Der einzige Eisbär, den die Passagiere auf dieser Reise zu sehen bekommen, ist das hungrige Weibchen, das deutlich erkennbar seine Schritte beschleunigt: In wenigen Minuten wird die Bärin die Ritter-Hütte erreichen.

Vor wenigen Minuten hat die MV Spitsbergen die Hütte passiert. Dort ist ein Ausflugsschiff vor Anker gegangen, am Ufer ist das Schlauchboot vertäut. Touristen sind deutlich erkennbar. Unsere Expeditionsleitung hat hingegen beschlossen, auf eine Anlandung zu verzichten. «Ob die wohl ein Gewehr haben», fragt ­jemand.

Die Bärin hat längst die Witterung der Landgänger aufgenommen. Plötzlich erkennen alle an Bord der MV Spitsbergen das absehbare Drama. «Wir müssen ­etwas tun! Wir müssen zum ­Kapitän!»

Auf der Brücke steht Kapitän Odlieff Engvik am Funkgerät. Kanal 16 ist für Notrufe stets offen. «Geht sofort an Bord – sofort! Ein Eisbär nähert sich!»

Als die Bärin die Hütte erreicht, hebt sie witternd die Nase. Das Schlauchboot hat abgelegt. Auf dem Promenadendeck atmen die Passagiere der MV Spitsbergen auf. «Gut möglich», sagt jemand, «dass unser Kapitän soeben jemandem das Leben gerettet hat.» «Fragt sich bloss», gibt Fritz Jantschke zu bedenken, «wessen Leben – das eines Menschen oder jenes der Bärin . . .»

Die Reise wurde unterstützt von Kontiki Reisen

Erstellt: 20.01.2020, 15:56 Uhr

Mit dem Schiff in den nördlichsten Archipel

Spitzbergen: Zwischen 74. und 81. Breitengrad umfasst der weltweit nördlichste Archipel zwei grosse sowie 400 kleine Inseln. Rund 2500 Einwohner aus 50 Nationen leben hier. Seit 100 Jahren ist die Inselgruppe als Svalbard norwegisches Verwaltungsgebiet. www.visitsvalbard.com

Arrangement: Nordland-Spezialist Kontiki führt zwei Expeditionsreisen durch: 11.–21.7. mit der MV Sea Spirit, ab 11'500 Fr.; 21.–29.7. mit der MV Spitsbergen, ab 9250 Fr., Preise p. P. im DZ, inkl. Edelweiss-Flug ab Zürich.

Buchen: Kontiki Reisen, Tel. 056 203 66 66, www.kontiki.ch

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