Die Heilige Barbara und die Zwerge

Sonntagsausflug zum stillgelegten Bergwerk bei Horgen ZH, wo sich seltsame Wesen tummeln und einer Heiligen gehuldigt wird.

Kohleabbau bei kargem Licht: Bergwerk Käpfnach bei Horgen ZH. Foto: Stefano Schröter

Kohleabbau bei kargem Licht: Bergwerk Käpfnach bei Horgen ZH. Foto: Stefano Schröter

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«Glückauf!»

In grossen Lettern prangt der traditionelle Gruss der Bergleute über dem Portal, durch welches ein kleiner Elektrozug ins schwarz gähnende Loch rumpelt. Rittlings hocken die Besucher auf einem gepolsterten Balken, und obwohl sie sich bemühen, die Köpfe einzuziehen, schrammt die niedrige Stollendecke immer wieder mit einem hässlichen Geräusch über die gelben Helme.

Helme, erläutert Werner Klaus fünf Minuten später und 500 Meter tiefer im Stollen, hätten seinerzeit die Kumpels nicht getragen: «Sie schützten ihre Köpfe mit Filzhüten.»

Klaus ist Präsident des Bergwerkvereins Käpfnach, der vor 35 Jahren gegründet wurde, um das grösste Braunkohlebergwerk der Schweiz als Museum wiederzubeleben – und um jener ­Männer zu gedenken, die im Schacht unter schwierigen Bedingungen Schicht schoben. Mit den Einnahmen aus den Führungen werden die Unterhaltsarbeiten zur Sicherung der begehbaren Stollen gedeckt. Denn noch heute fahren sie regelmässig in den Berg ein, die aktiven Mitglieder des Vereins, und sie verrichten in etwa dieselben Arbeiten wie die Kumpel von einst: Sie schlagen lockeres Gestein aus dem Felsen und ersetzen morsche Stützpfeiler.

Am Zürichsee von 1700 bis 1947 Kohle abgebaut

1548 wurde die Käpfnacher Kohle erstmals urkundlich erwähnt; im Aabachtobel hatte das Wasser ein Flöz freigespült; 160 Jahre später begann man damit, den Bodenschatz abzubauen. Seither war das grösste Kohlebergwerk der Schweiz, 100 Meter unter der Zürcher Seegemeinde Horgen, in mehreren Phasen in Betrieb – bis 1947. Insbesondere rund um die vorletzte Jahrhundertwende und während der beiden Weltkriege sollte die qualitativ dürftige, dafür schwefelhaltige Kohle aus Horgen das Land mit eigener Energie versorgen. «Rentiert hat das allerdings nie», sagt Klaus. «Die Importkohle war einfach sehr viel besser und auch sehr viel billiger.»

Plötzlich geht das Licht aus. Bedächtig zündet Werner Klaus zwei Kienspäne an, in deren schwach flackerndem Schein allmählich die Konturen von zwei Männern erkennbar werden – einer liegt, eng an den Felsen geschmiegt, in einer Vertiefung, der andere kauert in gebückter Haltung hinter ihm. «Das sind Benno und Luigi», stellt Werner Klaus die täuschend echt gestalteten Gestalten vor. «Sie müssen bei diesem kargen Licht arbeiten; Benno hämmert im Abbauschlitz die Kohle aus dem Berg, Luigi schafft das Material in die Lore. Nach vier Stunden wechseln sie einander ab.»

Die beiden sind nicht die einzigen ständigen Bewohner dieser Unterwelt. Aber das wissen nur die Kinder. Gelegentlich, wenn ganze Schulklassen das Bergwerk besuchen oder wenn ein Kindergeburtstag zur Abwechslung einmal unter Tage gefeiert wird, kann es sein, dass in einem Seitenstollen ein Schatten vorbeihuscht. «Das sind die Bergwerkzwerge», erklärt Werner Klaus. «Wir Erwachsenen können sie nicht sehen, und sie sind auch nicht wirklich böse. Aber sie spielen gerne Streiche – sie schrauben Glühbirnen raus, stellen heimlich eine Weiche um oder hängen die Lok ab.»

Wer Barbara heisst, erhält einen Zweig

So deutlich, wie Kinder Zwerge sehen können, so unerschütterlich glauben die Erwachsenen an die Barbara. Abgesehen von der Mutter Gottes, wird wahrscheinlich keine andere Heilige so glühend verehrt wie die Schutzpatronin der Bergleute und Tunnelbauer. Unweit der Stelle, wo Benno und Luigi schuften und Zwerge ihr Unwesen treiben, leuchtet sie in farbigem Glas von der Wand.

Barbara war, weil sie sich ­weigerte, dem Christentum abzuschwören, vom eigenen Vater enthauptet worden, am 4. Dezember Anno Domini 306. Es heisst, dass ein Kirschzweig, der an ihrem Todestag frisch geschnitten und in eine Vase gestellt wird, pünktlich zum Jahrestag der Geburt Christi erblüht – am Heiligen Abend.

Und so ist der 4. Dezember im Bergwerk Käpfnach der letzte Tag im Vereinsjahr zugleich der wichtigste im ganzen Jahr. An der Barbara-Feier, die Präsident Klaus tief im Stollen zelebrieren wird, wird zum Apéro Weisswein kredenzt, wenn die Besucher wieder ausgefahren sind, gibt es Ghackets mit Hörnli für alle. Und jede Barbara wird mit einem Kirschzweig aus der Hand des Präsidenten beehrt.

Was, wenn die Zahl der Besucherinnen, die Barbara heissen, grösser ist als der Vorrat an Chriesi-Zweigen?

«Dann», schmunzelt Werner Klaus, «genügt der Name nicht mehr. Dann muss die Barbara auch noch das Schlüsselwort kennen.» Und das wäre? «Was wohl …? Der alte Bergmannsgruss!»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 24.11.2017, 14:23 Uhr

Bergwerk

Öffentliche Führungen April bis November, Samstag 13.00–16.30 Uhr, Gruppen auf Voranmeldung, Tel. 044 725 39 35, Barbara-Feier: 4. Dezember ab 18 Uhr, www.bergwerk-kaepfnach.ch.

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